Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Juli 2020, Nr. 154
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Verkommen« Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der überraschende Schnitt

Lebenslang Underground: Zum Tod des Cut-up-Schriftstellers Jürgen Ploog
Von Florian Neuner
10.jpg
»Unterwegssein ist alles«: Der ästhetische Nomade Jürgen Ploog

Wenn es eine Literatur gibt, die im deutschsprachigen Betrieb niemals Konjunktur hatte, dann die US-amerikanische Beatliteratur in ihrer radikaleren Spielart. Also nicht die Stories aus dem Säufer- und Drogenalltag à la Charles Bukowski, sondern die Cut-up-Literatur eines William S. Burroughs, die es sich vornimmt, die Linearität der Erzählungen aufzubrechen und nach Formen zu suchen, die unserem Denken und unserer Wahrnehmung angemessener sind. Ihre Widerborstigkeit hat diese Methode bis heute nicht eingebüßt, und so hat Jürgen Ploog, Burroughs’ deutscher Schüler, sein ganzes Leben im literarischen Underground zugebracht.

Die Publikationsliste des 1935 in München geboren Ploog spiegelt eine Odyssee durch Kleinverlage – vom Darmstäder Melzer-Verlag, wo 1969 das Debüt »Cola-Hinterland« erschien, über Nachtmaschine (Basel), Paria (Frankfurt), Druckhaus Galrev (Berlin) bis hin zu Peter Engstler (Ostheim/Rhön) und Moloko-Print (Schönebeck), wo 2019 »Dillinger in Dahlem« herausgekommen ist. Man kann nicht sagen, dass Ploog darüber nur glücklich war. Mit der literarischen Subkultur der kleinen Verlage fremdelte der dandyhaft und nicht selten etwas großspurig auftretende Autor. Ploog, dem seine Berufstätigkeit als Lufthansa-­Pilot Unabhängigkeit garantierte, blickte nicht ohne Spott auf die vermeintlich freien Autoren, die jedem Brosamen nachlaufen müssen, der im Kulturbetrieb für sie abfällt. Das heißt freilich nicht, dass er nicht auch selbst tatkräftig am Aufbau einer literarischen Gegenöffentlichkeit mitgearbeitet hätte – so mit der legendären »Zeitschrift für zeitgemäße Literatur« Gasolin 23, die er zwischen 1972 und 1986 gemeinsam mit Carl Weissner, Jörg Fauser und Walter Hartmann edierte.

Auf Weissner ausgerechnet in einer US-amerikanischen Zeitschrift gestoßen zu sein, war typisch für Jürgen Ploogs Leben zwischen den Welten. Ob bei den Beatniks in den USA oder den 68er-Intellektuellen in Frankfurt – zwischen zwei Flügen tauchte Ploog kurz auf und war auch schon wieder verschwunden. In einer wunderbaren Skizze, die 1966 in der Frankfurter Studentenzeitung Diskus erschien, entlarvte er die in Princeton tagenden Autoren der »Gruppe 47« als Spießer: »Auf der Nassau Street in Princeton war ein kleiner Vietnam-Stand aufgebaut, und an einem Alleebaum dahinter hingen Anti-Kriegs-Plakate. Die meisten der 47er gingen mit dem Geld der Ford-Foundation achtlos an diesem Zeichen der Zeit vorüber. Man war auf der Suche nach Vorsatzsteckern für Rasierapparate.« Das war nicht seine Welt, und natürlich wurde er zur »Gruppe 47« auch nie eingeladen.

Cut-up verstand Ploog als »manifeste Kritik an der Schriftsprache«, er sah das Zukunftsweisende des 1959 von Brion Gysin »entdeckten« Verfahrens: »Die Schnitttechnik bereitet den Weg zu einem fraktalen, digitalen Sprachduktus, der sich der Linearität entzieht«, so Ploog in seinem Buch »Die letzte Dimension«. »Ich wollte herausfinden, was Worte in unwahrscheinlicher Kombination mit meinem Vorstellungsraum anstellen.« Und was haben sie dort nicht alles angestellt! Was abstrakt klingen mag, führte in der Schreibpraxis zu üppigen Bildwelten und stets überraschenden Schnitten. Die Verwandtschaft mit den Montagetechniken der Avantgarden sah Ploog durchaus. Um so überraschter war ich, dass die ebenfalls kleine, oft am Rande des Betriebs agierende experimentelle Literaturszene von Ploog keinerlei Notiz nahm.

Als Ploog 2012 auf meine Einladung hin in Wien las, hatte er am Vorabend seinen Freund Wolf Wondratschek getroffen, der natürlich nicht zu der Lesung kam, ihm aber dringend empfahl, nach Wien zu ziehen, wie Ploog amüsiert berichtete. Nirgendwo könne man besser schreiben. Was für eine absurde Vorstellung für den nomadisierenden Ploog, der sich ästhetisch in ganz anderen Dimensionen bewegte als der Wiener Freund und einem seiner Bücher den Titel »Unterwegssein ist alles« gegeben hat! Am 19. Mai ist Jürgen Ploog im Alter von 85 Jahren in Frankfurt am Main gestorben. Wer sich für Literatur interessiert, die vor der Komplexität des zeitgenössischen Lebens nicht die Waffen streckt, wird an diesem Werk in Zukunft nicht vorbeikommen. Denn: »Fragmentierung ist Dechiffrierung.«

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Mehr aus: Feuilleton

Wo gibt es noch konsequent linken Journalismus? Na, am Kiosk! Am Wochenende für 2,20 €.