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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Mehr Russen und mehr Sex

Deutsche Theater, aufgewacht! Simon Strauß präsentiert Vorschläge wider den Stumpfsinn der Spielpläne
Von Erik Zielke
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Keine Bühne ohne Tschechow: Onkel Wanja kann’s nicht lassen (Probenfoto, Schauspielhaus in Hamburg, 2015)

Nicht oft ist es der Fall, dass sich über einen kurzen Zeitraum entstandene Feuilletons zu einem Buch fügen lassen, das dem Leser einen Gewinn beschert. Simon Strauß, seit 2016 Theaterredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist mit dem kürzlich im Tropen-Verlag erschienenen Band »Spielplanänderung!« genau das gelungen. Im vergangenen Jahr hat er Praktiker und Liebhaber des Theaters, Journalisten und Schriftsteller eingeladen, weitgehend vergessene Stücke vorzustellen, die in den gleichförmigen Bühnenspielplänen der Republik für etwas Abwechslung sorgen könnten. Dabei herausgekommen sind bedenkenswerte Vorschläge, bestehend aus – wie es im Untertitel des Buches heißt – »30 Stücken, die das Theater heute braucht«.

Nun ist Strauß nicht gerade ein Vertreter eines linksprogressiven Kunstverständnisses. Tatsächlich ist er einer der Initiatoren der Gruppe »Arbeit an Europa«, die an einer konservativen Erneuerung der europäischen Idee arbeitet. Allerdings ist es Strauß mit dem Theater durchaus ernst, das heißt, er erwartet von einer Inszenierung ein ästhetisches Erlebnis, eine intellektuelle Herausforderung und überschätzt das Medium gleichzeitig nicht als politisches Werkzeug von weltveränderndem Ausmaß. Wer es aber heute erst meint mit dem Theater, den ergreift beim Blick auf die Spielpläne ein gewisser Missmut. Sie sind von einschläfernder Eintönigkeit: entweder Filmadaptionen und Performances, die die Literatur im schlimmsten Fall verachten, oder die bewährte Stadttheatermischung, welche die immer gleichen Shakespeares und Tschechows Abend für Abend bereithält. Strauß fasst dieses Debakel pointiert zusammen: »Nicht nur den Laien müsste ja eigentlich erstaunen, mit welcher Einfallslosigkeit an den Theatern dieses Landes immer wieder dieselben Stücke aufgeführt werden, als umfasste der allgemeine spielbare Kanon nur etwa fünfzehn Autoren.«

Deshalb hat sich Strauß dazu entschieden, »davon (zu) schwärmen, was es zu sehen geben könnte«. Die eingeladenen Autoren teilen die Passion für die darstellende Kunst, wenngleich die Beiträge selbstredend ganz unterschiedlicher Qualität sind. Die vorgestellten Stücke von Hans Henny Jahnn und Marieluise Fleißer laufen wohl auch eher nicht unter der Kategorie Geheimtip. Aber auch für Kenner dramatischer Literatur sind hier Entdeckungen zu machen. Jedem Beitrag ist ein zweiseitiger – damit möglicherweise etwas zu kurzer – Textausschnitt vorangestellt, so dass der Leser in die Lage versetzt wird, sich von der sprachlichen Qualität selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Die Journalistin Annabelle Hirsch wirbt für ein Drama von George Sand, das bislang nicht einmal ins Deutsche übertragen wurde und entsprechend seiner Erstaufführung hierzulande harrt. Es ist ein Stück, das die Geschlechterverhältnisse auf kluge und überlegte Weise reflektiert, während sich zeitgenössische Annäherungen an dieses Thema häufig eher affektiv verhalten. Überhaupt spielen in den vorgestellten Bühnenwerken erstaunlich oft Sexualität und sexuelle Identität eine tragende Rolle. Hier zeigt sich, dass große Literatur zeitlos ist. Auffällig ist auch, dass nicht wenige russische Stücke zur Übernahme in die Spielpläne vorgeschlagen werden: Das betrifft ebenso große Realisten des vorvergangenen Jahrhunderts wie Alexander Ostrowski und Iwan Turgenjew, den humoristischen Solitär Alexander Suchowo-Kobylin wie auch die Zeugen der Revolution Marina Zwetajewa und Alexander Blok. Gerade letztere schrieben erstaunliche Versdramen, die von herausragendem sprachlichen Können zeugen. Für ein deutlicher politisches Theater dürfte die Empfehlung der Dramatikerin ­Sasha Marianna Salzmann von Interesse sein: Sie stellt die vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratene Theaterautorin Anna Gmeyner vor.

All diesen Stücken ist nicht nur ein interessiertes Publikum zu wünschen, sondern auch mutige Dramaturgen, die jetzt zugreifen. Mit den dreißig Stückvorstellungen ist ihnen inspirierendes Material serviert worden, das nicht nur in Zeiten, in denen die Theater (noch) geschlossen sind, Beachtung verdient. Den kruden Epilog hingegen, verfasst von Botho Strauß, Vater des Herausgebers und vor seiner reaktionären Kehrtwende als Autor und Dramaturg einst Protagonist eines linken westdeutschen Theaters, kann man getrost ungelesen lassen.

Simon Strauß (Hg.): Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht. Tropen-Verlag, Berlin 2020, 262 Seiten, 20 Euro

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