Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 29.05.2020, Seite 4 / Inland
Organisierte Gewalt gegen Kinder

Erschreckende Erkenntnisse

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Neue Tatverdächtige, weitere Anklagen und ein Urteil
Von Susan Bonath
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Der Prozess gegen Bastian S. (M.) endet mit einer Verurteilung zu zehn Jahren Haft sowie sofortiger Einweisung in die geschlossene Psychiatrie (Moers, 26.5.2020)

Die bisherigen Erkenntnisse über den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach waren offenbar nur die Spitze des Eisbergs. So informierte auf einer Pressekonferenz am Mittwoch die Polizei Köln über eine weitere Festnahme in Baden-Württemberg. Der Mann aus dem Ortenaukreis wurde demnach als Tatverdächtiger Nummer 72 bereits am 13. Mai gefasst. Er habe ein Pädophilenchatforum administriert und sei »eine zentrale Persönlichkeit« innerhalb des Kinderpornorings gewesen, sagte der Kölner Polizeipräsident Uwe Jacob. Das Amtsgericht Offenburg habe Untersuchungshaft gegen ihn verhängt.

Außerdem sei inzwischen eine weitere Anklage erhoben worden, ergänzte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Auch dieser Beschuldigte soll einer entsprechenden Chatgruppe angehört und mehrfach Kinder schwer missbraucht haben. Bremer sprach von nun insgesamt sieben Anklagen gegen acht Tatverdächtige. Zehn mutmaßliche Täter säßen derzeit in Untersuchungshaft. Ihm offenbare sich »ein Abgrund, der verstört«, so der Oberstaatsanwalt.

Polizeipräsident Jacob sprach von »Einblicken, die das Vorstellungsvermögen der meisten Menschen sprengen«. Mit den Ermittlungen sei man »noch lange nicht am Ende«, kündigte er an. Jeder neue mutmaßliche Täter, den man finde, und mit jedem neu enthüllten Chat ergäben sich wieder Spuren zu weiteren Beteiligten. »Das ist ein Schneeballsystem«, erklärte Jacob. Deshalb werde das Polizeipräsidium Köln ein eigenes Kommissariat für den Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch gründen. Anfang Mai hatte Oberstaatsanwalt Bremer berichtet, dass in einem einzigen einschlägigen Chat bis zu 1.800 »Interessenten« unterwegs gewesen seien. Diese hätten sich über Messengerdienste über ihre Taten ausgetauscht, sich aber auch verabredet und die Opfer untereinander ausgetauscht.

In dem Komplex, der im vergangenen Herbst in Bergisch Gladbach zu ersten Ermittlungen geführt hatte, haben die Behörden demnach bisher 72 Tatverdächtige aus allen 16 Bundesländern identifiziert, 32 davon stammten aus Nordrhein-Westfalen (NRW). Auch 44 Opfer im Alter zwischen drei Monaten und 14 Jahren seien inzwischen bekannt. Schon jetzt sei aber klar, dass es weit mehr betroffene Kinder gebe, hieß es. Ebenso gehen Polizei und Staatsanwaltschaft von vielen weiteren noch unbekannten Tätern aus.

Aktuell wird seit April in Mönchengladbach gegen zwei Männer verhandelt, die des schweren Missbrauchs in 79 Fällen angeklagt sind. An den Landgerichten Köln und Kleve sollen demnächst zwei weitere Prozesse mit Bezug zu dem Kinderpornoring starten. Am Dienstag wurde in Kleve der 27jährige Bundeswehr-Soldat Bastian S. zu zehn Jahren Haft mit sofortiger Einweisung in die geschlossene Psychiatrie verurteilt. Er soll seine Tochter, seinen Stiefsohn und zwei weitere Kinder im Alter zwischen einem Jahr und fünf Jahren schwer missbraucht, die Taten teilweise gefilmt und in Chatgruppen veröffentlicht haben. Die Richter sahen in dem Mann »eine Gefahr für die Allgemeinheit«.

Ermittler hatten schon vor Monaten gemahnt, der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach könne noch größere Ausmaße erreichen, als bislang in einem ähnlichen Fall in Lügde bekanntgeworden waren. In Lügde war Anfang 2019 ein Kinderpornoring aufgeflogen. Viele der Opfer wurden auf einem Campingplatz missbraucht. Mehr als 20 Jahre lang hatten einige Täter trotz zahlreicher Hinweise an die Polizei und mehrere Jugendämter agiert. Zwischendurch war bekanntgeworden, dass in der Vergangenheit auch gegen mehr als ein Dutzend Polizeibeamte in NRW wegen Kindesmissbrauchs ermittelt worden war.

Mehrere Polizisten und zwei Jugendamtsmitarbeiter standen auch letztes Jahr im Visier der Justiz, weil sie bei den hundertfachen Übergriffen auf Kinder in Lügde weggeschaut haben sollen. Die Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft Detmold in diesem März allerdings ein (siehe jW vom 13.3.). Es gebe keinen Beweis für Vorsatz. Die beiden als Haupttäter Identifizierten wurden zu zwölf und 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag befasst sich derzeit mit dem Fall.

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