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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Gewindelte Angst

Spendet Spott und friedlichen Irrsinn, aber auch Trost: Pierre Deason-Tomorys Coronatagebuch
Von Frank Willmann
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Nach einer Woche ging uns die Düse

Das erste Coronatagebuch aus Deutschlands grüner Mitte ist da. Wo, wenn nicht in Weimar hätte sich ein junger Dichterfürst ein Herz fassen und die Schrecknisse, Albernheiten und Banalitäten der ersten vier Coronawochen festhalten können? Der Verseschmied hört auf den bonfortionösen Namen Pierre Deason-Tomory, kurz P D-T. In zwei Dutzend Kapiteln bindet er uns die purpurnen Windeln der Angst.

Waren wir anfangs noch lässig unterwegs, ging uns bereits nach einer Woche der Pein die Düse. Leichenberge in Norditalien, Sperrzonen in Spanien, Pandemie auch im deutschen Kindergarten!

Als dann sogar »Trump the Pimp« die Arschbacken schlotterten und Englands Premier auf der Intensivstation landete, war wirklich jedem hierzulande klar, dass es sich um unser letztes Stündlein handelte. Zombies, AIDS und großes Sterben kannten wir bisher nur aus Netflix-Serien – nun sollte es uns selbst an die Wäsche gehen. Auch P D-T. Doch seine Tagebucheinträge (von denen einige beinahe tagesaktuell in diesem Feuilleton erschienen, jW) spendeten Spott und Trost und friedlichen Irrsinn. Nichts anderes erfährt der sensationslüsterne Leser in dem nun vorliegenden Buch,

– wenn der Merkelpunk P D-T einsam zu seiner Mutti nach Nürnberg fährt und unterwegs alle Biervorräte Frankens vernichtet,

– wenn er am Fernseher zetert oder mit einer Baseballmannschaft zittert,

– wenn ihn nur die weiße Katze morgens anzüglich anjault (hätte auch die schwarze sein können).

Das Büchlein ist eine feine Satire, die man zwischen Antifademo und KenFM-Sabotage wegschnurpsen kann wie einen knackigen Apfel, dazu passt ein Fläschchen lieblichen Rosenthaler Kadarkas.

Pierre Deason-Tomory: Bitte in Fahrtrichtung rechts niesen. Die ersten vier Wochen Corona. Eckhaus-Verlag, Weimar 2020, 108 S., 12,80 Euro

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