Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 4 / Inland
Untersuchungsausschuss

13 unbekannte DNA-Profile

Einzeltäterthese im »Fall Amri«: »Das funktioniert nur, weil er tot ist.«
Von Claudia Wangerin
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Kriminalhauptkommissar Q. vom BKA wechselte in gut fünf Stunden Vernehmung durch den Untersuchungsausschuss mehrfach die Schutzmaske

Der schwammige Sprachgebrauch von Massenmedien in der Berichterstattung über »Coronaskeptiker« und deren Verschwörungsmythen dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass der Vorsitzende eines Untersuchungsausschusses im Bundestag eine sachliche Frage zu DNA-Mischspuren mit den Worten »Ich will jetzt nicht verschwörungstheoretisch werden, aber ...« einleitet. So tat es Klaus-Dieter Gröhler (CDU) am Donnerstag in dem Ausschuss, der den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 und mögliches Fehlverhalten von Behördenmitarbeitern aufarbeiten soll. Bedingungsloses Vertrauen in den Staatsapparat wäre bei dieser Aufgabenstellung fehl am Platz – und Hypothesen, die der offiziellen Lesart widersprechen, müssen zumindest ernsthaft geprüft werden, wenn sie nicht von vornherein unlogisch sind. Das Wort »Verschwörungstheorie« ist aber bei manchen Abgeordneten offensichtlich gefürchtet, weil es mitunter als Kampfbegriff verwendet wird, der solche Hypothesen mit Nonsens über Ufos, Reptiloiden oder eine vermeintliche »jüdische Weltverschwörung« vermengt.

In Fall des Lkw-Anschlags auf den Weihnachtsmarkt ging es am Donnerstag bei der Befragung von zwei Ermittlern des Bundeskriminalamts durch den Ausschuss um die Frage, wie sicher es ist, dass Anis Amri am Steuer des Tatfahrzeugs saß – und dass er alleine gehandelt hat.

Amris Beteiligung an dem Attentat, bei dem zwölf Menschen starben und mehr als 70 verletzt wurden, gilt als sicher. Vor allem die Abgeordneten der Grünen – namentlich die Polizistin Irene Mihalic und der Jurist Konstantin von Notz – sind aber aufgrund der Spurenlage nicht sicher, in welcher Form er beteiligt war. Amris Fingerabdrücke wurden auf der Außentür des Lkw sichergestellt und deuteten nach Aktenlage auf ein »Zudrücken« hin, was als atypisch für den vermuteten Tathergang festgehalten wurde – damit hätten sich die Ermittler aber nicht weiter auseinandergesetzt, jedenfalls gehe nichts Entsprechendes aus den Akten hervor, bemängelte Notz. Weitere Fingerabdrücke von Amri fanden sich auf der Geldbörse, die neben einer Duldungsbescheinigung auf seinen Aliasnamen Ahmed al Masri 230 Euro enthielt – und in der Fahrerkabine lag, obwohl er auf der Flucht jeden Cent gebrauchen konnte. Ein Video aus einem Fußgängertunnel zeigt ihn kurz nach dem Anschlag in Tatortnähe, aber ohne sichtbare Spuren von Glasmehl oder Splittern an der Kleidung, wie es zu erwarten gewesen wäre.

Am Lenkrad fanden sich dagegen keine Fingerabdrücke von Amri, sondern lediglich DNA-Mischspuren, die auf ihn als »Mitverursacher« hindeuten, wie Kriminalhauptkommissar A. Q. im Zeugenstand klarstellte. Der heute 41jährige Ermittler war am 21. Dezember 2016, zwei Tage nach dem Anschlag, der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) »City« zugeteilt worden und dort bis Ende März 2017 beschäftigt. Auf Nachfrage des Ausschussvorsitzenden Gröhler hielt es der Kriminalbeamte für möglich, DNA-Spuren von Kontaktpersonen »aktiv zu transportieren« – zumindest, wenn es sich um Menschen handle, die einem nahestehen. Eine Umarmung oder ein Händedruck unter salafistischen »Brüdern« hätte demnach ausgereicht.

13 möglicherweise tatrelevante DNA-Profile konnten übrigens nicht zugeordnet werden. Aus einem Abschlussvermerk zitierte Q., dass von zunächst 17 »offenen« DNA-Profilen aus dem Lkw lediglich vier nachträglich identifiziert worden seien. Um »berechtigte Spurenverursacher« auszuschließen, seien im Februar und im März 2017 DNA-Proben von Ersthelfern und Polizisten genommen worden.

Der Zeuge widersprach allerdings dem Eindruck, dass sich das BKA von vornherein auf die Einzeltäterthese festgelegt habe: »So etwas würde auch unserem Aufgabenverständnis zuwiderlaufen«, betonte er. Inzwischen vertreten aber alle BKA-Zeugen mehr oder weniger vehement die Einzeltäterthese.

Notz bemerkte dazu, das funktioniere nur, weil Amri tot sei. Wenn man ihm vor Gericht nachweisen müsste, dass er am Steuer saß, »würde das schwer werden«. Theoretisch könne jeder der 13 unbekannten Spurenverursacher im Lkw gewesen sein, so Notz.

Bei der Spurensicherung in der Fahrerkabine hatte die Berliner Polizei offenbar zunächst einen Notizzettel übersehen, auf dem – mit einem Schreibfehler – der Name einer Zufahrtsstraße zum Tatort stand »HARDENBERGSTRB«. Laut BKA-Vermerk vom 12. Januar 2017 wurde der Zettel erst rund drei Wochen nach dem Anschlag bei einer erneuten Durchsuchung des Tatfahrzeugs gefunden. Dabei lag er laut Zeugenaussage von Q. auf der Tachoanzeige. An dem Zettel wiederum fanden sich DNA-Spuren von Amri, dem erschossenen Lkw-Fahrer Lukasz Urban und einer unbekannten Person.

Der BKA-Ermittler D. G., der im Anschluss befragt wurde, sprach von »43 tatrelevanten Kontaktpersonen« Amris, denen man nichts habe nachweisen können. Die Ähnlichkeit einer namentlich bekannten Kontaktperson mit einem Mann, der sich unmittelbar vor der Tat mehr als zehn Minuten allein mit Amri in der Berliner Fussilet-Moschee aufgehalten hatte, fand der Zeuge allerdings in einem Vermerk vom Mai 2017 nicht einmal erwähnenswert. Mihalic sah darin am Donnerstag sehr wohl eine »gewisse Tatrelevanz«.

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