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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

»Is’ auch ohne Diskussion«

Zum Tod der Schauspielerin Renate Krößner
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»Um die Traurigkeit« – Renate Krößner

»›She’s Sunny‹, they will say / someday …« – die Titelrolle in Konrad Wolfs letztem Film »Solo Sunny« (1980) hat Renate Krößner unsterblich werden lassen: Ingrid »Sunny« Sommer wohnt Hinterhaus im heruntergekommenen Prenzlauer Berg, hat die Schnauze voll von Fabrikarbeit und tingelt mit Schlagern durch die Kulturhäuser der DDR. Es geht ihr um den Nachtclubglamour, die hochhackigen Schuhe, vielleicht auch den Traumprinzen (»When you will come away / Some sweet day«). Ihre Träume sind nichts Besonderes, sie ist keine begabte Sängerin – was unter die Haut geht, ist ihre übergroße Sehnsucht nach einem anderen Leben. Um sich von ihrer Einsamkeit abzulenken, nimmt Sunny eines Nachts einen Philosophen mit nach Hause, der tiefgründig über das Sterben redet und dann beim Schlafen ein Messer im Bett bemerkt. Sie habe ihn töten wollen, meint Sunny knapp, sei dann aber eingepennt. »Is’ ohne Frühstück« bekommt er von ihr noch mitgeteilt. Und als er den Mund aufmacht: »Is’ auch ohne Diskussion.«

Es ist ein fast schon deprimierender Film über die DDR, wenn man bedenkt, welche Hoffnungen der Regisseur in sie gesetzt hatte, nachdem er 1945 mit der Roten Armee nach Deutschland zurückgekehrt war. »Es geht um die Traurigkeit, die man dieser Sunny gegenüber empfindet, die sich ja mit Händen und Füßen wehrt«, hat Wolf mal erklärt. Seine letzte Titelheldin hatte er am Theater in Brandenburg an der Havel gefunden, das es heute nicht mehr gibt. Krößner wurde wenige Tage nach der Befreiung am 17. Mai 1945 im Harz geboren und an der Staatlichen Schauspielschule Berlin ausgebildet, stand dann auf Bühnen in Parchim, Stendal und Senftenberg. Fürs Kino spielte sie in Herrmann Zschoches »Feuer unter Deck« (1977) eine Gaststättenchefin, die genug hat von Suffköppen. Weil der zweite Hauptdarsteller Manfred Krug noch im selben Jahr ausreiste, wurde es nichts mit dem Kinostart, aber der Film lief 1979 im DDR-Fernsehen. In jenem Jahr war Krößner in Heiner Carows Publikumserfolg »Bis dass der Tod euch scheidet« auf den Leinwänden der Republik zu sehen, als beste Freundin einer alkoholsüchtigen Ehefrau (Katrin Sass).

1985 ging sie mit ihrem Sohn und ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Bernd Stegemann, in den Westen, wo sie an Theatern in Basel, München (Residenztheater) und Berlin (Schaubühne) spielte, und auch wieder mit Manfred Krug drehte (»Liebling Kreuzberg«). Am Montag ist Krößner nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren in Mahlow bei Berlin gestorben. (jW)

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • S. Schubert: Pralles Leben Renate Krößner war auch Else Scharfschwert in »Verflucht und geliebt«, Mutter dreier Söhne, das pralle Leben. Ihr leider viel zu früher Tod wäre ein guter Grund, diesen Film mal wieder zu zeigen....

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