Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Selbst einen Kopf haben

Lenin 1920: Eine allgemeine Regel zum Umgang mit Kompromissen für kommunistische Revolutionäre aufzustellen, wäre Unsinn (Teil VI)
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»Die Abschaffung der Klassen, die Errichtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert«: Arbeiter mit Streikkasse in Paris (Dezember 2019)

Keinerlei Kompromisse?

Engels (…) schrieb 1874 gegen das Manifest der 33 blanquistischen Kommunarden folgendes: »›Wir sind Kommunisten (schrieben in ihrem Manifest die blanquistischen Kommunarden), weil wir bei unserem Ziel ankommen wollen, ohne uns an Zwischenstationen aufzuhalten, an Kompromissen, die nur den Sieg vertagen und die Sklaverei verlängern.‹

Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehn und verfolgen: die Abschaffung der Klassen, die Errichtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert. Die dreiunddreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja feststeht, dieser Tage ›losgeht‹ und sie nur ans Ruder kommen, so sei übermorgen der Kommunismus eingeführt. Wenn das nicht sofort möglich, sind sie also auch keine Kommunisten. Kindliche Naivität, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund anzuführen!« (Friedrich Engels: Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 18, Seite 533, jW)) (…)

Sehr jungen und unerfahrenen Revolutionären scheint es, natürlich ebenso wie kleinbürgerlichen Revolutionären, sogar wenn sie sehr ehrwürdigen Alters und reich an Erfahrungen sind, außerordentlich »gefährlich«, unverständlich, ja falsch zu sein, »Kompromisse zu erlauben«. (…) Die Proletarier aber, die in zahlreichen Streiks geschult worden sind (um nur diese eine Erscheinungsform des Klassenkampfes herauszugreifen), pflegen sich die von Engels dargelegte überaus tiefe (philosophische, historische, politische und psychologische) Wahrheit ausgezeichnet anzueignen. Jeder Proletarier hat einen Streik mitgemacht, hat »Kompromisse« mit den verhassten Unterdrückern und Ausbeutern miterlebt, wo die Arbeiter die Arbeit aufnehmen mussten, entweder ohne überhaupt etwas erreicht zu haben oder indem sie darauf eingingen, dass ihre Forderungen nur teilweise befriedigt wurden. Jeder Proletarier erkennt, dank dem Milieu des Massenkampfes und der starken Zuspitzung der Klassengegensätze, in dem er lebt, den Unterschied zwischen einem Kompromiss, der durch die objektiven Verhältnisse erzwungen ist (wenn die Streikkasse leer ist, wenn die Streikenden keine Unterstützung von außen erhalten, wenn sie bis zum äußersten ausgehungert und erschöpft sind), einem Kompromiss, der bei den Arbeitern, die einen solchen Kompromiss geschlossen haben, die revolutionäre Hingabe und Bereitschaft zum weiteren Kampf keineswegs beeinträchtigt – und anderseits einem Kompromiss von Verrätern, die ihren Eigennutz (Streikbrecher schließen ebenfalls einen »Kompromiss«!), ihre Feigheit, ihren Wunsch, sich bei den Kapitalisten lieb Kind zu machen, ihre Empfänglichkeit für Einschüchterungen, manchmal auch für Überredungskünste, für Almosen, für Schmeicheleien der Kapitalisten, hinter objektiven Ursachen verbergen. (…)

Es gibt natürlich einzelne, außerordentlich schwierige und verwickelte Fälle, in denen es nur mit größter Mühe gelingt, den wirklichen Charakter dieses oder jenes »Kompromisses« richtig zu bestimmen, wie es Fälle von Mord gibt, in denen es gar nicht so leicht ist zu entscheiden, ob ein durchaus gerechtfertigter oder sogar notwendiger Totschlag (z. B. in Notwehr) oder eine unverzeihliche Fahrlässigkeit oder gar ein fein eingefädelter heimtückischer Plan vorliegt. Es versteht sich von selbst, dass es in der Politik, wo es sich mitunter um äußerst komplizierte – nationale und internationale – Wechselbeziehungen zwischen den Klassen und Parteien handelt, sehr viele weit schwierigere Fälle geben wird als die Frage, ob ein bestimmtes »Kompromiss« bei einem Streik berechtigt oder ob es das verräterische »Kompromiss« eines Streikbrechers, eines verräterischen Führers usw. war. Ein Rezept oder eine allgemeine Regel, brauchbar für alle Fälle (»keinerlei Kompromisse«!), fabrizieren zu wollen wäre Unsinn. Man muss selbst einen Kopf auf den Schultern haben, um sich in jedem einzelnen Fall zurechtzufinden. Gerade darin besteht unter anderem die Bedeutung der Parteiorganisation und der Parteiführer, die diesen Namen verdienen, dass man durch langwierige, hartnäckige, mannigfaltige, allseitige Arbeit aller denkenden Vertreter der gegebenen Klasse die notwendigen Kenntnisse, die notwendigen Erfahrungen, das – neben Wissen und Erfahrung – notwendige politische Fingerspitzengefühl erwirbt, um komplizierte politische Fragen schnell und richtig zu lösen. (...)

Wladimir Iljitsch Lenin: »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus«, Moskau 1920. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 31. Dietz-Verlag, Berlin 1970, Seiten 52–55

Die Teile I bis V dieser Auszüge erschienen in den jW-Wochenendbeilagen seit dem 18. April