Gegründet 1947 Sa. / So., 11. / 12. Juli 2020, Nr. 160
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Hörspiel

Im Stream untergehen

Beim Berliner Hörspielfestival mussten sich die Beiträge gegen einen Ansturm an Bildern durchsetzen
Von Rafik Will
BHF.jpg
Sehen, was es zu hören gibt: Der Stream des Berliner Hörspielfestivals

Videostreams und -konferenzen sind coronabedingt allgegenwärtig. Wer gehofft hatte, beim elften Berliner Hörspielfestival, BHF, würde man nicht mit derlei visuellen Komponenten gequält (schließlich geht es hier um sender- und verlagsunabhängig produzierte akustische Kunst), wurde enttäuscht. Statt unter den derzeit bestehenden Einschränkungen den naheliegenden Weg einer Radioübertragung zu wählen, wurde die Veranstaltung vom 21. bis zum 24. Mai in Videoform gestreamt.

Geplanter Veranstaltungsort war die mitausrichtende Berliner Akademie der Künste, die nun das Festival auf ihrem Youtube-Kanal übertrug. In den letzten Jahren hatte das BHF im Berliner Theaterdiscounter (TD) seinen Platz gefunden. Die Moderatoren traten vor schwarz abgehängter Kulisse auf, während die nach der Präsentation ihrer Stücke jeweils live zum Gespräch eingeblendeten Autorinnen und Autoren meist in den eigenen vier Wänden zu sehen waren. Als Videospuren zu den zahlreichen Hörspielen und Features wurden abstrakte Farb- und Formspiele, sogenannte »Visuals«, eingeblendet. Durch dieses bildliche Drumherum, das deutlich aufdringlicher war als bei der gewohnten Livevariante des Festivals, traten die Hörspiele ein wenig in den Hintergrund.

Zum Glück gab es einige Beiträge, die stark genug waren, sich gegen diesen Ansturm an Bildern zu behaupten. So etwa das Eröffnungsstück im Wettbewerb um den Jurypreis für deutschsprachige Stücke mit 20 bis 60 Minuten Dauer: »Contemporary Art« von Mariola Brillowska, eine wunderbar überdrehte Impro-Mockumentary. Brillowska bringt hier gemeinsam mit Kollegen längst verstorbene Künstler zum Sprechen, indem einfach in deren Rollen geschlüpft wird. Die Ausarbeitung dieser Rollen ist improvisatorisch frei und kreativ, ohne die improtypische Beliebigkeit. Leider wurde über »Contemporary Art« nur ein Juryurteil gefällt.

In den Kategorien, in denen Publikumspreise verliehen wurden, gab es die meisten Einreichungen. Unter diesen wenige Sekunden bis 20 Minuten langen Hörspielen fand sich auch der erfrischend makabere, unter dem Künstlernamen PEV veröffentlichte Einminüter »Covid-23«, in dem ein Kind dem Vater begeistert all die Sachen aufzählt, die man nach den Lockerungen wieder wird tun können: Kino, Eisessen und die drei Cousinen besuchen. Der Vater erinnert daran, dass vor der Pandemie noch vier Cousinen vorhanden waren, was das Kind aber offenbar schon vergessen hat. Comichaft, soundtechnisch hervorragend gemacht, aber auch etwas harmlos (es ging um einen zu groß geratenen Turm aus Eiskugeln) war »Die Eisdiele vorm Hochhaus an der Autobahn« von Chrizzi Heinen, Gewinner unter den Einminütern.

Handabhacken als Liebesbeweis war das Thema der fünfminütigen Beziehungsgroteske »Sabines Hand« von Elena Weihe und Sarah Bekker, die in ihrer Zeitkategorie den Preis bekamen; unter den Hörstücken bis 20 Minuten setzte sich »Die Universität des Scheiterns« durch, eine beinahe subversive Mockumentary über die gleichnamige (frei erfundene) Hochschule, an der professionelle Versager ausgebildet werden. Beide Stücke waren Produktionen der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neu war beim BHF die zeitunabhängige Kategorie für nicht deutschsprachige Hörstücke (»The Burning Mic«), wo sich Wederik De Backer mit seinem autobiografischen Hörschnipsel »3 Minutes of Silence« in der Online-Abstimmung durchsetzen konnte.

In der Jurykategorie stach noch die Dialogdystopie »Wie kann ein Klappmöbel ein Schrei sein – und dann auch noch der letzte?« hervor, in der Autor Thomas Glatz seinen Protagonisten mit einer Künstlichen Intelligenz kommunizieren lässt, sowie natürlich das mit dem Jurypreis ausgezeichnete, in Form einer Talksendungspersiflage daherkommende Stück »Die Hauser-Show« von Ralf Wendt. Verwiesen wird hierin nicht nur auf die alte ZDF-Sendung »Frontal« mit Hauser und Kienzle, sondern auch auf die bekannte Erzählung von Kaspar Hauser. Ein zivilisationsferner Vogelmensch namens Hauser versetzt die Behörden mit seinem unberechenbaren Verhalten in Aufregung, und die wiederum mobilisieren den Polizeistaat.

Ein wenig Radiobezug wies das Festival dann übrigens doch auf: Der Medienpartner war Radio eins. Eine Langzeitübertragung gab es freilich nicht, nur der Videolink wurde prominent auf der Website eingebettet. Und der »Förderverein Sender Königs Wusterhausen« stiftete aus alter, abmontierter Radiotechnik gebastelte Trophäen. Ein passendes Bild: Die niedrigschwellige Distributionstechnik wird Stück für Stück zu Grabe getragen.

Regio: