Gegründet 1947 Donnerstag, 9. Juli 2020, Nr. 158
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 1 / Titel
Polizeigewalt USA

Aufstand gegen Killercops

In den USA ist erneut ein Afroamerikaner bei einem Polizeieinsatz getötet worden. Tausende verlangen strafrechtliche Verfolgung
Von Ina Sembdner
RTS394CM.JPG
»Hört auf, schwarze Menschen zu töten«: Tausende forderten am Dienstag in Minneapolis ein Ende der Polizeigewalt

»In Amerika schwarz zu sein, sollte kein Todesurteil sein«. Die Aussage des Bürgermeisters von Minneapolis, Jacob Frey, erscheint als Wunschdenken angesichts der alltäglichen Lebensgefahr für Millionen Afroamerikaner in den USA. Am Montag abend ist erneut ein schwarzer US-Bürger wegen einer kriminellen Nichtigkeit bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet worden. Die letzten neun Minuten seines Lebens musste George Floyd in Handschellen gefesselt auf dem Boden liegend unter dem Knie des weißen Beamten Derek Chauvin um Luft ringen. Ein online veröffentlichtes Video der Passantin Darnella Frazier, seit Dienstag millionenfach angeschaut, zeigt, dass der so Geknebelte bereits nach vier Minuten das Bewusstsein verlor. Die Forderung anwesender Zeugen, den Puls des Ohnmächtigen zu überprüfen, wurde von Chauvin und seinem beistehenden Kollegen Tou Thao ignoriert. Der Polizeibeamte ließ erst von Floyd ab, als ein Rettungswagen Minuten später eintraf, wie der regionale Sender CBS Minnesota (online) am Dienstag berichtete. Im Krankenhaus Hennepin Healthcare konnte nur noch der Tod des Misshandelten festgestellt werden. Sein »Verbrechen«: Mit einem gefälschten Scheck Lebensmittel kaufen.

»Ich kann nicht atmen«, riefen Tausende Menschen, die sich daraufhin am Dienstag nachmittag rund um den Tatort versammelt hatten. Sie forderten die strafrechtliche Verfolgung der Polizisten und zogen zum örtlichen Polizeirevier. Dort eskalierte die Situation. Als eine kleine Gruppe der sonst friedlichen Demonstration ihre Wut an Polizeifahrzeugen und Fensterscheiben ausließ, gingen die zur Aufstandsbekämpfung ausgerüsteten Einsatzkräfte mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Protestierenden vor – für die anwesende Anwältin Nekima Levy-Armstrong eine »völlig überzogene Reaktion«, zitierte sie die regionale Tageszeitung Startribune.

Das Vorgehen von Chauvin und Thao ist das aktuellste Beispiel einer Reihe solcher Übergriffe: 2010 starb der psychisch erkrankte David Smith ebenfalls in Minneapolis, er erstickte, nachdem ein Polizist ihn minutenlangen mit dem Knie in seinem Rücken zu Boden gepresst hatte. »Ich kann nicht atmen«, waren auch die letzten Worte von Eric Garner, der 2014 in New York ebenfalls wegen einer Nichtigkeit – dem Verkauf loser Zigaretten – durch den Würgegriff eines Polizisten getötet wurde.

Nachdem die örtliche Polizei zunächst abwiegelte – der Unbewaffnete hätte sich »widersetzt« und stand »womöglich unter Drogen« – sind Chauvin, Thao und zwei weitere Beamte, die zugegen waren, mittlerweile entlassen worden. Unbekannte sind sie für die in Minneapolis beheimate Organisation »Communities united against police brutality« nicht. Sowohl Chauvin als auch Thao waren bereits in der Vergangenheit im Dienst besonders gewalttätig vorgegangen.

Offiziell heißt es jetzt, das Verhalten sei ein individueller Fehler der beiden Beamten gewesen, »conscious restraint«, die Nackenfixierung bei Bewusstsein, werde seit einiger Zeit nicht mehr angewandt – verboten ist sie in Minneapolis indes nicht. Wohin fehlende Restriktion von Polizeigewalt führt, illustriert das Portal »Mapping police violence«: 2019 wurden in den USA 1.099 Menschen durch Polizisten getötet. Überproportional betroffen: schwarze US-Bürger- und Bürgerinnen. Allein in den ersten drei Monate dieses Jahres starben so 31 Afroamerikaner. Zu Verurteilungen kam es zwischen 2013 und 2019 jedoch nur in einem Prozent der Fälle.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

Regio: