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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kolumbien

Ungesühnte Verbrechen

Der Terror gegen die Linkspartei »Unión Patriótica« in Kolumbien
Von Frederic Schnatterer
Der Fotograf Pietro Paolini hat die Geschichten verschiedener Fälle von Mord, Massakern, gewaltsamem Verschwindenlassen und Exil rekonstruiert, die beim Interamerikanischen Gerichtshof eingereicht wurden. Dafür sammelte er unterschiedliche visuelle Zeugnisse wie Fotos der Orte, an denen die Taten begangen wurden, der Landschaften, der Familienangehörigen und Überlebenden sowie Objekte
Bernardo Jaramillo Ossa wurde am 2. September 1955 in Manizales geboren und engagierte sich schon früh in der »Unión Patriótica«, deren Vorsitz er ab 1987 innehatte. Der Präsidentschaftskandidat befand sich am 22. März 1990 am Flughafen »Puente Aéreo El Dorado« in Bogotá, wo ihn ein 17jähriger mit vier Schüssen in die Brust tötete. Später wurden für den Mord zwei Paramilitärs aus Antioquia verurteilt
Jorge Enrique Soto wurde am 20. Juni 1961 in Bogotá geboren, wuchs jedoch in der Region Urabá auf, wo er Regionalsekretär der UP-Jugend wurde. Nach Drohungen und Verhaftungen durch das Militär zog er nach Medellín, wo er bei der Wochenzeitung Voz arbeitete. Am 15. Juli 1986 machte er sich mit seinem Freund und Genossen Germán Arturo Garro auf den Weg zu einem Parteitreffen in Bogotá. Dort kamen die beiden jedoch nie an
Diana Cardona, Bürgermeisterin von Apartadó für die »Unión Patriótica«, wurde am 26. Februar 1990 in Medellín ermordet. Am Abend wurde ihr von acht Kugeln durchlöcherter und von Folter gezeichneter Körper an der Vía Regional Sur in Medellín (siehe Foto) gefunden. Nur drei Monate zuvor hatte sie das Amt von Ramón Castillo übernommen, der wegen Morddrohungen zurückgetreten war

Kolumbiens Geschichte ist geprägt von Ungerechtigkeit und Gewalt. Seit den 1960er Jahren entstanden mehrere Guerillagruppen, die mit Waffengewalt für eine gerechtere Gesellschaft kämpften und brutal von staatlichen und außerstaatlichen Akteuren bekriegt wurden. Als besonders dramatisches Ereignis verbleibt der Terror gegen die legale Linkspartei »Unión Patriótica« (Patriotische Union, UP) im kollektiven Gedächtnis der kolumbianischen Linken, dem ab 1985 Tausende zum Opfer fielen.

Die UP entstand 1985 in Folge der Friedensverhandlungen zwischen der damaligen Regierung unter Präsident Belisario Betancur und der FARC-Guerilla (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) als Sammlungspartei. Sie sollte es den FARC-Kämpfern, aber auch anderen linken Kräften ermöglichen, vom bewaffneten Widerstand in das zivile Leben überzugehen. Betancur verpflichtete sich, der neuen Partei die Ausübung aller politischen Freiheiten zu garantierten und das kolumbianische System zu demokratisieren.

Bereits ein Jahr später, bei den Präsidentschaftswahlen 1986, erreichte die UP mit ihrem Kandidaten Jaime Pardo Leal 4,6 Prozent der Stimmen und wurde drittstärkste Kraft. Als Reaktion auf diesen Erfolg startete die kolumbianische Rechte mit Hilfe paramilitärischer Gruppen und Drogenbanden eine beispiellose Terrorkampagne gegen Mitglieder und Sympathisanten der Linkspartei. Der Gewalt fielen im Laufe der nächsten Jahre zwei Präsidentschaftskandidaten, acht Kongressabgeordnete, 13 Senatoren, elf Bürgermeister und mindestens 3.000 UP-Mitglieder zum Opfer. Viele Überlebende und Familienangehörige mussten fliehen.

Die Partei wurde physisch nahezu ausgerottet, auch wenn sie formal bis heute existiert. Der Friedensprozess scheiterte, und die FARC kehrten zum bewaffneten Kampf zurück. Von den begangenen Verbrechen blieben 95 Prozent ungesühnt. Am 12. März 1997 eröffnete der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof das bis heute laufende »Verfahren 11.227« gegen den kolumbianischen Staat wegen des »politischen Genozids« gegen die »Unión Patriótica«.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (24. Mai 2020 um 00:19 Uhr)
    In Chile lief es genauso. Was wir als die MIR, eine über alle lateinamerikanischen Staaten bestehende Bewegung, kannten, ist am Ende, weil die früheren Mitstreiterinnen und Mitstreiter verfolgt und getötet wurden. So zum Beispiel in Chile, aber auch in Peru, in Kolumbien, in Brasilien und in vielen anderen Staaten Lateinamerikas. Die Leute der MIR, die sich gegen das bürgerliche Lager orientiert hatten, also gegen den Bereicherungsstaat, sind entweder tot oder im Exil oder verschollen – wie Victor Jara.

    Freundliche Grüße!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Blöth: Verbrechen gehen weiter Als Ergänzung zu diesem Artikel muss unbedingt erwähnt werden, dass sich dieses Drama eins zu eins gegenüber den demobilisierten FARC-Kämpfern und deren Partei gegenwärtig wiederholt. 2019 wurden über...