Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 29.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Klaus Weber

Die Zärtlichkeit der Antifaschisten

Aus Liebesbriefen und Gestapo-Akten: Ein neues Hörbuch über die jüdische Kommunistin Olga Benario
Von Klaus Weber
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»Du wirst überrascht sein« – Olga Benarios Briefe sind voller Hoffnung

Die Nazis wussten, wie wichtig Olga Benario (1908–1942) für die kommunistische Bewegung war. Das über sie angelegte Gestapo-Dossier ist, so ihr Biograph Robert Cohen, die »vielleicht umfassendste Sammlung von Dokumenten zu einem einzelnen Opfer des Holocaust« (»Der Vorgang Benario«, Edition Berolina 2016). In Schwabing war sie dem Kommunistischen Jugendverband beigetreten, in Berlin-Moabit hatte sie die spektakuläre Gefängnisbefreiung Otto Brauns geleitet, in Moskau war sie zur Agentin der Komintern ausgebildet worden und hatte sich in den brasilianischen Freiheitshelden Carlos Prestes verliebt. Zusammen reisten die beiden auf geheimen Wegen nach Brasilien, kämpften dort für die Befreiung des Landes von der Diktatur. Im Frühjahr 1936 wurden sie verhaftet. Benario wurde hochschwanger nach Deutschland ausgeliefert, Carlos Prestes zu 16jähriger Isolationshaft verurteilt. Er sollte seine große Liebe nie wiedersehen. 1945 wurde er begnadigt.

Die beiden schrieben einander mehr als hundert Briefe aus der Einzelhaft bzw. dem KZ. Zeitgleich führte die Gestapo Protokoll über die berühmte Kommunistin. In einem neuen Hörbuch von Ute Kaiser werden nun Auszüge aus diesen Akten, die an kalter Sachlichkeit kaum zu übertreffen sind, kontrastiert mit der zärtliche Korrespondenz der Revolutionäre und Liebenden (2013 bei Wallstein unter dem Titel »Die Unbeugsamen« erschienen). Die Regisseurin, die mit Hörbüchern schon an Anna Seghers und Margarete Steffin erinnert hat, liest aus ergreifenden Briefen Benarios, die im Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße die gemeinsame Tochter Anita Leocádia zur Welt brachte, anschließend ins KZ Lichtenburg in Prettin und von dort ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert wurde. Aus Briefen des Geliebten trägt Martin Molitor vor, Gabriela Börschmann aus den Gestapo-Akten. So wie die Täter Auskunft über sich und ihre Vorstellungen (un-)menschlichen Lebens geben, zeigen die Briefe Prestes’ und Benarios, dass zum Kampf für eine gerechte Welt auch Küsse, Umarmungen und Zärtlichkeiten gehören. Noch in den letzten Briefen schreibt sie von Sehnsucht, Hoffnung und Liebe – ihr Elend im Lager verharmlosend, um ihn nicht zu beunruhigen. »Oft muss ich lachen, wenn ich daran denke, wie sehr Dich die Frau überraschen wird, die Du zurückbekommst«, heißt es im letzten Brief aus Ravensbrück. Ende April 1942 wurde Olga Benario in einer »Heil- und Pflegeanstalt« vergast.

Ihre Tochter Anita Leocádia Prestes war im Januar 1938 von der Großmutter aus dem KZ geholt und nach Mexiko gebracht worden. Sie lebt heute als emeritierte Geschichtsprofessorin in Rio de Janeiro und hat die Produktion des Hörbuchs wie der eingangs erwähnte Biograph Robert Cohen unterstützt. In der DDR wurde Olga Benarios gedacht (unter anderem literarisch von Stephan Hermlin, Anna Seghers und Ruth Werner), in der BRD gab es für eine jüdische Kommunistin keinen Ort der Erinnerung. Das neue Hörbuch kann uns darin bestärken, die faschistische Gefahr ernst zu nehmen.

»Die Unbeugsame. Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo« (Nemu Records)

olgabenario.de

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Debatte

  • Beitrag von Wolfram A. aus Potsdam (29. Mai 2020 um 13:10 Uhr)
    Lieber Klaus Weber, danke für diesen schönen Text. – Ja, Olga Benario-Prestes gehörte in der DDR zu den berühmesten, schon vielen Kindern bekannten Antifaschistinnen. Ihr Schicksal regte mich sehr früh zu phantasievollem Nachdenken über Mut, Entschlossenheit – und eben auch revolutionäre Romantik und Liebe an. – Danke für den sehr wichtigen Gedanken zum Einstieg, wonach den Faschisten in Deutschland und in Brasilien sehr wohl klar war, welch herausragende Persönlichkeit sie da verfolgt und gefangen hatten. Es war kein Zufall, dass der faschistische Terror sich zuerst gegen die Kommunistinnen und Kommunisten richtete. – Danke schließlich auch für die Würdigung Robert Cohens. Dass da in den USA einer seit vielen Jahrzehnten mit soviel Hingabe und in so herausragender literarischer Qualität – man denke an das »Exil der frechen Frauen« – daran arbeitet, das Erbe herausragender Revolutionärinnen und Revolutionäre so anspruchsvoll wie nahegehend zu bewahren, ist eine Leistung, die nicht hoch genug bewertet werden kann. – Schließlich sei mir, da es um Brasilien geht, gestattet, an Olga Benarios Mitkämpferin Elisabeth Saborowski-Ewert und ihren Mitkämpfer Artur Ewert zu erinnern. Wolfram Adolphi, Potsdam

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Volker Wirth, Berlin: Soviel Platz sollte sein Mich hat der Beitrag bewegt. Eins ist aber zu präzisieren: Olga Benario und Luis Carlos Prestes waren wohl nicht »regelrecht« verheiratet. Deshalb konnte ihre Auslieferung an die Nazis nicht mit diese...

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