Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Geldbörse entscheidet

Zu jW vom 12.5.: »Jagdgeschichten«

Ich war der letzte DDR-Staatsförster von Karl-Marx-Stadt. Im Sozialismus hatte die Jagd fast ausschließlich Grundlagen der Hege und des Schutzes des Waldes vor zu hohen Wildbeständen. Nach dem politischen Umschwung (Konterrevolution) war die Jagd hauptsächlich den Forstbeamten und »neureichen« Emporkömmlingen vorbehalten. Der alte Nimrod, für den Wald und Wild im Einklang standen, stirbt aus. Trophäenprahlerei und Wildbrethandel wirken dabei mit. Geld regiert die Welt. Auch unter den Forstbediensteten entstand eine Lobby der Großwildjäger. Es gehörte zum guten Ton und galt als Gipfel des Jagdvergnügens, in Russland Braunbären, in Afrika kapitale Büffel und in Skandinavien Elche und Auerwild zu erlegen. Man brüstete sich am Lagerfeuer mit »Wildwesterlebnissen« und erzählte voller Begeisterung vom Todeskampf des chancenlosen Petzes! Ob Auer- oder Birkhahn in Finnland, Schweden oder Norwegen – man schoss dieses prächtige Wild vom Baum oder während der Balz. Wir in Mitteleuropa schätzen uns glücklich, wenn ein besetztes Revier mit diesen scheuen und bestandsbedrohten Wildhühnern ausfindig gemacht werden kann – für den Genuss der Beobachtung! Die losgelassenen »Ballermänner« und »-frauen« stoßen mit guten Tropfen an auf die Leiden der Niedergestreckten. Ein guter Präparator wird ganze Arbeit leisten, um den Kadaver lebensecht für das Kaminzimmer zurechtzumachen. Weidmannsdank – ihr edlen Jägersleut! Mein Geschmack ist das nicht. Vieles, was wir während des Forststudiums in der DDR lernten, wird in der »neuen« Ära als falsch abqualifiziert! Den Abschuss bestimmt der mit der volleren Geldbörse.

Karl-Peter Füßlein, Revierförster a. D., Schorfheide in Brandenburg

Terror geht weiter

Zu jW vom 23./24.5.: »Ungesühnte Verbrechen«

Als Ergänzung zu diesem Artikel muss unbedingt erwähnt werden, dass sich das darin beschriebene Drama eins zu eins gegenüber den demobilisierten FARC-Kämpfern und deren Partei gegenwärtig wiederholt. 2019 wurden über 186 ehemalige Guerilleros ermordet, 24 in diesem Jahr. Tendenz steigend. Dieser Terror beschränkt sich aber nicht nur auf ehemalige FARC-Angehörige. Auf der Todesliste der von der Regierung unterstützten Paramilitärs stehen Menschenrechtler, Funktionäre von Gewerkschaften und indigene Führer. (…) Bis August 2019 wurden seit 2016 insgesamt mehr als 600 Aktivisten ermordet. General Nicacio Martínez hat Mitte 2019 während eines Militärtreffens seine Einheiten angewiesen, die Anzahl von getöteten oder festgenommenen Kriminellen und Rebellen möglichst zu verdoppeln. Die Armee müsse »alles tun«, um »Ergebnisse zu erzielen«. Dazu gehöre die verstärkte Zusammenarbeit mit Paramilitärs. Das bedeutet die Rückkehr zu Praktiken der Jahre 2002 bis 2010 unter Präsident Álvaro Uribe, der den Tod Tausender Zivilisten verschuldet hat. (…) Die deutsche Bundesregierung kennt diese Situation, tut aber nichts, ihren Einfluss geltend zu machen, dass sich dieser Zustand ändert. Im Gegenteil, trotz Nichteinhaltung der Friedensvereinbarungen bekommt Kolumbien Zuschüsse von 95 Millionen Euro aus dem EU-Treuhandfonds sowie weitere Hilfsgelder. Jeder, der von diesen Menschenrechtsverletzungen weiß und nichts gegen sie tut, macht sich an den Verbrechen mitschuldig.

Peter Blöth, per E-Mail

Unwissenschaftlicher Quark

Zu jW vom 11.3.: »Die Ehre des Sportsmanns«

(…) Die Behauptung, dass die »brutale Praxis« der »kriminellen Körperpolitik« der DDR für mehr als 500 Leistungssportler ein »Todesrisiko« zur Folge (gehabt) habe, wird vom Dopingopferhilfsverein (DOH) weiterhin als wissenschaftliche Erkenntnis gehandelt. (…) Zu dem »Gutachten« des 2018 verstorbenen Psychologen Harald Freyberger, dass DDR-Leistungssportler durch »Zwangsdoping« zwölf bis 15 Jahre kürzer lebten, lieferte jetzt der Sportwissenschaftler Lutz Thiemer (ehemaliger Präsident des Landessportbundes Rheinland-Pfalz) ein unerwartetes Resultat, für das er die Daten von 6.066 Athleten aus Olympiamannschaften von Deutschland West, Deutschland Ost und dem vereinigten Deutschland ausgewertet hat: 1. Bei Spitzensportlern Deutschland West ist die Sterberate höher als in der Gesamtbevölkerung, 2. die Mortalitätsrate der DDR-Athleten ist gegenüber der Gesamtbevölkerung nur unwesentlich höher, aber sehr deutlich niedriger als im Westen, 3. Doping spielt bei der Mortalität von Spitzensportlern offensichtlich keine wesentlich Rolle. Freybergers ­Behauptungen, dass »massive Gesundheits­schäden, soziales Scheitern, berufliche Einschränkungen und Armut« typisch für die Leistungssportler der DDR seien, sind un­wissenschaftlicher Quark.

Dr. Gerd Machalett, Siedenbollentin

Hohes Gesundheitsrisiko

Zu jW vom 20.5.: »Rotlicht: Querfront«

Faktenresistente Coronaverharmloser, die an »Hygienedemos« teilnehmen, glauben an personifizierende Verschwörungsmythen. Darum sind sie (…) keine Bündnispartner für marxistische Antikapitalisten. Statt in eine Querfront eingebaut zu werden, müssten die bizarren Coronawutbürger sich zuallererst darüber aufklären lassen wollen, dass das staatliche Herrschaftspersonal unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht zuviel, sondern zuwenig gegen die real existierende Coronapandemie unternimmt. Um nicht länger unterm Bann des Irrationalen zu stehen, gilt es für die verwirrten Staatsbürger zu begreifen, dass der herrschende Staatsapparat keineswegs gemäß einer Verschwörung, sondern nach der kapitalistischen Profitlogik handelt: Weil es ihm infolgedessen um die Erhaltung der Funktionstüchtigkeit des kapitalistischen Marktwirtschaftssystems geht, beinhaltet der staatlich verordnete »Shutdown« lediglich ein gebremstes Herunterfahren der »Wirtschaft«, so dass in den Produktionsstätten zahlreiche Arbeitskräfte zwecks Mehrwertabpressung einem hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt werden.

Franz Anger, Neuss

Um nicht länger unterm Bann des Irrationalen zu stehen, gilt es zu begreifen, dass der Staatsapparat keineswegs gemäß einer Verschwörung, sondern nach der kapitalistischen Profitlogik handelt.

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