Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Knallharte Interessen

Rezession und befristete Arbeitsverträge. Gastkommentar
Von Sabine Zimmermann
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Befristete Arbeitsverhältnisse sind eine Zumutung: Protestaktion an der Uni Kassel (Januar 2020)

Die schwerste Rezession seit Jahrzehnten trifft den Arbeitsmarkt mit Wucht. Zehn Millionen Anträge auf Kurzarbeit wurden gestellt. 300.000 Menschen haben allein bis Mitte April ihren Arbeitsplatz verloren. Verglichen mit der Lage in den USA steigt die Erwerbslosigkeit aber nur moderat. Grund zur Entwarnung also? Nicht für diejenigen, die in einem der fast 2,8 Millionen befristeten Arbeitsverhältnisse tätig sind. Das sind 7,2 Prozent aller vertraglich Beschäftigten. In manchen Branchen ist der Anteil deutlich höher. Dazu gehören Erziehung und Unterricht, die Landwirtschaft und das von der Coronakrise gebeutelte Gastgewerbe. Es braucht keine Phantasie, um die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt vorauszusehen.

Übrigens geht der erste Platz an den Non-Profit-Bereich mit 16,4 Prozent befristeten Verträgen. Anspruch und gelebte Realität klaffen hier schon seit langem auseinander. Denn die ideelle Motivation eines Menschen, der für eine bessere Gesellschaft arbeiten will, erleichtert zugleich die Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Das mag auch an Hochschulen gelten, wo unbefristete Stellen rar sind. In anderen Branchen zwingt die schiere materielle Not die Lohnabhängigen dazu, sich mit der Unsicherheit befristeter Verträge abzufinden. Das heißt konkret: Keine verlässliche Lebensplanung, schlechtere Karten bei der Wohnungssuche, kein Zugang zu Krediten – und im Ernstfall: Jobverlust.

Die wahre Dimension des ­Problems offenbart sich aber erst, wenn man die Neueinstellungen in den Blick nimmt. Im dritten Quartal 2019 waren 42,6 Prozent davon befristet. Zugleich läuft die Mehrzahl der befristeten Verträge nicht länger als ein Jahr. Darunter ist zwar auch die eine oder andere Elternzeit- oder Krankheitsvertretung. Sachgrundlose Befristungen hingegen dienen Unternehmern oft schlicht als verlängerte Probezeit. Statistisch noch unsichtbar tickt hier eine arbeitsmarktpolitische Zeitbombe, die mitten in der Wirtschaftskrise explodieren wird.

Die Lösung ist so naheliegend wie einfach: Befristungen sind eng zu begrenzen, und sachgrundlose Befristungen gehören verboten. Punkt. Wichtigste Akutmaßnahme wäre aber ein höheres Arbeitslosengeld, das man leichter und länger beziehen kann. Zur Zeit Helmut Schmidts war es Konsens, die Arbeitslosenversicherung in der Wirtschaftskrise zu stärken. Die jetzige Bundesregierung drehte ihr noch den Geldhahn zu, als sich (schon vor Beginn der Pandemie) ein Konjunkturabschwung abzeichnete. Das war volkswirtschaftlich unsinnig, aber keineswegs irrational, sondern knallharte Interessenpolitik – wie bereits die Deregulierung des Arbeitsmarkts zum Anfang des Jahrhunderts. Neue Verteilungskämpfe stehen den Lohnabhängigen und Erwerbslosen bevor.

Sabine Zimmermann ist arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion von Die Linke im Bundestag

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