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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 1 / Inland
Aufhebung von Pandemiemaßnahmen

BRD plant Lockerungen für Tourismus

Bundesregierung in Abstimmung mit Zielländern für Reisen in Europa. Verbände machen Druck
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Korso aus Hunderten Bussen fährt am Mittwoch in Berlin über die Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor

Nach bundesweit umfangreichen Lockerungen der staatlichen Maßnahmen gegen die Coronapandemie sollen offenbar schon bald die Beschränkungen für Urlaubsreisen in Europa fallen. Die Bundesregierung will in der kommenden Woche ihren Plan für den »Neustart« der Tourismuswirtschaft vorlegen. Das Kabinett wolle sich am 3. Juni mit einem Eckwertepapier befassen, das als Gesprächsgrundlage für eine Einigung mit den Urlaubsländern auf Regeln für einen Infektionsschutz dienen soll. Das will die Deutsche Presseagentur laut Bericht vom Mittwoch aus Regierungskreisen erfahren haben.

Vorgesehen ist demnach auch, die generelle Reisewarnung für 31 Länder in Europa aufzuheben und mit Reisehinweisen zu ersetzen, die an die Lage angepasst sind. Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte bereits Gespräche mit den Nachbarstaaten und Urlaubsländern aufgenommen. Ein Eckwertepapier mit möglichen Hygieneregeln in Hotels und Pensionen sowie Vorgaben zur Nachverfolgbarkeit möglicher Infektionen war am Dienstag bekanntgeworden. Das Außenministerium machte zudem erneut deutlich, dass es keine weitere »Rückholaktion« von Urlaubern mit deutscher Staatsbürgerschaft geben werde.

Somit scheint sich die Bundesregierung vor allem dem Druck der deutschen Reisebranche zu beugen. Diese hatte eine schnelle Entscheidung über einen »Neustart des Tourismus« in Europa angemahnt. Die Anzahl der »aktiv Infizierten« sei in Österreich, Kroatien und Griechenland »zusammengenommen geringer als im Bundesland Bayern« erklärte der Präsident des Branchenverbands DRV, Norbert Fiebig, am Mittwoch. Eine Aufhebung von Reisewarnungen müsse ihm zufolge auf Basis des »tatsächlichen Infektionsgeschehens« erfolgen.

Um ihr Anliegen zu verdeutlichen, inszenierte die Reisebusbranche am Mittwoch eine große Protestfahrt durch die Berliner Innenstadt. Wie der Rundfunk Berlin-Brandenburg berichtete, sollen sich zudem im Regierungsviertel Vertreter mehrerer Verbände mit Bundestagsabgeordneten getroffen haben. (dpa/jW)

Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus Rostock (28. Mai 2020 um 09:10 Uhr)
    »Eine Aufhebung von Reisewarnungen müsse ihm zufolge auf Basis des »tatsächlichen Infektionsgeschehens« erfolgen.« Hier hat Herr Fiebig recht. Die Pandemie ist bei weitem nicht überall in Europa so gut unter Kontrolle wie in Deutschland. Die Chance, dass ein zufällig ausgewählter Einwohner akut infiziert ist, liegt im Vergleich zu Deutschland schätzungsweise bei:

    0,07 (Kroatien)

    0,58 (Österreich)

    0,86 (Tschechien)

    ...

    3,5 (Italien)

    5,4 (Belgien)

    14 (Großbritannien)

    19 (Schweden)

    Die Grenzen zwischen ähnlich stark betroffenen Ländern kann man von mir aus gerne öffnen, Reisefreiheit zwischen sehr unterschiedlich betroffenen Länder wäre ein Import der zweiten Welle mit Ansage.

    (Bestätigte Neuinfektionen der letzten sieben Tage, korrigiert um eine Abschätzung des Unterschieds in der Dunkelziffer, die sich aus der Sterblichkeit der bestätigt Infizierten ergibt, Daten: Johns Hopkins University)
    • Beitrag von Matthias G. aus Gelterkinden (28. Mai 2020 um 18:53 Uhr)
      Woher stammen diese Zahlenspielereien? Was ist die Grundlage für diese Schätzungen? Solange das nicht deutlich wird, ist das – in Verbindung mit dem PR-Begriff »zweite Welle« – reine Panikmache. Abgesehen davon, ist es schon etwas merkwürdig, dass ausgerechnet in einer linken Zeitung diese Art des Nationalismus propagiert wird (»Wir wollen keine Leute aus diesen Ländern bei uns sehen!«).