Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 12 / Thema
Klassiker und Revolutionär

Alltäglichkeiten und Geschichte

Lebenswelten eines Revolutionärs. Zur biographisch angelegten Wuppertaler Ausstellung »Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa«
Von Kai Köhler
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Sozialdemokratische Kunst am Ende des 19. Jahrhunderts. Fast wie ein sentimentales Familienarrangement, fern von jedem Klassenkampf. Johann Bahrs »Ein Opfer der Arbeit« (1889) – in der Ausstellung zu sehen

Friedrich Engels hat Pech. Zu seinem 200. Geburtstag hatte Wuppertal ein umfangreiches Programm vorbereitet, um den »berühmtesten Sohn« der Stadt, so der Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD), zu feiern. Konferenzen, Konzerte, Diskussionsrunden, Theateraktionen – vieles fiel bereits der Coronapandemie zum Opfer. Die Veranstaltungen unter dem Motto »Denker, Macher, Wuppertaler« sollten ähnlich viele chinesische Touristen anlocken wie das Marx-Jahr 2018 in Trier. Aber es gibt keine Flüge, und gäbe es sie – nur wenige Chinesen hätten Neigung, sich in ein Land mit vergleichsweise rückständiger Seuchenbekämpfung zu wagen.

Mit etwa zwei Monaten Verspätung konnte immerhin die Ausstellung »Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa« endlich eröffnen. Man spürt noch die Lage: Tickets müssen vorab online personalisiert gebucht werden, pro zwanzigminütigen Zeitfenster werden lediglich sechs Besucher eingelassen. In der Ausstellung selbst sind nur wenige Überbleibsel von didaktischen Spielereien zu sehen, die wegen hygienischer Bedenken nun nicht möglich sind. Von Beginn an setzte die Konzeption aufs Sehen und aufs Denken, aber nicht aufs Anpatschen. Das ist erfreulich.

Lars Bluma, als Leiter des Historischen Zentrums Wuppertal für die Ausstellung verantwortlich, erläutert im Begleitkatalog zwei grundsätzliche Entscheidungen zum Konzept. Die erste bestand darin, Engels als »historische Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts« vorzustellen. Dadurch biete die Ausstellung eine Basis, Engels’ Denken zu aktualisieren, wie es für andere Veranstaltungen des Gedenkjahres geplant sei. Nun fallen zwar viele dieser Veranstaltungen aus – als die Ausstellung geplant war, konnte dies jedoch als sinnvolle Arbeitsteilung gelten. Nun geht man durch Räume, die einzelnen Lebensstationen gewidmet sind. Das Gezeigte endet mit dem Jahr 1895, in dem Engels starb.

Die zweite Entscheidung war, Engels als »ganzen Menschen« zu präsentieren, wie Bluma schreibt: »in seiner Mehrdimensionalität, seiner Alltäglichkeit, seinen Widersprüchen usw.« In gewisser Weise kann man auch froh sein, dass der Schwerpunkt nicht auf Engels als »Mitbegründer des Kommunismus« liegt. Wo Begleittexte zu den Exponaten sich aufs Gebiet der Theorie wagen, droht Gefahr. Zu Karl Marx’ »Das Kapital« liest man etwa: »Der Akkumulation von Reichtum auf der einen Seite steht das Wachstum von Elend und Sklaverei auf der anderen Seite gegenüber« – als wäre der Kapitalismus durch Sklavenarbeit gekennzeichnet statt von der Ausbeutung des doppelt freien Lohnarbeiters, frei von feudalen Schranken wie auch vom Eigentum an Produktionsmitteln.

Engels’ Lebenswelt

Theorie also gibt es wenig – was aber sieht man? Vor allem die Welt, in der Engels lebte. Das beginnt mit Familienporträts und einer anschaulichen Wiedergabe der Wuppertaler Umgebung, in der er aufwuchs. Haushaltsgeräte sind ebenso ausgestellt wie Webstühle und Zeichnungen umfangreicher industrieller Anlagen.

Die Ausstellung folgt chronologisch der Biographie; die Räume entsprechen den geographischen Lebensstationen, von der Wuppertaler Jugend und der Bremer Kaufmannszeit über Militärdienst und Studium in Berlin, Arbeit und Forschungen in Manchester, Teilnahme an der Revolution 1848/49 bis zu der zweiten, langen Zeit in Manchester. Am Ende steht das letzte Vierteljahrhundert, in dem Engels als wohlhabend gewordener Rentier in London ohne die gehasste Fron im Kontor politisch und wissenschaftlich arbeiten konnte. Zu jeder dieser Stationen sieht man ein Engels-Bild im Zentrum jenes Personenkreises, der für diese Phase wichtig war. Das ist einerseits ein sinnvoller Gedanke – Engels erscheint so nicht als der große Denker, der ausschließlich im Austausch mit Marx stand. Er wurde von vielen Personen geprägt und hat viele andere geprägt, in Zusammenarbeit oder im Streit.

Doch muss man bereits viel über Engels und seine Zeit wissen, um das Gezeigte zu würdigen. Wer mag nur dieser Proudhon gewesen sein – Freund oder Gegner? Das gleiche gilt für viele der Exponate in den Vitrinen. Da gibt es im Zusammenhang der Berliner Zeit ein Hegel-Porträt und ein Hegel-Buch. Aber man versteht nicht, weshalb, wenn man nichts über den Konflikt der Hegelianer mit dem 1841 nach Berlin berufenen Schelling weiß (dessen Antrittsvorlesung Engels hörte), und wenn die Spaltung in eine hegelianische Rechte und eine Linke, der sich Engels anschloss, nicht erklärt wird.

Jede Ausstellung braucht Anschauung; sonst könnte man ein Lehrbuch schreiben. Die Anschauung alleine führt jedoch nirgends hin. Man muss wissen, um zu sehen. Etwas anders steht es mit der Alltäglichkeit, die zu zeigen in Wuppertal erklärtes Ziel ist. Da wird deutlich, in welchen Räumen Engels sich bewegte, was er als Stadt erlebte, welche Dinge er in der Hand hatte. Sogar Weinflaschen sieht man, davon eine aus dem Revolutionsjahr 1848. Dem Weinfreund Engels hätte das sicherlich gefallen.

Da es gerade um Alkoholika geht: Da ist ein Exemplar von Engels’ Schrift »Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag« (1876) ausgestellt, und gleich daneben eine riesige Schnapsflasche aus Steingut, die sehr, sehr alt aussieht. Damals aber war sie ebenso neu wie die wissenschaftlichen Gerätschaften, in deren Gesellschaft sie sich nun befindet, und wie die Maschinen, die Engels als unfreiwilliger Kapitalist einzusetzen hatte, um den Arbeitern einen Mehrwert abzupressen, der ausnahmsweise dem guten Zweck diente, die Ausbeutung abzuschaffen.

Dinge aus dem 19. Jahrhundert wirken heute behäbig und waren doch einmal Produkte aus einer Zeit, die – je nach Perspektive – als beängstigender oder befreiender Aufbruch ins Unbekannte erlebt wurde. Eine Dampflokomotive erweckt nostalgische Gefühle, doch wurde – als sie neu war – ernsthaft diskutiert, ob nicht die an Kutschengeschwindigkeit gewöhnten Fahrgäste beim Blick aus dem Zugfenster wahnsinnig würden. Die Aufgabe für Ausstellungsbesucher: das heute Alte als das Neue zu sehen, das es einmal war, diese Aufgabe stellt sich auch bei anderen Themen. Hier aber ist ihre Lösung besonders dringlich, denn Engels kannte die neuesten Entwicklungen in der Industrie, im Militärwesen, in der Wissenschaft, und versuchte, daraus künftige Entwicklungen abzuleiten.

Man muss das Abstrakte kennen, um das Konkrete sehen zu können; das klingt paradox. Aber jeder Fußballfan weiß das; denn während der Laie bei der Fernsehübertragung nur bemerkt, dass da ein Spieler den Ball zu einem anderen schießt, nimmt der Kenner die Raumaufteilung wahr und kann die Qualität des Passes würdigen. Die Engels-Ausstellung, um auf die zurückzukommen, ist angemessen dimensioniert. Man kann sie, wenn auch nicht in 90 Minuten, so doch in zwei Stunden bequem anschauen und erhält viele Eindrücke, ohne von einer Überfülle erdrückt zu werden. Ein paar mehr Informationen, um das Gesehene in die zeitgenössischen historischen Konflikte einzuordnen, wären hilfreich gewesen.

Manchmal aber ist es umgekehrt: Man sieht etwas, weil man nicht die Perspektive von damals einnimmt, sondern weiß, was seitdem geschehen ist. Das lässt sich im letzten Raum der Ausstellung erleben. Er ist dem späten Engels gewidmet, der in seinen letzten zwölf Lebensjahren, seit dem Tod von Marx 1883, in der Sozialdemokratie als Repräsentant des theoretischen Erbes galt. Man sieht da etwa ein Foto, das 1893 am Rande des Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongresses in Zürich entstand. Engels, etwas korpulent geworden und mit ergrautem Bart bei noch dunklem Haupthaar, sitzt dort inmitten einer sommerlichen Gesellschaft, die es sich im Gartenbereich des Gasthofs zum Löwen Bendlikon wohlgehen lässt. An seiner rechten Seite sieht man Clara Zetkin, die Marxistin blieb und zur überzeugten Kommunistin wurde, schließlich als Alterspräsidentin 1932 den Reichstag eröffnete und dabei von ihren Genossen gegen tobende Nazis verteidigt werden musste. Links von Engels aber saß Julie Bebel, nächst ihrem Mann August, der als SPD-Vorsitzender jahrelang zwischen den Parteiflügeln vermittelte und dadurch den Durchmarsch der Reformisten ermöglichte. Aber auch der Hauptvertreter der letzteren fehlt nicht: Eduard Bernstein, Engels gegenüber, den Arm lässig auf die Lehne eines freien Stuhls gelegt und wohl optimistisch das nahende 20. Jahrhundert erwartend. Eine Vorstellung von der Härte der bevorstehenden Kämpfe hatte vielleicht keiner und keine der Anwesenden.

Kunst und Bewusstsein

Zeitgenössische sozialdemokratische Kunst verweist auf den damaligen Bewusstseinsstand. In der Ausstellung sind Bilder zu sehen, die – ohne Chance, in die Kunstgeschichte einzugehen – Haltungen zur Poli,ik demonstrieren. Da gibt es die soziale Anklage. Johann Bahrs »Ein Opfer der Arbeit« (1889) zeigt eine Fabrikhalle mit allerlei Rädern und sonstigen Maschinen sowie auf dem Holzboden im rechten Vordergrund einen niedergesunkenen Mann, um den sich sogar vier Personen bemühen. Noch lebt er; mit angefeuchteten Tüchern wird ihm die Stirn gekühlt. Im stark bevölkerten rechten Hintergrund wird weitergearbeitet, im linken Vordergrund beraten zwei Arbeiter an einer Maschine, ohne sich um das Opfer zu kümmern. Im Mittelgrund und zugleich im Zentrum des Bildes aber befindet sich eine eilig herbeigerufene Frau mit ihrem Kind, offensichtlich zur Familie des Arbeitsopfers gehörend.

Verglichen etwa mit Fabrikschilderungen, die man bei Marx lesen kann, wirkt die Einrichtung geräumig und lichtdurchflutet. Sieht man von der aufgeregten Frau ab, so erscheint der Gang der Dinge als eher ruhig; weshalb man bei dieser Arbeit zusammenbrechen muss, wird nicht recht klar. Gut möglich ist zwar, dass die Arbeiter, die die realen Verhältnisse kannten, keine naturalistische Wiedergabe hässlicher Details brauchten, um die Not zu verstehen. Sie dürften auch gewusst habe, welches Elend ein möglicher Tod des Arbeiters für die Hinterbliebenen bedeutet hätte. Zumindest für heutige Betrachter aber wirkt die Szene wie ein sentimentales Familienarrangement, fern von jedem Klassenkampf.

Beliebt war auch das Genre der allegorischen Darstellung. Hans Gabriel Jentzsch bietet in »Maien-Fest der Arbeiter« (1893) eine Gruppe fahnenschwingender Feiernder auf. Eine der Fahnen ist mit der Parole der bürgerlichen Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« beschriftet. Der Mai wird fast ausschließlich von Männern gefeiert; die einzige Frau, um die im Vordergrund ihr Begleiter den Arm legt, trägt dörfliche Tracht und wirkt nicht eben zugehörig. Neben Arbeitern ist auch das Handwerk vertreten. Die Gruppe strebt einer Frau zu, die in einem weißen Festgewand auf einem Sockel plaziert ist, freiheitsstatuenartig mit der Rechten eine Fackel in die Höhe reckt und in der linken Hand eine Friedensähre trägt. Etwas rechts von der Bildmitte, welche die Menschengruppe beansprucht, ist sie hell hervorgehoben. Ganz rechts, etwas in den Hintergrund versetzt, sieht man einen Gedenkstein mit einem ährenumkränzten Marx-Relief, mit der Aufschrift »Der Menschheit«. Die Klassenfrage wird auf diesem »Maien-Fest« nicht gestellt. Statt dessen gibt es den Gegensatz von finster und hell, der die Grundlage der Epochenbezeichnung »Aufklärung« bildet: Auf dem Gedenkstein steht ein Gefäß, aus dem vor sehr dunklem Hintergrund ein desto auffälligeres Licht emporsteigt und so für die Zukunft das Beste hoffen lässt.

Seine Idee, wie sich dieses Beste tatsächlich erreicht lässt, hat P. Bauer mit »Das Geistesschwert – Wissen ist Macht«, gedruckt in einer »Mai-Zeitung« 1897, gleichfalls allegorisch gestaltet. An den Rändern des Bildes sieht man rahmenartig Demonstrierende und Feiernde beiderlei Geschlechts. Die zentrale Fläche aber – rechteckig in die Festszene eingefügt – zeigt, wiederum links, eine Gruppe, in deren Vordergrund diesmal tatsächlich eine Arbeiterin zu sehen ist. Diese Gruppe strebt einer idealisierten Frauenfigur zu, die bei Bauer sitzt und ihre Füße auf Bände von Marx (wissenschaftlicher Sozialismus), Darwin (naturwissenschaftliche Widerlegung der Religion) und Lassalle (Gründung einer sozialdemokratischen Partei) stützt. Neben der Frauenfigur sieht man eine geneigte Figur, die ein Fähnchen mit der Aufschrift »Sozialreform« trägt. Die Frau aber, die, hell hervorgehoben, zum Zentrum des Bildes wird, auch wenn sie rechts davon sitzt, überreicht den Arbeitern ein »Star Wars«-artiges Lichtschwert, dessen Griff kreisförmig die Parole »Wissen ist Macht« umschließt.

Natürlich nützt es zu lernen. Aber die Arbeiterklasse als Repräsentant der ganzen Menschheit, das richtige Argument als Garant einer hellen Zukunft – es gibt wenig, was im 20. Jahrhundert gründlicher widerlegt wurde. Nicht Wissen allein war Macht, sondern Wissen verbunden mit revolutionärer Praxis. Engels hat das gewusst; nicht gedankenlos charakterisierte er die Revolution als »das autoritärste Ding, was es gibt«, denn durch sie zwinge »ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen« auf.

Der Katalog

Als Engels 1895 starb, hatte die deutsche Sozialdemokratie die revolutionäre Theorie von ihm und Marx mehr oder minder angenommen und pflegte zugleich die Illusion der plattesten unter den Aufklärern des 18. Jahrhunderts, allein die richtige Einsicht würde schon zu einer idealen Zukunft führen. Die SPD war legalisiert, hatte Wahlerfolge und geriet ins Fahrwasser des Parlamentarismus. Knapp zwanzig Jahre später stimmte sie den Krediten für den Ersten Weltkrieg zu. Der Glaube ans Gute führt immer zum Schlechtesten.

Aber was ahnten die Sozialisten, die 1893 im Gasthof Zum Löwen zusammen aßen und tranken, von den kommenden Entscheidungen? Sehen kann man das nicht; zu beinahe jeder Ausstellung gehört darum ein Katalog, der nicht nur viele der Exponate abbildet, sondern auch mit Beiträgen das Gezeigte erklärt. Wie üblich, versammelt auch der Wuppertaler Engels-Katalog Artikel sehr unterschiedlicher Qualität, von denen manche historische Bezüge zeigen, andere hingegen die gegenwärtige Perspektive betonen.

Beliebt ist es natürlich zu zeigen, wo Engels sich geirrt habe. »Die Geschichte hat uns (…) Unrecht gegeben« – mit diesem Zitat leitet Jürgen Herres seinen Aufsatz »Friedrich Engels. Republikanischer Kommunist und europäischer Gesellschaftskritiker« ein. Damit habe Engels wenige Monate vor seinem Tod das Scheitern seiner und Marxens Revolutionshoffnungen eingestanden und fortan auf parlamentarische Tätigkeit gesetzt. So besteht für Herres kein Hindernis mehr, Engels im Herzen der bürgerlichen Klasse einzuschreinen und beruhigt festzustellen, dass er »weder Begründer der Ideologie einer kommunistischen Kaderpartei noch Befürworter einer kommunistischen Parteidiktatur war«. Nur eines irritiert Herres: dass Engels »die Gefahren jeder politischen Gewaltausübung« nicht habe sehen wollen, »obwohl er dies aufgrund der Erfahrungen der Französischen Revolution von 1789 sehr wohl gekonnt hätte«.

Wer bei Gewaltausübung automatisch an Revolution denkt und nicht an die Gewalt der Konterrevolution oder die üblichen Kriege der bürgerlichen Staaten, der greift natürlich jedes Anzeichen eines Fehlers bei Engels begeistert auf. Dass Kritik auch weniger ideologisch geprägt möglich ist, zeigt im Gegensatz dazu Dorothea Schmidt in dem Beitrag »Die ›große Industrie‹ und das ›gezogene Gewehr‹ – Friedrich Engels und die Technik«. Im Anschluss an Studien von Raphael Samuel vertritt sie die These, dass Engels – und mit ihm Marx, der die Informationen des Freundes bei der Arbeit am »Kapital« übernommen habe – den Grad der Mechanisierung von Arbeitsvorgängen überschätzt habe. Viele Beispiele habe die Textilindustrie geliefert, die im 19. Jahrhundert in der Tat durch Maschineneinsatz stark verändert worden ist. Andere Branchen, wie das Baugewerbe, habe dies in erheblich geringerem Maße betroffen.

Dem Katalog ist ein Lokalbezug durchaus anzumerken. Dass Reiner Rhefuß »Friedrich Engels’ Wirkungsorte im Wuppertal« vorstellt, ist angemessen und mag einheimische wie touristische Ausstellungsbesucher zu Spaziergängen voller Eindrücke ermuntern. Mehrfach sind im Katalog die »Briefe aus dem Wupper-Thal« erwähnt, die Engels in seiner Bremer Zeit schrieb und anonym veröffentlichte. In Barmen und Elberfeld wurde gerätselt, wer der Verfasser dieser als Reiseskizze getarnten Abrechnung sei, die »ein schreckliches Elend unter den niedern Klassen« ebenso festhielt wie die ökologischen Verwüstungen, die die Frühindustrialisierung anrichtete.

Aber auch, wenn der Lokalbezug keinesfalls zur Heimatverklärung gerät: Ob gleich zwei Aufsätze die religiös-pietistische und ökonomische Prägung von Engels’ Eltern und Großeltern vorstellen müssen, ist fraglich – vor allem mit Blick auf das, was fehlt. Man erfährt nämlich im Katalog beinahe nichts über die Berliner Studienzeit und damit vor allem wiederum nichts über die Bedeutung von Hegel und der Dialektik für Marx und Engels; sehr wenig über Philosophie überhaupt. Ungleich sind auch die Informationen über Engels’ Beteiligung an der Revolution 1848/49 gewichtet. Die wenigen Tage, die er im Mai 1849 im aufständischen Wuppertal verbrachte, bevor ihn die dortigen Bürger wegen allzu lästiger Radikalität wegschickten, werden zweimal ausführlich geschildert – seine viel wichtigeren Kämpfe mit der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee sind nur kurz skizziert.

Abgesehen von solch seltsamen Gewichtungen bleibt doch hervorzuheben, dass es durchgängig gelungen ist, wissenschaftliche Erkenntnisse auf eine für ein interessiertes Publikum zugängliche Weise zu formulieren. Neben Beiträgen zu Engels »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« und seinen Skizzen zur »Dialektik der Natur« ist der informierte Text zu den »Frauen des Friedrich Engels« von Marina Mohr zu nennen. Georg Fülberth schreibt über Engels’ Londoner Jahre und umreißt auf knappem Raum und dabei anschaulich den politischen, editorischen und wissenschaftlichen Ertrag der Zeit von 1870 bis 1895, verschränkt mit dem privaten Leben und dem Verlust nahestehender Menschen, mit dem das Alter droht.

Es gibt also Grund zur Mäkelei wie auch zur Freude, sowohl was die Ausstellung als auch was den Katalog betrifft. Da das Coronavirus sich als politisch ignorant erwiesen hat und auf eine grundlegende Besserung innerhalb der nächsten Monate nicht zu hoffen ist, dürften Veranstaltungen schwierig und dürfte darum Engels im Schatten von Marx bleiben. Das allein genügt als Grund, zu besuchen, was es immerhin gibt. Zudem lässt sich ein Teil der Vorträge, die vor dem Lockdown auf der Konferenz »Friedrich Engels – zur Aktualität eines Klassikers« gehalten wurden, im Internet nachhören. Für den 7./8. November plant u. a. die Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal eine Tagung, schärfer formuliert: »zur Aktualität eines Revolutionärs«. Sollte dann die zweite oder mittlerweile dritte Coronawelle ausbleiben, hätte Engels doch nicht nur Pech.

Die Sonderausstellung »Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa» des Historischen Zentrums Wuppertal ist vom 15.5. bis 20.9.2020 in der Kunsthalle Barmen zu sehen.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. März 2020 über Ernst Jünger.

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