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Aus: Ausgabe vom 22.05.2020, Seite 15 / Feminismus
Nach Mord in Toronto

Kanada will »Incel«-Terror ahnden

Anklage: Jugendlicher soll Mord aus frauenfeindlichen Motiven begangen haben
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Der Hass auf Frauen war auch eine der Triebfedern für den rechtsterroristischen Attentäter von Halle, Stephan Balliet

Die kanadischen Strafverfolgungsbehörden erkennen Frauenhass als Politikum im Sinne gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit an: Rund drei Monate nach dem Mord an einer jungen Frau in Toronto haben Polizei und Staatsanwaltschaft die Beschuldigungen gegen den mutmaßlichen Täter auf Terrorismus ausgeweitet. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass der 17jährige aus frauenfeindlichen Motiven gehandelt und sich von der sogenannten »Incel«-Bewegung habe leiten lassen, teilte die Polizei am Dienstag (Ortszeit) mit. Der englische Begriff setzt sich aus »involuntary« und »celibate« zusammen und bezeichnet vorwiegend heterosexuelle Männer sowie männliche Jugendliche, die nach eigener Sichtweise »unfreiwillig zölibatär« leben und davon ausgehen, dass sie ein Recht auf Sex hätten. In einschlägigen Internetforen ist häufig zu lesen, dass die dort aktiven »Incels« sich aufgrund von Äußerlichkeiten zurückgewiesen fühlen, wobei sie selbst hohe Ansprüche an ihr weibliches Gegenüber stellen und möglichst »normschöne« Frauen und Mädchen für sich beanspruchen. Aus den Misserfolgen, die sie mehr auf ihr eigenes Aussehen als auf ihr Verhalten zurückführen, leiten einige »Incels« das Recht ab, sich über den Willen von Frauen und Mädchen hinwegzusetzen. Im Extremfall wird nicht nur das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, sondern auch das Recht auf Leben in Frage gestellt. Der Hass auf Frauen und Mädchen weitet sich mitunter auch auf sexuell aktive Männer aus.

Dem besagten Teenager wird vorgeworfen, am 24. Februar in einem Massagesalon in Toronto eine 24jährige erstochen und eine weitere Frau sowie einen Mann verletzt zu haben. Es gebe unterschiedliche Formen des Terrorismus, hieß es in einer Polizeimitteilung. In diesem Fall habe es sich um eine ideologisch motivierte Gewalttat gehandelt, inspiriert von einer extremistischen Bewegung. Laut der Zeitung Toronto Star ist es die erste Terrorismusanklage in Kanada in Verbindung mit »Incel«-Überzeugungen.

Bereits am 23. April 2018 war Toronto Schauplatz eines Blutbads mit entsprechendem Motiv geworden: Der 25jährige IT-Student Alek Minassian hatte seinerzeit bei einer Fahrzeugattacke zehn Menschen getötet und 15 weitere verletzt. Zuvor hatte er in den »sozialen Netzwerken« geschrieben, die »Incel Rebellion« habe begonnen. Dabei hatte er sich positiv auf Elliot Rodger bezogen, der seit einem sechsfachen Mord in Kalifornien 2014 als »oberster Gentleman« der Szene verehrt wird.

Allerdings finden sich auch bei primär rassistisch und antisemitisch motivierten Tätern Versatzstücke der »Incel«-Ideologie. So sind beispielsweise im »Manifest« des Massenmörders Anders Behring Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Jugendliche und Erwachsene getötet hatte, zahlreiche frauenfeindliche Passagen zu finden – wie auch in der BRD bei Stephan Balliet, der 2019 die Synagoge in Halle als Anschlagsziel gewählt und nahe des jüdischen Gebetshauses zwei Menschen erschossen hatte. (dpa/jW)

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (22. Mai 2020 um 01:53 Uhr)
    Es gibt wenig, das jämmerlicher ist als dieser Incel-Schwachsinn.

    Auf die Idee muss man erst mal kommen, zu glauben, man habe ein quasi »naturgegebenes« Anrecht auf eine Beziehung zu einer Frau oder, besser gesagt, auf Sex. (Incels im Bereich von männlicher Homosexualität wären mir neu.)

    Und um das Ganze dann noch auf die Spitze treiben, indem man die Frustration ob dieser »Ungerechtigkeit, keine Partnerin abzukriegen«, in Hass auf Frauen kanalisiert... (weil die sich erdreisten, sich ihnen zu verweigern)

    Das sagt ja auch einiges über das Frauenbild aus. Haben Frauen demnach nicht auch das Recht auf Sex und Partnerschaft? Und wenn ja, dürfen die sich ihre Partner nicht auch selbst aussuchen?

    Diese Incels nehmen für sich ja auch das Recht heraus, wie im Artikel angeführt, nicht einfach nur irgendeine Frau »zu bekommen«, nein, sie soll natürlich möglichst attraktiv, also »normschön« sein. Man kann sich ja vorstellen, wie sich das Frauenbild dieser Typen entwickelt, wenn sie von früher Jugend an Sexualität nur aus Internetpornographie kennen. Man könnte Mitleid haben, wenn dieser Schwachsinn nicht auch in expliziten Frauenhass und frauenfeindliche Gewalt umschlagen würde.

    Und ja, natürlich gibt es da Überschneidungen zu den bekannten Ideologemen faschistischen oder reaktionären Denkens. Ich würde sogar behaupten, dass Incel-Ideologie zwangsläufig mit rechtem und sicher oft rechtsradikalem Denken einhergeht. Emanzipation per se ist ja Feindbild rechten Denkens, und einen wesentlichen Grund, wenn nicht den Grund, für ihre Misere sehen diese Incels in der Frauenemanzipation, die daran schuld sei, dass Frauen heutzutage selbstbewusster und anspruchsvoller sind und sich nicht mehr so einfach in lebenslang unglückliche Versorgerbeziehungen begeben, was natürlich doof ist, wenn man ein »Loser« (nach bürgerlich-kapitalistischen Maßstäben) und ein A...loch ist, hat man dann halt schlechte Karten. Aber hey, man wär ja kein rechter, jämmerlicher Vollidiot, wenn man nicht die Frauen dafür verantwortlich machen würde.

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