Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Zwei Seelen

Die BRD und ihr Außenhandel
Von Jörg Kronauer
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Neue Volkswagen, produziert in Changchun, China

Ein wenig faustisch veranlagt ist es schon, das deutsche Kapital. Zwei Seelen wohnen, ach! in seiner Brust: Da gibt es zum einen das transatlantische, zum anderen das China-Geschäft. Durch den Handel mit den Vereinigten Staaten, vor allem aber auch durch Investitionen dort ist die bundesdeutsche Industrie groß, reich und mächtig geworden, und noch heute verdienen Unternehmen aus der Bundesrepublik in keinem Land der Welt soviel Geld wie in den USA. Nur: Der Hegemon der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat wohl seinen Zenit überschritten; Asien, vor allem China steigt unaufhaltsam auf. Das Geschäft deutscher Firmen in der Volksrepublik wächst gewaltig, auch die Investitionen nehmen rasant zu. Gerade erst hat VW angekündigt, die nächsten zwei Milliarden Euro in seine E-Auto-Offensive in China zu stecken. Der Konzern zählt zu denjenigen deutschen Unternehmen, für die die Volksrepublik schon heute der größte Markt überhaupt ist – mit ihrer Bevölkerung, die viermal so groß ist wie die der USA und von der sich immer mehr Menschen ein neues Auto leisten können. Steckt im US-Geschäft die geballte Kraft des gewonnenen Kalten Kriegs, so steckt im China-Geschäft die Zukunft.

Was nun aber, wenn sich – ganz faustisch – die eine Seele von der anderen trennen will, wenn die Vereinigten Staaten, ihre globale Dominanz verteidigend, immer lauter für den Machtkampf gegen China trommeln? Dann ruft in der teutonischen Brust der Transatlantiker zur Schlacht. Springers Welt erklärt Hongkong zum »neuen West-Berlin«, und der Grünen-Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer fordert, einen Mechanismus für EU-Sanktionen gegen die Volksrepublik zu installieren. Und es kommt hinzu: Wen hat man im Kosovo gebraucht, und wen braucht man immer noch, wenn man Kriege führen will? Na also. Nur: Kann man dabei auf das große Zukunftsgeschäft verzichten? Der Transatlantiker sagt: Ja. »Wir müssen uns entscheiden«, tönte kürzlich Springer-Chef Mathias Döpfner: Auch wenn der China-Handel schon 200 Milliarden Euro im Jahr erreiche – der Verzicht darauf wiege wohl schwer, er sei aber »nicht untragbar«. VW kommentierte das mit neuen Milliardeninvestitionen – in der Volksrepublik.

Und die Bundesregierung? Sie sucht die zwei Seelen zusammenzuhalten. Hongkong? Dessen Autonomie dürfe »nicht ausgehöhlt werden«, fordert, ganz Transatlantiker, Außenminister Heiko Maas. Aus Protest den EU-China-Gipfel in Leipzig absagen? Es sei »wichtig, einen Dialog mit China zu führen«, erklärt Maas, diesmal ganz Interessenvertreter der Industrie. Freilich wird Faust, will er im anschwellenden Machtkampf zwischen Washington und Beijing keine seiner beiden Seelen verlieren, sehr stark sein müssen – erheblich stärker als bisher. Daher der mittlerweile fast schon verzweifelte Ruf nach einer machtvollen, in der Weltpolitik geschlossen auftretenden EU. Davon allerdings ist die Union – die Coronakrise zeigt es – wohl weiter entfernt denn je.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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