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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 2 / Ausland
Griechischer Widerstand gegen Nazis

»Volksheld? Das ist noch zu klein gesagt«

Erinnerung an Manolis Glezos, den griechischen Antifaschisten und Widerstandskämpfer. Ein Gespräch mit Rolf Becker
Interview: Felix Jota
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Manolis Glezos am 1. Mai 2015 in Hamburg

In der Nacht zum 30. Mai 1941 erklommen Manolis Glezos und Apostolos Santas die Akropolis in Athen, holten die Hakenkreuzflagge ein und hissten die griechische Flagge – ein Fanal des Widerstands. Glezos, der in Griechenland nicht nur deshalb zur Legende wurde, starb vor zwei Monaten, am 30. März, im Alter von 97 Jahren. Sie haben ihn mehrfach getroffen. Wann haben Sie sich kennengelernt?

Zum ersten Mal im September 2012, kurz nach seinem 90. Geburtstag, als wir von der gewerkschaftlichen Solidaritätsgruppe »Gegen Spardiktate und Nationalismus« in Griechenland waren. Der erste Gang führte nach Kesariani, einem Vorort von Athen, wo sich die Hinrichtungsstätte der Wehrmacht befand und heute eine Gedenkstätte ist. Da kam ein Mann in dunkler Hose und blauem Hemd wie zufällig über den Platz geschlendert. Das war Manolis Glezos. Er hat damals mit keinem Wort erwähnt, dass sein Bruder an dieser Wand, an der wir standen, 1944 erschossen worden war. Auch kein Wort über die Todesurteile gegen ihn, die Verhöre, Folterungen, die insgesamt elf Jahre Haft im Krieg und später während der Obristendiktatur. Erst ein Jahr später, bei einem privaten Besuch, zeigte er uns das herausgerissene Futter der Mütze, das sein Bruder beim Transport zur Erschießung vom Lastwagen hatte werfen können. Da habe ich es das einzige Mal erlebt, dass er Tränen vergossen hat.

Am 1. Mai 2015 war Glezos Gastredner auf der DGB-Kundgebung in Hamburg. Wie kam es dazu?

Ihn da durchzusetzen, ist damals erst nach schweren Auseinandersetzungen mit dem DGB gelungen. Und auch nur, weil die GEW Hamburg auf unserer Seite war. Dafür muss man ihr noch heute danken. Von Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger bekam ich die Nachricht: Er darf kommen, wenn er schriftlich versichert, dass er nicht über die griechischen Reparationsforderungen spricht. Manolis hat furchtbar gelacht, als er das hörte, und gesagt: Die müssen sich keine Sorgen machen, es gibt genug andere Themen.

Hat er sich daran auch gehalten?

Ja. Er hat eine kämpferische und mitreißende Rede gehalten. Karger empfing ihn mit den Worten: »5.000 hier auf dem Platz begrüßen Sie.« Glezos sagte: »Ich freue mich über die 5.000, aber ich habe eine Frage: Wo sind die anderen?« Die Menge tobte. Ihm genügte ein Satz, und die Leute hatten es kapiert. Er fragte dann: Was machen wir falsch in Griechenland, und was macht ihr falsch in Deutschland, dass nicht mehr Arbeiter demonstrieren?

Manolis Glezos war in Griechenland ein Volksheld.

Das ist noch zu klein gesagt. Manolis gehörte zu den wenigen Leuten, vor denen alle den Hut zogen, von Konservativen bis zu den Linken, quer durch alle Parteien. Wenn ein Trauerzug erlaubt worden wäre, was wegen Corona nicht ging, dann hätte der wohl die Millionengrenze erreicht. Manolis’ Ansehen liegt da quasi noch vor dem des Komponisten und Schriftstellers Mikis Theodorakis.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage in Griechenland nach der Wahl des Konservativen Kyriakos Mitsotakis zum Ministerpräsidenten vor knapp einem Jahr?

Die Konzessionen, die die vorherige Regierungspartei Syriza gemacht hat, waren verheerend für die griechische Bevölkerung. Dass das mit Mitsotakis noch mal gesteigert worden ist, hat zur Folge, dass die Leute jetzt sagen: Um Gottes willen, warum haben wir Syriza bloß abgewählt? Die sind vom Regen in die Traufe gekommen. Dazu nur einige Daten: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat keine Krankenversicherung. Ohne die Selbsthilfegruppen in den Krankenhäusern ginge gar nichts. Selbsthilfegruppen gibt es an allen Ecken und Enden.

Manolis Glezos war doch Mitglied bei Syriza.

Ja, er war erst bei den Kommunisten und danach bei Syriza, aber ist dann ausgetreten. Er hat mehrfach mit Mitsotakis’ Amtsvorgänger Alexis Tsipras gesprochen. Uns hat er später gesagt: Der hat mich ausgetrickst. Glezos war ungeheuer wütend, als Tsipras das »Ochi«, das Nein der griechischen Bevölkerung zur EU, umgedreht hat in ein Ja zu Europa, zur Unterordnung unter die Bedingungen der Troika. Da war für Manolis Feierabend. Für ihn war entscheidend, dass nicht das Volk eine Partei wählt, sondern eine Partei das Volk an die Macht bringt. Er hat das Wort zwar nicht benutzt – aber aus meiner Sicht war er ein Rätekommunist. Da tut man ihm mit Sicherheit kein Unrecht.

Rolf Becker ist Schauspieler und aktiv in der gewerkschaftlichen Solidaritätsgruppe »Gegen Spardiktate und Nationalismus«

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