Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Geisterabpfiff des Tages: Berlin-Derby

Von Thomas Salter
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Sehr wenig Sachschaden für eine Begegnung von Union und Hertha: Sticker auf einem Straßenschild

Willkommen, liebe Zuschauer am Straßenrand, für die, die eben erst dazugestoßen sind hier vor der Sportsbar »Bieroase« in Neukölln: Es geht rund! Es läuft die 75. Minute zwischen Hertha BSC und FC Union auf dem Bildschirm, von hier draußen durchs Fenster ist leider nichts zu erkennen, das Spielerische droht in den Hintergrund zu rücken, traurig, traurig ... Der Thekenwart hat die ganze Kneipenbesetzung der Arena verwiesen, er beruft sich, bemüht ruhig, auf die coronabedingte Anordnung, seine Kneipe um 22 Uhr zu schließen, ein Fan argumentiert mit dem weniger ruhig vorgetragenen Hinweis, der Kneipier habe, soweit ich das Mundnasenschutzgenuschel verstehen kann, »den Arsch offen«. Aus der dritten Reihe johlt es: ­»Barmann, wir wissen wo dein Auto steht ...«, die Singenden lehnen an besungenem Polo, ein Unioner und ein Herthaner attackieren sich mit brennenden Wunderkerzen und brüllen: »Öffnen! Öffnen!«

Ist das vielleicht die von Kanzlerin Merkel befürchtete »Öffnungsdiskussionsorgie«? Es scheint klar: Hier weiß die rechte Hand der bundesrepublikanischen kapitalistischen Herrschaftselite nicht, was die andere rechte Hand tut. Eigentlich war nach dem Hinrundendebakel im November Fingerspitzengefühl gefordert: Union-Anhänger hatten die Einlasskontrolle gestürmt, Hertha-Fans eine Leuchtrakete in den Union-Block geballert und einen Zuschauer verletzt, Union-Ultras 40 bengalische Feuer gezündet, von der Tribüne waren Raketen auf das Spielfeld geschossen worden. Endergebnis: Hunderttausende Euro Strafe für die Vereine. Ach ja, und Union hatte 1:0 nach Elfmeter gewonnen. Pay-TV, Bundesliga und Berlin reagierten auf diese pikante Ausgangssituation mit: keine Fans im Stadion, keine Gratisausstrahlung über die Öffentlich-Rechtlichen, Anpfiff 20.30 Uhr, Sperrstunde 22 Uhr. Endergebnis? Tut mir leid, kann es durch das Fenster der »Bieroase« nicht erkennen.

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