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Aus: Ausgabe vom 23.05.2020, Seite 5 / Inland
Armutspolitik in der BRD

Thüringer Armenviertel

Benachteiligte Familien werden zunehmend in bestimmte Wohngebiete verdrängt. Mancherorts lebt jedes zweite Kind von Hartz IV – damit liegt der Freistaat im bundesweiten Trend
Von Susan Bonath
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»Plattenbau«: Klassenspaltung war schon immer auch eine Frage des Wohnorts in einer Stadt (Jena, 2.5.2020)

Abgehängt, ausgegrenzt, verbannt in die Randgebiete: Im Umgang mit den Ärmsten liegt Thüringen im bundesweiten Trend. In einigen Städten des Freistaats lebte Ende 2017 jedes dritte Kind in einem Haushalt, der auf Hartz IV angewiesen ist. In einigen Wohnvierteln war sogar die Hälfte der Kinder davon betroffen, während Wohlhabendere zunehmend unter sich lebten. Das geht aus dem aktuellen, am Freitag veröffentlichten Thüringer Sozialstrukturatlas hervor, der die Armutsentwicklung in Thüringen bis zum Jahr 2017 analysiert.

Zwar habe die Arbeitsagentur zwischen 2010 und 2017 einen starken Zuwachs an Beschäftigten und zugleich eine sinkende Quote an erwachsenen Hartz-IV-Beziehern verzeichnet, heißt es in dem jW vorliegenden Bericht. Der Anteil der Kinder in sogenannten Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften sei indes sehr viel weniger gesunken. »In einigen Landkreisen und kreisfreien Städten stieg der Anteil von Kindern in Bedarfsgemeinschaften sogar an«, stellen die Autoren fest.

Besonders spitzte sich die Situation demnach in einigen mittleren und kleineren Städten zu. In Mühlhausen, Artern und Altenburg beispielsweise wuchsen vor drei Jahren mehr als 30 Prozent der Minderjährigen in Hartz-IV-Haushalten auf – Tendenz steigend. Innerhalb der größeren Städte konzentrierte sich die Kinderarmut vor allem in großen Plattenbausiedlungen. In den nördlichen Erfurter Ortsteilen Berliner Platz, Moskauer Platz, Rieth und Roter Berg lebte die Hälfte aller Kinder von Grundsicherung. Ähnlich viele Minderjährige betraf es in den großen Wohngebieten im Südosten der Landeshauptstadt. Die Wohlhabenderen blieben in anderen Erfurter Vierteln weitgehend unter sich, etwa in Gispersleben im Norden, in der Brühlervorstadt im Westen und in Linderbach im Osten. Dort bezog weniger als jede zehnte Familie Hartz IV. In anderen thüringischen Städten sieht es ähnlich aus. In Jena lebten arme Kinder vor allem in der Großwohnsiedlung Lobeda, in Gera drängten sie sich in den Wohnblöcken im Stadtteil Lusan.

Dabei gibt es im Freistaat seit Jahren Programme gegen Kinderarmut, wie eine Sprecherin des Thüringer Sozialministeriums, das den Sozialstrukturatlas herausgegeben hat, am Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa bekräftigte. Sie hob etwa die »Thüringer Initiative zur Integration und Armutsbekämpfung mit Nachhaltigkeit« (TIZIAN) hervor. Mit diesem aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten und seit 2009 laufenden Programm sollen Eltern, vor allem alleinerziehende, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, »an den Arbeitsmarkt und eine feste Tagesstruktur herangeführt« werden. Diese Ausdrucksweise suggeriert in bekannter Manier der Herrschenden, dass Arme selbst schuld an ihrer Lage seien. Betroffenen würden, heißt es weiter, etwa Coaches zur Seite gestellt, Maßnahmen und Praktika vermittelt. Allerdings biete dieses Programm in 19 Landkreisen und Städten insgesamt nur 478 Plätze.

Gegenüber jW erklärte Ministeriumssprecherin Claudia Michelfeit am Freitag, dass die Armutsquote bei Kindern in Thüringen »seit 2015 tendenziell sinkt und sich in den letzten beiden Jahren auf einem Niveau bewegt«. Die Kinderarmut liege im Freistaat nur knapp über dem Bundesdurchschnitt von 20,1 Prozent. Michelfeit verwies ebenfalls auf »verschiedene Programme«, räumte aber ein: »Kinderarmut ist immer zugleich Familienarmut, und die ist wesentlich bedingt durch Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne«.

Das niedrige Lohnniveau ist ein Dauerproblem im gesamten Osten der Republik. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) bekommt etwa ein Elektrotechniker in Thüringen monatlich mit durchschnittlich 2.600 Euro brutto rund 1.100 Euro weniger als in Bayern. Im Lebensmittelverkauf liegt der mittlere Bruttolohn in Thüringen bei gerade 1.600 Euro, Altenpflegerinnen schuften im Schnitt für weniger als 2.400 Euro. Die aktuelle Wirtschaftskrise und die Maßnahmen gegen die Coronapandemie dürften die Lage der Geringverdiener und Erwerbslosen dramatisch verschlechtern.

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