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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 7 / Ausland
»Islamischer Staat«

Noch lange nicht besiegt

Wiedererstarken des »Islamischen Staats« im Irak und in Syrien spielt US-Administration in die Hände
Von Wiebke Diehl
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Irakische Einsatzkräfte während einer Operation gegen den »Islamischen Staat« in der Provinz Anbar (29.12.2019)

Am 26. Mai tötete ein von der US-geführten »Militärkoalition im Irak und in Syrien« in der Nähe des syrischen Deir Al-Sor ausgeführter Luftschlag den irakischen Anführer des »Islamischen Staats« (IS), Mutas Al-Dschaburi. Laut irakischem Verteidigungsministerium war er für die Planung und Koordinierung von Terroroperationen verantwortlich. Im vergangenen Jahr hatte Washington ein Kopfgeld von fünf Millionen US-Dollar auf ihn und zwei weitere hochrangige IS-Mitglieder ausgesetzt.

Der einst über mehr als acht Millionen Menschen und weite Teile Syriens und des Irak herrschende IS hat sich seit dem Verlust des letzten Stücks Territorium im syrischen Baghus im letzten Frühjahr reorganisiert und seine Anschläge intensiviert. So wurden etwa am 9. April bei Gefechten unweit des syrischen Homs mindestens 27 Regierungssoldaten von IS-Kämpfern getötet. Am 1. Mai starben nahe Bagdad zehn Kämpfer der irakischen Volksmobilisierungskräfte (Al-Haschd Al-Schaabi), die inzwischen in die irakische Armee eingegliedert sind, durch einen Angriff der Dschihadistenmiliz. Ein dem UN-Sicherheitsrat im Januar vorgelegter Bericht, der sich auf die Erkenntnisse von Sicherheitsbehörden mehrerer Mitgliedstaaten stützt, bescheinigt dem IS, er sei auf dem Weg, im Irak und in Syrien zu alter Stärke zurückzufinden. Schätzungen gehen von bis zu 18.000 Mitgliedern aus. Gemäß einem Bericht des Inspektors der US-geführten »Operation Inherent Resolve« verfügt der IS über finanzielle Reserven von Hunderten Millionen US-Dollar.

Im Irak macht sich die Terrormiliz neben der Coronapandemie das monatelange Machtvakuum zunutze, das auch mit der Vereidigung von Exgeheimdienstchef Mustafa Al-Kadhimi als neuem Premierminister nicht ganz behoben werden konnte. Denn Al-Kadhimi verfügt nur über eine äußerst brüchige Machtbasis und konnte wichtige Posten wie die des Außen- und Ölministers noch nicht besetzen. Zudem wird ihm vorgeworfen, in die Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani und mehrerer hochrangiger irakischer Begleiter am 3. Januar in Bagdad involviert gewesen zu sein. Die Strategie des IS, ihm bekannte Sicherheitslücken auszunutzen und die sunnitischen Stämme wieder auf seine Seite zu ziehen, indem als irakische Soldaten verkleidete Terroristen Greueltaten begehen und sie den staatlichen Sicherheitskräften unterschieben, geht vielerorts auf. So haben etwa die sunnitischen Stammesführer in der Provinz Al-Anbar die Volksmobilisierungskräfte aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. US-Soldaten sollten deren Stellungen einnehmen – obwohl das irakische Parlament im Januar mehrheitlich den Abzug aller ausländischen Truppen gefordert hatte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass der IS den US-Truppen den Verbleib im Irak sichert. Schon 2014 wurden diese zur Unterstützung gegen die Dschihadistenmiliz zurückgerufen, nachdem die irakische Regierung 2011 den Abschluss eines dauerhaften Truppenstationierungsabkommens verweigert hatte. Die US-Administration scheint sich dessen bewusst zu sein und bekriegt mit den Kataib Hisbollah (nicht zu verwechseln mit der libanesischen »Partei Gottes«) einen der relevantesten Akteure im Kampf gegen den IS. Die US-Armee attackiert dabei bevorzugt Stützpunkte der Miliz in der Grenzregion zu Syrien, die den Übertritt Hunderter infolge der türkischen Invasion aus einem Gefängnis im syrischen Hasaka entkommener IS-Terroristen verhindern sollten. Und ausgerechnet in den letzten Monaten hat Washington seine geheimdienstliche Zusammenarbeit mit dem Irak genau wie einen Großteil der ohnehin äußerst zurückhaltend geführten Operationen gegen den IS trotz dessen Erstarkens ausgesetzt.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Heinrich Hopfmüller: Vielleicht auch umgekehrt? »Es wäre nicht das erste Mal, dass der IS den US-Truppen den Verbleib im Irak sichert ... Und ausgerechnet in den letzten Monaten hat Washington seine geheimdienstliche Zusammenarbeit mit dem Irak (.....

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