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Aus: Ausgabe vom 25.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
»Industrielle Eigenständigkeit«

Renault »kompromisslos«

3.000 Arbeitsplätze beim französischen Automobilriesen gefährdet. Regierung will mit Kaufprämien für Autos Absatz ankurbeln
Von Hansgeorg Hermann
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Weiter E-Autos bauen oder gefeuert werden? Renault-Beschäftigter im »Zoe«-Werk Flins

Beim französischen Fahrzeughersteller Renault sind mehr als 3.000 Arbeitsplätze gefährdet. Nach Informationen der Pariser Satirezeitung Le Canard enchaîné will die Konzernleitung in den kommenden Monaten drei bis vier Standorte im Land schließen. Am kommenden Freitag soll in Paris ein Konzept zur weitgehenden »Umstrukturierung« des Unternehmens vorgestellt werden – wichtigstes Ziel seien »Einsparungen« in Höhe von rund zwei Milliarden Euro, die bis Ende 2022 realisiert werden sollen. Der Staat, mit 15 Prozent der Anteile wichtigster Aktionär bei Renault, will dem Unternehmen einen Kredit in Höhe von fünf Milliarden Euro garantieren.

Der Präsidentenpalast Élysée bestätigte am Wochenende, dass Staatschef Emmanuel Macron bereits am morgigen Dienstag seinen »Plan Automobile« vorstellen wird, der unter anderem Prämien für den Kauf neuer, umweltfreundlicher Fahrzeuge verspricht. Wie Ende vergangener Woche aus Regierungsquellen bekannt wurde, wird Macron vor allem eine Rückkehr zur »industriellen Eigenständigkeit« des Landes verlangen. Dies würde auch für Renault gelten, dessen Bosse in der Vergangenheit große Teile der Produktion ins Ausland verlagert hatten. Premierminister Édouard Philippe versprach am vergangenen Mittwoch – also zu dem Zeitpunkt, als Renault seine Kürzungsmaßnahmen ankündigt hatte – dass die Regierung »kompromisslos« auf dem »Schutz« der Arbeitsplätze in Frankreich bestehen werde.

Von Schließung bedroht sind nach Information des Canard die Fabriken in Flins südlich von Paris mit 2.600 Arbeitsplätzen, die in Choisy-le-Roi (Val-de-Marne) mit 260, die »Fonderie de Bretagne« in Caudan (Region Morbihan) mit knapp 400 und die in Dieppe (Manche) mit 385 Beschäftigten. Die Fertigung des neuen Modells »Clio« wurde aus Flins abgezogen und wird derzeit im Billiglohnland Türkei gefertigt. Statt dessen werden an diesem zweitgrößten französischen Standort seither das elektrisch betriebene Stadtauto »Zoe« und der Nissan »Micra« montiert, der sich nach Angaben der Pariser Wirtschaftszeitung Les Echos bislang allerdings »schlecht verkauft«.

Auch der Absatz des Elektrowagens sei gering – ein Problem, dem Macron jetzt offenbar mit der Zahlung von Prämien an die Käufer neuer Fahrzeuge beikommen will. Dennoch soll nach den Plänen der Konzernleitung die Herstellung von Kfz mit Elektromotor aus Flins abgezogen und in den strukturschwachen Norden des Landes nach Douai verlagert werden. Eine Entscheidung, die schwer durchzusetzen sein wird: Im vergangenen Jahr verließen rund 160.000 Fahrzeuge die Fließbänder in Flins. Tausende stehen inzwischen auf Halde – die Covid-19-Pandemie hat den Verkauf von Neuwagen in Frankreich, wie überall in Europa, praktisch zum Erliegen gebracht.

Wirtschaftsminister Bruno Le Maire bestätigte Ende der vergangenen Woche der Hauptstadtzeitung Le Parisien, dass die Regierung ihre Industriepolitik auf die »Rückgewinnung wirtschaftlicher Souveränität« des Landes konzentrieren und sich dabei auf die Unterstützung »grüner Technologie« konzentrieren wolle. In diesem Rahmen werde der Staat in einem nach Umweltverträglichkeit abgestuften Prämiensystem jeweils den Kauf von hybriden Modellen und Elektroautos, aber auch den Umstieg von älteren auf modernere Dieselfahrzeuge finanziell unterstützen.

Renaults Bosse sehen dem hastigen Planen des Staatschefs und seiner Regierung offenbar relativ gelassen zu. »Kein Tabu« indes werde es bei den »erforderlichen« Kürzungen in den nächsten zwei Jahren geben, verkündete noch in der vergangenen Woche Clotilde Delbos, Finanzdirektorin und Interimschefin des Konzerns. Der hatte sich im vergangenen November von Thierry Bolloré getrennt und im Dezember den Italiener Luca de Meo von der spanischen Volkswagenmarke Seat abgeworben. De Meo soll seinen Job in Paris Ende Juli antreten.

Dort wird der neue Mann, der während seiner Karriere als scharfer, ihm anvertraute Belegschaften nach knallharten kapitalistischen Kritierien beurteilender Manager in diesem Sinne bereits bei Fiat, Volkswagen und Toyota wirkte, auch über das Konstruktionsbüro bei Renault entscheiden müssen. Les Echos zitierte in der vergangenen Woche nicht namentlich benannte »Quellen bei der Konzernleitung«, nach denen der Ingenieursbereich »bis zu einem Drittel der geplanten Sparmaßnahmen« zu tragen habe. Im »Technozentrum« des Unternehmens in Guyancourt (Île-de-France) seien zur Zeit rund 11.000 mit der Entwicklung neuer Modelle beauftragte Konstrukteure beschäftigt. Die »Investitionen im Bereich R und D (steht für Forschung und Entwicklung)«, seien »im Verhältnis zum Geschäftsvolumen bei weitem zu hoch«.

Der europäische Automobilmarkt schrumpfte in den vergangenen beiden Monaten angesichts einer von der Pandemie verschärften Wirtschafts- und Kapitalkrise auf ein Viertel seines vorherigen, für das Jahr 2019 bilanzierten Volumens. In Frankreich sind vom nahezu totalen Einbruch des Geschäfts rund 400.000 Arbeitsplätze direkt betroffen, außerdem sind rund 900.000 Beschäftigte in den Zulieferbetrieben abhängig von der Fahrzeugindustrie.

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