Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 29.05.2020, Seite 15 / Feminismus
Charlotte Berend-Corinth

»Malweib« statt »Musterhausfrau«

Charlotte Berend-Corinth (1880–1967) war wild entschlossen, ihren Weg zu verfolgen
Von Christiana Puschak
Corinth,_Lovis_-_Morgensonne_-_1910.jpg
»Morgensonne« von Lovis Corinth (1910)

Schon im Alter von vier Jahren habe sie auf dem Fußboden gelegen und alles abgemalt, was sie gesehen hatte. So schildert es die vor 140 Jahren geborene Lithografin und Illustratorin Charlotte Berend in ihren Erinnerungen. Am 25. Mai 1880 in Berlin zur Welt gekommen, wuchs sie in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Anders als ihre fünf Jahre ältere Schwester Alice, die sich am liebsten in die Welt der Bücher zurückzog, war Charlotte lebhaft, liebte Kinderballett und den Sportunterricht. Höchst konzentriert konnte sie sich ins Malen vertiefen. Immer trug sie einen Zeichenblock bei sich und sparte, wo sie nur konnte, für den Besuch der Gemäldegalerie. Wenig Interesse an Kultur zeigte ihr Vater, ein Fabrikant. Ihre Mutter wollte laut Charlotte nur »Musterhausfrau« sein. So verschieden die Schwestern auch waren: Beide lehnten diese Rolle ab.

Nach Beendigung des Gymnasiums war Charlotte fest entschlossen, Malerin zu werden. Bestärkt wurde sie durch ihre Zeichenlehrerin an der Charlottenschule, Eva Stort, selbst Malerin und Frauenrechtlerin. Zwar war ihr Vater zuerst dagegen, willigte aber letztlich ein, als er ihre Begabung erkannte. 1898 begann Charlotte Zeichenunterricht an der Königlichen Kunstschule zu Berlin zu nehmen. Die Kunstakademie schloss Frauen damals noch aus. Angehende Malerinnen wurden entweder als »Malweiber« diskreditiert oder ermahnt, »über den Farbtöpfen nicht die Kochtöpfe zu vergessen«, oder ihnen wurde schlicht abgesprochen, malen zu können.

Doch sie ließ sich nicht entmutigen und nahm in den »Herrenklassen« der Kunstgewerbeschule am Aktzeichnen teil – ein besonderes Privileg. Während dieser Zeit gestaltete sie die Kulissen für zwei Kinderstücke ihrer Schwester. Zugleich wurde diese Zeit vom Suizid ihres Vaters überschattet. Trotz allem nahm Charlotte Privatunterricht in einer Malschule und entwickelte dabei einen Realismus von kräftiger Form.

Während Alice erste Artikel veröffentlichte, wurde Charlotte Schülerin des angesehenen, 20 Jahre älteren Künstlers Lovis Corinth. Ihm stand sie auch Modell, wurde wenig später seine Frau und Mutter zweier Kinder. Doch sie war viel mehr als die »Frau an seiner Seite«. Sie widersetzte sich der Dominanz ihres Mannes und verfolgte – mitunter am Rande der Erschöpfung – ihren eigenen Weg. Erste Zeugnisse ihres Könnens waren eine Max-Pallenberg-Mappe mit farbigen Steinzeichnungen, Stilleben und Landschaftsbildern, die starke und leuchtende Akzente setzten. »Die schwere Stunde«, ein großformatiges expressionistisches Gemälde, das sie 1912 schuf und das eine Frau in Geburtswehen zeigt, wurde von Else Lasker-Schüler als »Historienbild des Naturgesetzes« gerühmt: Es müsse »neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen«.

1923 war Charlotte Berend in der Frühjahrsausstellung der Berliner Sezession neben Lesser Ury, Franz Heckendorf und Bruno Krauskopf mit Bildnissen vertreten. Zudem schuf sie als Illustratorin von Märchen und Geschichten farbig getönte Zeichnungen. Als brillante Porträtistin von Schauspielerinnen erfasste sie das Charakteristische in Gesicht, Geste und Haltung, wie bei Fritzi Massary und Anita Berber.

Nach dem Tod ihres Lebensgefährten 1925 sichtete und ordnete sie seinen Nachlass. Zwei Jahre später eröffnete sie selbst eine Malschule. Kulminationspunkt ihres Schaffens wurde eine Einzelausstellung bei Nierendorf 1930. Der Kunstkritiker Max Osborn sprach ihr »aufrichtige Bewunderung« aus – ihr Werk sei ausdrucksvoll, feinfühlig abgewogen und von großem inneren Reichtum.

Nach Studienreisen nach Dänemark, Italien und in den Orient emigrierte sie 1939 als Jüdin in die USA. Dort eröffnete sie eine Malschule. Bis zu ihrem Tod 1967 stellte sie ihre Bilder aus.

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