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Aus: Ausgabe vom 26.05.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Tarifpolitik in der BRD

»Es ist möglich, sich zu organisieren«

Beschäftigte Berliner Assistenzbetriebe setzen Tarifvertrag durch. Ein Gespräch mit Michael Teumer
Von Daniel Behruzi
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Gewerkschaftsproteste und hartnäckig geführte Tarifverhandlungen zeigen Wirkung – wie bei den Berliner Assistenzbetrieben

Verdi hat für die rund 1.000 Beschäftigten der Berliner Assistenzbetriebe Ambulante Dienste e. V. und Neue Lebenswege GmbH rückwirkend zum 1. Juli 2019 Tarifverträge durchgesetzt. Eine vor einem Jahr erzielte Einigung stand noch unter einem Finanzierungsvorbehalt (siehe jW vom 28.5.2019), seit Ende April ist alles unter Dach und Fach. Was bedeutet das?

Es ist nach Hamburg, Bremen und Frankfurt am Main bundesweit erst der vierte Tarifvertrag in einem Assistenzbetrieb. Das ist ein Riesenerfolg, für den wir mehrere Jahre gestritten haben. Ein Persönlicher Assistent in Vollzeit bekommt jetzt inklusive Zuschlägen zwischen 300 und 500 Euro mehr im Monat. Wir haben es geschafft, dass nicht nur bei der Bezahlung die Regelungen des Tarifvertrags der Länder in unserem Haustarifvertrag gelten. Das heißt unter anderem: bessere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Zulagen für Schicht- und Wochenendarbeit, Überstundenzuschläge, Sterbegeld, Jahressonderzahlung, sechs statt fünf Wochen Jahresurlaub.

Was machen Persönliche Assistenten?

Entstanden ist die Persönliche Assistenz in den 1970er Jahren. Ziel war und ist es, schwer behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Sie bekommen rund um die Uhr in ihrem Zuhause Unterstützung.

Warum gibt es in diesem Bereich so wenige Tarifverträge?

Auch die Arbeitgeber im Gesundheits- und Sozialwesen sind nur dort bereit, Tarifverträge abzuschließen, wo sich Beschäftigte dafür engagieren. Und das ist in der Persönlichen Assistenz nicht so leicht. Denn die Leute arbeiten einzeln, jeder für sich im Haushalt des Assistenznehmers. Sie sehen sich höchstens bei der Übergabe mal, oder beim Teamtreffen. Wir haben aber gezeigt, dass es auch unter solchen Umständen möglich ist, sich zu organisieren. Fast jeder dritte Kollege ist im Zuge der Tarifauseinandersetzung bei Verdi Mitglied geworden.

Wie haben Sie das hinbekommen?

Wir haben immer wieder bei Teamtreffen und Betriebsversammlungen darüber diskutiert, haben die Kollegen nach ihren Forderungen gefragt und Aktionen organisiert. Dabei haben wir nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Kostenträger unter Druck gesetzt. Denn klar war: Ohne eine entsprechende Refinanzierung können die Träger keinen Tariflohn bezahlen. Zum Glück haben wir beim Senat für Arbeit und Soziales Unterstützung gefunden. Nach einigem Hin und Her haben auch die Pflegekassen die Refinanzierung des Tarifvertrags zugesagt.

Wie haben die Beschäftigten untereinander kommuniziert?

Kern der Organisierung sind die monatlichen Treffen der gemeinsamen Verdi-Betriebsgruppe von Ambulante Dienste e. V. und Neue Lebenswege GmbH. Diese sind für alle Kolleginnen und Kollegen offen – auch für diejenigen, die noch nicht Mitglied der Gewerkschaft sind. Wichtig sind auch digitale Kommunikationskanäle wie Chatgruppen und unsere Website www.verdi-ad-lw.de.

Wie haben die von Ihnen betreuten Menschen auf die Tarifkampagne reagiert?

Viele Assistenznehmer haben uns unterstützt. Einige waren auch bei den Aktionen dabei. Sie haben selbst ein Interesse daran, dass ihre Assistenten unter guten Bedingungen arbeiten. Denn wenn die Leute nebenher andere Jobs machen müssen oder das Personal ständig wechselt, leiden auch die Assistenznehmer. Dass wir nicht streiken mussten, hat es natürlich leichter gemacht.

Michael Teumer ist Persönlicher Assistent und Mitglied der Verdi-Tarifkommission beim Ambulante Dienste e. V. in Berlin

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