Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 12 / Thema
Unerbetene Literatur

»Afrika den Afrikanern!«

Bemerkungen zu Hans Paasches fiktivem Bericht »Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland«
Von Helmut Donat
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Ellen und Hans Paasche mit ihren Söhnen Jochen und Nils, November 1914

Hans Paasche gehört zu den wenigen Deutschen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg die Kultur der Afrikaner schätzten. In den Jahren 1909/10 unternahm er, begleitet von seiner jungen Frau Ellen, eine Expedition zu den Quellen des Nils. Unterwegs lernte er den Schwarzen Lukanga Mukara kennen. Die Beobachtungsgabe Lukangas und dessen Auffassung über das, was ihm Paasche über die europäische Kultur, die Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche der Deutschen erzählte, gaben den Hintergrund ab für die »Briefe des Afrikaners Lukanga Mukara« – das populärste Werk Paasches. Im fiktiven Auftrag seines Königs wird der von der europäischen Zivilisation unberührte Lukanga auf eine »Forschungsreise ins innerste Deutschland« geschickt. Er hat die Aufgabe, seinem König mitzuteilen, wie die Weißen leben.

Zivilisationsdünkel

Als die »Briefe« Lukanga Mukaras am 1. Mai 1912 und danach in der von Hans Paasche und Hermann Popert gegründeten Halbmonatsschrift Der Vortrupp erschienen, glaubten viele Leser, dass sie wirklich von einem Afrikaner stammten. Sie lösten zudem ein unerwartetes Echo bei denen aus, die nach neuen Lebensformen suchten. Die Kritik eines Schwarzen an den Wertmaßstäben des deutschen Bürgers – das war unerhört. Inmitten des Zeitalters des Kolonialismus führt der naturverbundene und gebildete Lukanga Mukara den Deutschen vor Augen, dass sie kein Recht haben, sich als höherstehende Rasse anzusehen und ihre Denkungs- und Lebensart anderen Völkern aufzuzwingen. Zugleich prangert er den Zivilisationsdünkel der wilhelminischen Gesellschaft an. Deutlich sieht Lukanga Mukara, dass die Weißen keine Ehrfurcht vor dem haben, was da ist und sie in Afrika vorfinden. In ihrer länder- und zeitübergreifenden Anklage des Exportes europäischer Lebensweisen, Sitten und Gebräuche sind die »Briefe« von bleibender Aktualität.

Ihr Thema sind die ökologische Betrachtungsweise des alltäglichen Lebens, die Ursachen und Folgen ungehemmten Wirtschaftswachstums, der Verlust des Einklangs mit einer natürlichen Umwelt, die Unterdrückung der Frau, die Jagd nach Geld und Profit, der Ehrgeiz und die ziellose Hektik eines falschen Lebens, das Verzweiflung und Einsamkeit, Angst und Freudlosigkeit, Krankheit und Tod gebiert. Wir wissen heute viel mehr darüber, und wenn man bedenkt, in welch geregelten und eher geruhsamen Bahnen sich das Leben vor dem Ersten Weltkrieg im Vergleich zu unserem heute vollzog, fällt auf, mit welchem Scharfblick Hans Paasche sich der Missstände einer Gesellschaft annimmt, die »im Dienste der Unterdrückung steht«, den Glauben an die Allmacht des Schwertes und den Gewaltkult auf ihre Fahne geschrieben hat, »Gesichter, stumpf, ohne Glück« hervorbringt, aber keine freien Menschen mit Rückgrat.

Alles, was die Deutschen damals als besonders wertvoll und selbstverständlich ansahen, stellt Lukanga Mukara in Frage: den Hurrapatriotismus, die Heuchelei und Großmannssucht, den Korpsgeist und die Vergötzung der Macht, den Pflicht- und Ehrbegriff, den Raubbau an der Natur und deren Schändung, das Erbrecht und die soziale Ungerechtigkeit, die Organisation des Arbeitslebens, der Volkswirtschaft, des Verkehrs- und Geldwesens, die Knechtseligkeit, Untertanengesinnung und autoritäre Erziehung, die Ess- und Trinkgewohnheiten und das »Rauchstinken«, die sinnlose Geschäftigkeit und Bierseligkeit, die »Unsitte des Bekleidens«, die Reklame und Buchstabengläubigkeit, die Schmutz- und Schundliteratur, die alltäglichen Lebenslügen und Verrücktheiten der Weißen – all das und mehr wird von Lukanga Mukara staunend betrachtet sowie anschaulich und geistreich, spöttisch und verabscheuend, aber auch mitfühlend für das Leid der Betroffenen geschildert.

Vorbild für die »Briefe« waren für Hans Paasche die »Cartas Marruecas« (1773, veröffentlicht erst 1789) des spanischen Schriftstellers José de Cadalso und die »Lettres Persanes« von Montesquieu, mit denen der berühmte Philosoph und Autor im Jahre 1721 seine Laufbahn begann. Wie Montesquieu vom Standpunkt eines Naturmenschen aus das damalige literarische, soziale und politische Verhalten der Franzosen geißelte und das eurozentrierte Weltbild aufbrach, so war es auch Hans Paasches Absicht im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit seiner »Forschungsreise« verband er eine Aussage und Forderung, die zur damaligen Zeit seinesgleichen sucht und schlicht und ergreifend lautet: »Afrika den Afrikanern!«

Von den Mächtigen in Staat und Gesellschaft wurde Lukanga Mukara als Eindringling, seine »Botschaft« als störend, gar gefährlich empfunden. Während des Ersten Weltkrieges war es ausgeschlossen, eine Buchausgabe der »Briefe« herauszubringen. Die Militär- und Zensurbehörden hätten das Werk nach dem Erscheinen sofort verboten; ein großes Kolonialreich in Afrika zählte auf der Suche nach neuem »Lebensraum« schon damals zu den Kriegszielen deutscher Politiker und Militärs. Erst im Jahre 1921 kehrte Lukanga Mukara wieder zurück, kamen seine »Briefe« neu heraus. Sie fanden große Verbreitung – vor allem in republikanisch-pazifistischen Kreisen, dem linksbürgerlich und sozialkritisch orientierten Flügel der Jugend- sowie der sozialistischen Arbeiterjugendbewegung. 1929 veröffentlichte Walter Hammer in seinem Fackelreiter-Verlag die siebte Auflage der »Forschungsreise des Afrikaners«. Damit gehörten die »Briefe« in der Weimarer Republik zu den meistgelesenen Büchern der deutschen Jugendbewegung. Doch 1933 war es vorbei damit. Die Nazis verboten Lukanga Mukara ebenso wie andere Schriften Hans Paasches.

Zur Faszination der »Briefe«

Zur Faszination der »Briefe«. Es ist die analytische Schärfe, gespickt mit Witz und Humor, die uns innehalten lässt und in der wir uns selbst wiedererkennen. Hinzu kommt die Vielfalt bzw. der Facettenreichtum der Beobachtungen. Vieles von dem, was uns auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als fragwürdig. Des weiteren spielt die Vielschichtigkeit eine wichtige Rolle, wobei die exotische Verfremdung nur das Vehikel ist für die zahlreichen Hinweise darauf, welchen Vorurteilen wir anhängen, und ob es nicht besser ist, andere an ihre Stelle zu setzen. Lukanga Mukara stellt die Frage nach dem Sinn unseres Lebens und wie es organisiert ist, nach unserer Tätigkeit und Geschäftigkeit. Warum tun wir, was wir tun? Und mit welchem Ziel?

Ein weiterer Aspekt, nicht gleich erkennbar, ist zu berücksichtigen. Wir sehen die Dinge in und um uns herum im Alter von zwanzig Jahren anders als mit dreißig, vierzig, fünfzig oder sechzig. So geht es dem Leser auch mit der Wahrnehmung der Briefe Lukangas. Plötzlich entdeckt man Themen, für die man zehn oder zwanzig Jahre zuvor kein Sensorium besaß. Man ist sensibler und für manches aufgeschlossener oder hellhöriger geworden. Es lässt sich auch so ausdrücken: Man hat sich der Differenziertheit Lukangas oder Paasches angenähert. Dafür zwei Beispiele.

Im seinem sechsten Brief berichtet Lukanga Mukara vom »verschlechterten Korn«, das krank und schwach macht, sowie von Kräftigungsmitteln, die den Menschen eingeredet werden zu kaufen. Was Lukanga hier beschreibt, mag trivial klingen, ist es aber nicht, sondern sehr genau beobachtet, und man wundert sich, woher Paasche seine Informationen hatte, um so präzise die Folgen einer denaturierten Ernährung darzulegen, die viele krank macht und an der zugleich viel Geld verdient wird. Wir wissen heute aus vielen Arbeiten und Veröffentlichungen sehr gut, dass Auszugs- oder Weißmehl Zivilisationskrankheiten hervorbringt und dem Naturprodukt Vollkorngetreide alles nimmt, was der Mensch braucht. Getreide, einst das ideale Lebensmittel, lässt sich, luftig gelagert, jahrelang aufbewahren. Heutzutage macht die Lebensmittelindustrie die Nahrung unbegrenzt lagerfähig und haltbar. Was faulen oder schimmeln kann, wird beseitigt; statt der Lebensmittel bietet man »Totmittel« an wie Auszugs- oder Weißmehl, gehärtete Fette, hochraffinierte Öle, raffinierten Zucker und ultrahocherhitzte Milch. Hinzu fügt man Konservierungs- und Säuerungsmittel, künstliche Aromen, Farbstoffe und Geschmacksverstärker. Mit anderen Worten: Wir sind von einem Überangebot minderwertiger und denaturierter »Lebensmittel« umgeben, die einen solchen Namen nicht verdienen. Doch auch hier gilt: Was den einen reicher macht, weil er das Schlechte produziert oder verkauft, macht die Betroffenen zu Opfern des verschlechterten Korns und damit krank und schwach. Also bietet man ihnen sogenannte Nahrungsergänzungsmittel an, Pillen und andere Dinge, die vorgeben, das auszugleichen, was zuvor dem Naturprodukt entzogen worden ist. Doch auch an dieser »Kräftigung« wird »kräftig« verdient.

Ähnlich verhält es sich mit der Herstellung und Verwendung des Zuckers, ebenfalls im sechsten Brief behandelt. Auch hier ist Paasche alias Lukanga Mukara seiner Zeit weit voraus, indem er präzise die Folgen einer falschen Ernährung beschreibt, auf die sich ein ganzer Industriezweig gründet: die Zuckerindustrie. Wir wissen heute, dass zum Beispiel Karies im wesentlichen eine Folge des Genusses denaturierten Zuckers ist. Aber woher wusste Hans Paasche es, und das vor nunmehr über hundert Jahren? Die Antwort darauf hängt mit seinem Vater zusammen. Hermann Paasche, Vizepräsident des Deutschen Reichstags, war ein Kolonialist, Kriegsgewinnler, »Geschäftspolitiker en gros« und ließ nichts unversucht, um aus seinem politischen Einfluss Kapital zu schlagen. Unter anderem vertrat er die Zuckerindustrie in der Magdeburger Börde als Lobbyist im Reichstag. Wie man in dem »Zahlenkarl«, der die Afrikaner von der Teilnahme am Welthandel überzeugen will, unschwer den Wirtschaftswissenschaftler und -statistiker Hermann Paasche erkennen kann, so ist auch mit dem »Karl«, der es dem Volke abgewöhnt zu essen, was kostenlos auf den Feldern wächst, um daraus Profit zu ziehen, der Vater von Hans Paasche gemeint. Anders ausgedrückt: Der Sohn saß gewissermaßen »an der Quelle« und beobachtete aus nächster Nähe, wie sich die Industrie Fertigungsverfahren eines Naturstoffes bemächtigt, um aus ihm ein der Gesundheit des Menschen abträgliches Produkt herzustellen und zu verbreiten.

In die Zukunft geschaut

Paasche hat auf unverwechselbare Weise in die Zukunft geschaut. Das gilt auch für andere seiner Warnungen. Wie kein Deutscher und Europäer vor ihm löste er sich von den Vorurteilen seiner Zeit und forderte eine Änderung des Denkens: »Der einzige Weg, Afrika zu gewinnen«, heißt es in seiner Schrift »Das verlorene Afrika«, »führt in die eigene Brust, und der wird Äthiopien beherrschen, der das meiste für die Freiheit tat. Die Wildnis und alle Unberührtheit der Völker sind wie ein echtes Weib. Sie wird den nicht lieben, der sich ihr naht, sie zu belehren und zu knechten, sondern den, der ihr zu lauschen weiß! Wie arm und elend sind wir geworden, weil wir den Schwarzen unsern schädlichen Begriff von Leben und Arbeit brachten und Weltmarktware aus ihnen erpressten; und wie viel verdankt unsere Kunst der Unkultur, seit wir vor Holzgötzen andächtig stehen und aus schwarzen Händen nehmen, was sie gerne geben. Es gibt nur eine Möglichkeit, Volk unter Völkern zu sein; glückliches Volk: sich restlos in die andern verlieben.«

Literatur

– Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland. Mit Beiträgen von Iring Fetscher und Helmut Donat. Donat Verlag, Bremen 2015

– Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland. Mit Beiträgen von Iring Fetscher und Helmut Donat. Donat Verlag, Bremen 2015

– Hans Paasche: Das verlorene Afrika. Ansichten vom Lebensweg eines Kolonialoffiziers zum Pazifisten und Revolutionärs. Hrsg. von Werner Lange unter Mitwirkung von Helga Paasche. Trafo Verlag, Berlin 2008

– Werner Lange: Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland. Eine Biographie. Donat Verlag, Bremen 1994

Helmut Donat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. April über unerträgliche Zustände in einem deutschen Kriegsgefangenenlager im Jahr 1916.

Lukanga Mukara auf Platt. Aus dem Nachwort des Übersetzers Reinhard Goltz

Dass beim Übersetzen ins Plattdeutsche ein höherer Aufmerksamkeitsgrad als bei voll ausgebauten Standardsprachen erforderlich ist, hängt auch damit zusammen, dass die niederdeutsche Schriftsprache eng an die Mündlichkeit angelehnt ist. Zudem weisen die lebensweltlichen Vorlagen für geschriebenes Platt Einschränkungen auf: So sind literarische Texte zumeist in norddeutschen Milieus angesiedelt. Erst zum Ende der 1980er Jahre erscheinen die ersten dunkelhäutigen Menschen in plattdeutschen Erzählungen. Gerd Spiekermann verarbeitet in »As de Neger keem« (erste Buchveröffentlichung 1991 in »Ick pack ut«) eine Vielzahl gängiger Vorurteile gegen Schwarze auf und wendet sie gegen »den Neger«. Der Autor verzichtet auf jegliche Zeichensetzung – was für die Leser zeitaufwändig ist, das Ermitteln von Bedeutungen und Zusammenhängen erheblich erschwert und ein hohes Maß an Konzentration erfordert. In diesem »stream of consciousness« tritt die Innensicht eines Weißen auf Schwarze in nahezu unerträglicher Weise zutage. Zur gleichen Zeit schrieb Bolko Bullerdiek im Anschluss an einen Besuch im südlichen Afrika seinen nüchtern dokumentierenden und mehrperspektivischen Zyklus »Apartheiten« (erschienen 1991 in »Tohuus un annerwegens«).

Dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Bilder in den Köpfen allmählich verschoben haben, zeigt das Beispiel Yared Dibaba. Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer mögen seine offene und unkomplizierte Art des Umgangs. Mittlerweile gilt der Mann mit der dunkelbraunen Hautfarbe als »authentisch norddeutsch«, als das plattdeutsche Mediengesicht. Dabei ist sich Dibaba bewusst, dass der Rassismus in unserer Gesellschaft noch längst nicht überwunden ist. In jeder Lesung kommt er auf das Thema »Schwarz und Weiß« zu sprechen. (…)

Vor über hundert Jahren hat Paasche mit seinem Lukanga Mukara einen Appell an die Vernunft und an die Menschlichkeit ausgesandt. Dieser Appell hat es verdient, dass ihn die Menschen in allen Sprachen lesen können.

Hans Paasche: De Entdecker-Fohrt vun den Afrikaner Lukanga Mukara na den binnersten Part vun Düütschland. Överdragen in de plattdüütsche Sprak vun Reinhard Goltz. Donat Verlag, Bremen 2020, 112 Seiten, 12,80 Euro

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