Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Und dann schreiben Sie ja quasi nebenbei noch solche Texte«

Eine Auswahl aus dem Blog »Other Writers Need to Concentrate«
Von Katharina Bendixen
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»And sorry to tell you that we do not accept little kids as it really troubles other writers who need to concentrate« (Und es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir keine kleinen Kinder akzeptieren, da da dies für andere Schriftsteller große Unruhe bringt, die sich konzentrieren müssen), war die Antwort auf eine Anfrage an ein Künstlerhaus, ob die Möglichkeit bestehe, zu dem bereits zugesagten Aufenthaltsstipendium mit Familie anzureisen. Diese Absage gab den Ausschlag, im Februar 2020 Other Writers Need to Concentrate (other-writers.de) einzurichten, eine Internetseite über die komplexen Verbindungen zwischen Autoren- und Elternschaft. Die Seite möchte den Austausch fördern, Arbeitsbedingungen dokumentieren und ein Bewusstsein für die Bedürfnisse schreibender Eltern schaffen. In regelmäßig erscheinenden Beiträgen erzählen rund zwanzig Autorinnen und Autoren vom Leben und Schreiben mit Kindern. Neben dem Blog bietet die Webseite u. a. eine Lektüreliste zum Thema Elternschaft und künstlerischer Prozess. Herausgegeben wird Other Writers Need to Concentrate von Katharina Bendixen, Sibylla Vričić Hausmann und David Blum, drei Leipziger Autorinnen, die genau wie die Autorinnen des Blogs – und wie unzählige Eltern aus anderen Arbeitszusammenhängen – versuchen, das Zerissensein zwischen Familie und Beruf irgendwie auszuhalten. Im Folgenden eine Auswahl der Blogbeiträge. Katharina Bendixen

Ja, Kinder, die Kinder

Ja, Kinder, die Kinder, wir müssen unsere Umwelt, ja, wir müssen unsere Welt auch noch für die nachfolgenden Generationen, die Kinder, ja, ich bewundere Sie für Ihre Geduld, für Ihre Ruhe, also ich könnte das nicht, Kinder sind ja etwas Wunderbares, es verändert alles, den Blick, wir müssen unseren Kindern eine Welt hinterlassen, ein Kind braucht nicht viel mehr außer bedingungsloser Liebe, ja, es genügt schon ein Kochlöffel und ein Taschentuch, und schon entsteht eine ganz neue Welt, die Phantasie, ja, die Lärmbelästigung durch den Kindergarten auf der anderen Straßenseite, das ewige Geschrei von nebenan, die kommen ja nicht von hier, die wissen nicht, wie Kinder hier bei uns, ja, Kinder brauchen nur bedingungslose Liebe und Grenzen, natürlich, es muss auch Grenzen geben, da gibt es Grenzen, also ich bewundere Sie dafür, Sie als Mutter, Sie als Vater, und dann schreiben Sie ja quasi nebenbei noch solche Texte, bei denen ahnt man nichts von, also quasi in den Nächten schreiben Sie diese Texte, in denen man nicht ahnt, dass Sie noch Mutter, noch Vater, wir schätzen hier die Ruhe und die Abgeschiedenheit, verstehen Sie mich nicht falsch, wir schätzen die Ruhe hier, die Ruhe, aus der gewissermaßen, also, daraus entspringt der Geist, der Genius, verstehen Sie mich nicht falsch, aber Kinder, ja, Kinder, ich meine, wie stellen Sie sich das denn vor, hier, in dieser Abgeschiedenheit, zusammen mit dem Genius, also, es gibt ein Recht auf Ruhe, nicht jeder kann, nicht jeder will, ja, Kinder, diese kleinen Geschöpfe, die noch ganz unberührt sind, aber es muss auch Grenzen geben, im Supermarkt, in der Straßenbahn, in den Arbeitsräumen, es muss auch Stille herrschen, eine Klage, ja, es gibt schon Klagen gegen den unvermeidlichen Lärm, gegen das heraufbeschworene Chaos, die Umgebung, sie ist, nun ja, reizarm, damit sich das Innere entfalten kann, es gibt ja feste Plätze für die Kinder, Kinderplätze, aber die werden Sie nicht bei uns finden, es tut mir leid, es muss auch Prinzipien geben, hier gibt es nichts außer einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl, wie wollen Sie da, ja, Kinder, also nein.

Florian Wacker, 12.4.2020

Regenwald, Gespenster, Köln

Das Kind hat kein Problem mit dem Coronavirus. Das Kind geht sowieso nicht so gern in die Kita. Es ist schon in Ordnung da, findet das Kind, die Erzieherin ist die Beste, die Freunde sind die Besten. Aber noch lieber ist das Kind – auch wenn wir das schwer verstehen können – mit seinen langweiligen, alten Eltern zusammen.

Man muss es so sagen: Für unser Kind ist es Arbeit, in die Kita zu gehen. Jeden Morgen soll es zur Arbeit. Und jetzt eben nicht mehr. Jetzt hat es endlich frei.

Also wacht das Kind auf und ist allerbester Laune, springt im Bett herum und ruft: Draußen ist Corona, die Kita ist zu, wir machen nicht mehr mit.

Ich versuche, dem Kind den entscheidenden Unterschied zu erklären. Ich arbeite gern. Am stärksten ist dieses Gefühl, dass ich irrsinnig gern arbeite, genau dann, wenn mich etwas daran hindert.

Der ideale Tag sieht bei mir so aus: Bis zum Mittagessen kümmere ich mich nur um meinen Roman. Danach, solange das Kind noch in der Kita ist, erledige ich alles, was mit Geldverdienen, Orga und E-Mails zu tun hat. Schon in normalen Zeiten kommt dieser ideale Tag nie so häufig vor, dass sich jemals eine ideale Woche ergeben würde. Aber jetzt?

Da wir, die langweiligen, alten Eltern des glücklichen Kindes, beide selbständig sind, teilen wir uns die Betreuung und können so jeder wenigstens halbtags arbeiten. Wenn es nun aber diese beiden Hälften meiner Arbeit gibt: auf der einen Seite das Notwendige, längst Vereinbarte, die kurzen Deadlines, die Sachen zum Geldverdienen, und auf der anderen Seite ein sperriger, nie fertig werdender Roman, nach dem schon lange keiner mehr fragt – welcher halbe Arbeitstag wird wohl gestrichen werden? Ja, genau.

Ich bin gern mit dem Kind zusammen. Ich kann aber nicht den ganzen Tag Lego spielen, sage ich. Und das Kind versteht sofort und schlägt vor, dass wir ein Projekt haben, so wie sie auch in der Kita immer ein aktuelles Projekt haben, und das Kind legt sofort die Reihenfolge unserer Projekte fest: zuerst Regenwald, danach Gespenster, dann Köln. Wieso Köln? frage ich. Einfach so, sagt das Kind und setzt als Dauer für jedes Projekt ein Jahr an. Das Kind plant wirklich in die Zukunft. Offenbar geht es nicht davon aus, dass die Kita noch einmal aufmacht, bevor es in die Schule kommt.

Ich bin gern mit dem Kind zusammen, aber ich weiß aus Erfahrung, dass ich, wenn ich länger nicht an meinem Roman gearbeitet habe, keine bessere Mutter werde, sondern eine schlechtere. Das ist ja das Schwierigste am Elternsein, wie gut man sich dabei kennenlernt.

Und trotzdem gibt es keine andere Lösung. Egal, wie lange es dauert. Regenwald, Gespenster, Köln. Und es reicht, die Nachrichten des Tages zu lesen und ernsthaft über sie nachzudenken, dass mir meine Sorgen um diesen sperrigen, nie fertig werdenden Roman auf einmal sehr klein vorkommen. Man muss es so sagen: Anderswo sterben Leute.

Franziska Gerstenberg, 29.3.2020

Das Loch

Das Kind der schreibenden Mutter hat ein Loch im Socken. Es ist ihm nicht angenehm, dass der nackte Zeh mit dem Inneren seines Gummistiefels in Berührung kommt. Beim Spielen im Wald vergisst das Kind das Loch und die Mutter, die heute morgen beim Frühstück wieder so ein komisches Gesicht gemacht hat. Das Kind kennt sich aus mit den Launen dieser Frau (sie ist die einzige Frau in ihrer vierköpfigen Runde). Ihre Launen haben mit etwas Schrecklichem zu tun, das sie ihren Text nennt. Gegen das strikte Verbot besucht das Kind sie manchmal in ihrem Zimmer. Es öffnet die Tür einen Spalt und sieht das Feuer im Ofen. Die Mutter sitzt in eine Decke gehüllt an ihrem Schreibtisch (ihr Zuhause ist ein Eispalast). Lächelt die Mutter in Richtung Tür, hüpft das Kind schnell auf den Sessel am Feuer. »Aber du musst mich arbeiten lassen!« sagt sie und starrt auf ihren Zettel. Das Kind merkt, dass sie sich viel mehr für das Kind interessiert als für den Bleistift, mit dem sie ja doch nichts anzufangen weiß. Also erzählt ihr das Kind von seinen neuesten Plänen, gefährliche Verfolger auszuschalten (Säbelzahntiger etc.). Sie unterhält sich mit ihm von ihrem Stuhl aus. Aber dann ist sie plötzlich sauer. »Jetzt musst du aber raus, sonst schaffe ich heute gar nichts mehr.« Und wie sie ihm nachschaut, dass sie wie eine Gefangene aussieht mit dieser Arbeit, die ihr gar nicht gefällt. Wenn das Kind wüsste, mit was für Dinosauriern seine Mutter kämpft. Wie schlau die sind und wie gemein. Manchmal ruft jemand an, den sie den Lektor nennt. Vor dem Anruf rennt sie hin und her. Nach dem Gespräch weint sie meistens. Dann streicht das Kind ihr übers Haar. »Und eine schlechte Mutter bin ich auch«, sagt sie. »Du hast ja schon wieder ein Loch im Socken.« Das Kind wackelt mit dem nackten Zeh. Es fragt: »Wenn eine Anakonda mit einer Speikobra kämpft? Wer von beiden gewinnt dann, Mama?«

Lisa Kreißler, 29.2.2020

Sterne und Schneebälle

Papa, sag einen Quatschsatz.

Hmm.

Saa-haag.

Der Ziegelstein fliegt ins Grüne.

Noch einen!

Erst du.

Eine Sonnenblume ist vielleicht ein Ei.

Hmm. Immer ist seltener als gestern.

Hä? Was soll das denn heißen?

Ist halt ein Quatschsatz.

Ja, aber das ist ein komischer Quatschsatz.

Wenn Quatsch kommt, gibt es roten Regen.

Wenn Quatsch kommt, hat die Frau einen Regenschirm. Auf dem Kopf. Und einen auf dem Bauch.

Hmm.

Noch einen!

Puh, ich hab’ keine Ideen mehr.

Die große Ente isst keine Ziegelsteine.

Nein? Aber Ziegelsteine sind doch so lecker.

Ja, trotzdem! Ähm. Der Mond ist groß und dick und blau.

Der Mond ist eckig und hat Fenster und friert.

Der Mond wirft Sterne als Schneebälle in die Gesichter von Menschen.

Oh.

Was?

Das ist ein richtig schöner Satz.

Ein schöner Quatschsatz?

Ein sehr schöner Quatschsatz. Warte, ich schreib’ den mal auf.

Hä? Warum das denn, Papa?

Damit ich ihn nicht vergesse.

Matthias van den Höfel, 28.4.2020

Aber ich, aber du

Wir haben eine Fehlüberlegung gemacht. Heinz und ich. Das war noch vor Corona. Und dann hat es sich aber in dieser Zeit ausgewirkt. Wir dachten, vielleicht sogar etwas romantisch, dass, wenn beide ihre Kunst machen wollen und sollen, dann teilen wir unseren Tag danach auf. Wir dachten, ja, die Kunst, die brennt in uns, die muss gemacht werden. Und wir sagten, das ist schon einige Jahre her, dass wir uns nicht danach bemessen, womit wir wieviel Geld verdienen, wer darum wieviel arbeitet und wer weniger verdient und darum mit dem Kind, damals, und den Kindern, heute, sein soll. Wir sagten, es ist egal. Wir sagten, die Hauptsache ist, dass wir die Kunst machen, die wir machen müssen, die in uns sitzt und die herauskommen muss und die uns erst lebendig macht und überhaupt, zu einem vollständigen Menschen. Das dachten wir, und tun wir eigentlich noch immer. Also haben Heinz und ich beschlossen, dass jede und jeder von uns einen halben Tag arbeitet und einen halben Tag mit den Kindern ist. Halber Tag auf einen ganzen Tag gerechnet hieß dann bei uns acht Stunden. Also eine von acht bis 16 Uhr und der andere dann von 16 bis 24 Uhr. So machten wir es, was dazu führte, dass wir uns nicht mehr sahen, was dazu führte, dass wir auch nicht mehr redeten, was dazu führte, dass wir müde waren. Und wenn man müde nicht mehr redet und dann sich aber am Abend im Schlafzimmer begegnet, dann gibt es meistens Streit. Der Streit, der ging ungefähr so.

Aber ich habe gestern die ganze Wohnung und du hast am Nachmittag gar nichts.

Aber ich habe diese Auftragsarbeiten immer und damit das Geld, und du immer nur an deinem Roman, in die Tiefe gehend und selber suchend und wunderbar, aber eben kein Geld mit tiefen Gedanken.

Aber ich habe gedacht, dass wir das so machen, dass jede und jeder seine Kunst.

Aber ich habe gedacht, das darf ich auch, aber ich muss ja Geld für Kinder und Essen und dann an meinem Halbtag auch noch die Wäsche waschen.

Aber ich habe dir Wäsche gewaschen.

Aber ich habe die Kinder auf die Welt gebracht.

Aber ich stehe jetzt, nachdem die aus dir herausgekommen sind, jeden Morgen um sechs mit ihnen auf.

Aber ich habe sie neun Monate herumgetragen und auch das Herauskommen war so anstrengend wie ein Leben lang um sechs Uhr aufstehen.

Aber ich kann nichts dafür, dass ich keine Kinder gebären kann.

Aber du könntest wenigstens das Klo putzen.

Und bevor wir dann beim »Aber du wolltest ja Kinder« waren – sind wir eingeschlafen, weil wir müde waren, und wir haben die Fehlüberlegung korrigiert. Wir schreiben beide weniger, dafür trinken wir Kaffee am Morgen und das eine Kind ist dabei ein Tiger, dem anderen küssen wir den Bauch.

Julia Weber, 7.5.2020

Ad-Dahr

Liebe Lisa [Kreißler],

ohne recht zu wissen, wie, werde ich versuchen, Dir die merkwürdigen Verkettungen von Gedanken, Ereignissen und Zuständen, die heute meinen Tag geprägt haben, noch schnell, bevor ich mich vom Computer losreiße, aufs leuchtend weiße Blatt zu tippen. Ich lag in mittäglicher Umnachtung neben meinem Sohn auf dem Sofa, der in seinem Familienalbum blätterte und kratzend und reißend immer wieder versuchte, hinter die Bilder zu kommen – ein Drang, den ich gut verstand, trotzdem zu unterbinden versuchte –, als aus diesen hundertmal gesehenen Bildern, die mir sonst nicht mehr als die Namen der jeweils Abgebildeten sagen, die vergangenen Zeiten mir mächtig nostalgisch ins Herz stachen. Die verlassene Stadt, die verlassene Wohnung, die etwas jüngeren Gesichter, das Baby, das die Zeit restlos verschlungen hat usw. Mit der nächsten Welle erwischte mich das heftige Gefühl, dass so bald schon alles wieder vorbei sein würde. Der kleine Sohn in einem größeren verschwunden. Mein Gesicht noch immer da, aber trotzdem anders. Der jetzige Moment im nächsten unerreichbar verloren. Ich dachte daran, Dir für den Blog einen Brief mit dem Titel »Ad-Dahr« zu schreiben, jener »zerstörerischen Zeit«, die die alten Araber in ihren Qasiden besungen und beklagten. Ich wollte mir auch ein paar Notizen machen, aber der Sohn, der Sohn, er wollte, dass ich die Umrisse seiner Hand mit dem Stift nachzeichne, damit er sie auf dem weißen Papier sehen kann.

Also gut, ein Ausflug mit dem Fahrrad durch die Dämmerung, beschloss ich für uns beide. Als ich noch die Fahrradlichter um die Sattel- und Lenkerstange spannte, meinen Sohn auf seinem Sitz fest schnallte, lief ein über sein Telefon gebeugter Mann an uns vorbei, ich hörte nur, wie er leise »keinen Lebensmut mehr, der spinnt wohl« fluchte.

Wir fuhren los, am Himmel lagen Tag und Nacht noch ineinander verschlungen, ich schlug ziellos eine Richtung ein. Nach einem kurzen Halt beim Schloss vor den eisernen Löwen, die eine angenehme Zeitlosigkeit verströmten, ging es durch den Park. An einer Weggabelung ließ ich meinen Sohn zwischen einer erleuchteten und einer kaum erleuchteten Straße, die beide auf gleich kurzem Weg nach Hause führten, entscheiden. Er wählte den dunklen Weg und zeigte mir mit ausgestrecktem Arm die Silhouetten der Bäume vor dem abendblauen Himmel. Ich dachte daran, wie vor Jahrzehnten meine Mutter mir und meinen Brüdern, von unserem Vater am Klavier begleitet, den »Erlkönig« vorsang, und uns nach wenigen Zeilen angstvolles Heulen packte. Ein paar unsichtbare Vögel flatterten auf. Mein Sohn erinnerte sich an sein erstes Feuerwerk, dass wir vor zwei Sommern in den Herrenhäuser Gärten angeschaut hatten – nach den ersten Explosionen war er in Tränen ausgebrochen.

In weiten Bögen fuhr ich durch die ungewohnt leeren Straßen. An einer Kreuzung standen vier Jungs, der eine sagte zum anderen: »Mit oder ohne Haribo, sterben tust du sowieso«.

Viel plumper kam die Antwort: »Du stirbst auch.«

Und als ich schon fast außer Reichweite war, erreichte mich doch noch das unumstößliche Gottesurteil: »Jeder stirbt.«

Jetzt wunderte ich mich zum ersten Mal über die merkwürdigen Verkettungen, wurde aber sofort aus meinen Gedanken gerissen, als ein Mann laut und deutlich in sein Telefon befahl, die Todesakten seiner Mutter und seines Vaters anzufordern. Am Spielplatz wollte mein Sohn gleich weiterfahren. Als wir schließlich in unsere Straße einbogen, stieg ich ab und schob das Fahrrad die letzten Meter. Wiederum horchte ich auf. Gegenüber aus einem leeren, erleuchteten Hauseingang rief eine kratzige Stimme aus der Gegensprechanlage: »Hallo, wer ist da?«

Ich lief weiter, erwartete, dass die Stimme ihren Irrtum schnell begreifen würde, aber nach fünf Metern hörte ich sie erneut flüstern: »Hallo, ist da wer?« Es muss an den Verkettungen gelegen haben, an der Dunkelheit des Tages, dass ich tatsächlich kehrtmachte, um auf das vergebliche Fragen zu antworten: Nein, niemand ist da. Als ich die Straße überquert hatte, am Hauseingang stand, war der Lautsprecher ruhig, ich wartete noch einige Sekunden, aber die Stimme blieb stumm.

Wieder daheim, schaltete ich die Wohnzimmerbeleuchtung an, zog den Vorhang zu; mein Sohn stellte sich an seine Werkbank und versank ins Spiel. Ich rief meinen Vater an. Während der Viertelstunde, die wir ohne roten Faden dahinplauderten, vergaß ich alles, was sich ereignet hatte, kam, wie man sagt, auf andere Gedanken. Erst jetzt, als letzte Tat vor dem Zubettgehen, habe ich mir die Geschehnisse wieder in Erinnerung gerufen, für Dich und all die anderen, vor allem aber für mich, um nun mit Hilfe des Schlafes in die Geheimnisse dieses Tages einzutauchen.

Gute Nacht und gutes Erwachen.

Lorenz

Lorenz Just, 20.4.2020

Katharina Bendixen, Jahrgang 1981, ist Schriftstellerin. Sie schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene, erhielt diverse Auszeichnungen und lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Zuletzt erschien an dieser Stelle am 29. Juni 2019 ein Vorabdruck aus ihrem Prosaband »Mein weißer Fuchs« (Poetenladen-Verlag).

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