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Aus: Ausgabe vom 22.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Konzernpolitik in der BRD

Drohender Ausverkauf

Thyssen-Krupp strukturiert abermals um – Betriebsrat und IG Metall gegen weiteren Stellenabbau
Von Oliver Rast
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Einen weiteren Kahlschlag in der Stahlsparte bei Thyssen-Krupp dürften die Metaller kaum widerstandslos hinnehmen (Dortmund, 4.2.2019)

Die Aussage klang wie eine Drohung: »Es gibt keine Denkverbote mehr«, hatte Thyssen-Krupp-Vorstandschefin Martina Merz am Dienstag via Videokonferenz gesagt. Am Tag zuvor hatte die Konzernspitze ein »Strategie-Update« verkündet mit dem Titel: »Thyssen-Krupp steigert Tempo beim Umbau«. Übersetzt heißt das: Schrumpfkur und Kahlschlag quer durch alle Geschäftszweige. Auf Kosten der Belegschaft, befürchten Betriebsräte und IG Metall.

»Die Konzernkrise ist hausgemacht«, sagte Dieter Lieske, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg-Dinslaken, am Mittwoch im jW-Gespräch. Er meint damit die Fehlinvestitionen vor anderthalb Jahrzehnten in zwei Stahlwerke in den USA und Brasilien – Größenwahn von Managern, der den rheinisch-westfälischen Stahlmagnaten acht Milliarden Euro gekostet hat. »Das wirkt weiterhin nach und wird durch die Coronapandemie verstärkt«, so Lieske.

Eigentlich wollte sich Thyssen-Krupp im Februar dieses Jahres mit dem Verkauf des profitablen Aufzugsgeschäfts an ein Konsortium von Finanzinvestoren »sanieren.« Der »Mittelzufluß« in Höhe von 17,2 Milliarden Euro sei aber erst in einigen Monaten zu erwarten. Reichen dürften die Erlöse kaum. Der Konzern schreibt tiefrote Zahlen, steht aktuell mit rund 7,5 Milliarden Euro in der Kreide. Des weiteren summieren sich Pensionsverpflichtungen gegenüber ehemaligen Mitarbeitern gleichfalls auf gut 7,5 Milliarden Euro. »Spielgeld« für Investitionen bleibt da nicht, zumal sich der Nettoverlust in den ersten sechs Monaten des im Oktober gestarteten Geschäftsjahres 2019/20 laut Welt (Mittwochausgabe) auf etwa 1,3 Milliarden Euro belaufen soll. Eine »vorsorglich« in Anspruch genommene Staatshilfe bei der KfW-Bank von einer Milliarde Euro würde nicht einmal diese Lücke schließen.

Deshalb habe die Konzernspitze »schwierige und längst überfällige Entscheidungen getroffen«, so Merz. »Thyssen-Krupp wird kleiner, aber stärker aus dem Umbau hervorgehen.« Im Klartext: Alle Geschäftszweige, die keine Rendite erwarten lassen, sollen abgestoßen werden. Dazu zählen unter anderem der Anlagenbau und der Bereich Grobblech. Diese Teilgeschäfte mit rund 20.000 Beschäftigten und einem Umsatzvolumen von etwa sechs Milliarden Euro werden in ein neu geschaffenes Konzernsegment namens »Multitracks« ausgegliedert.

Nur, was bleibt dann noch? Die Sparten Stahl und Werften, der Werkstoffhandel und die Industriekomponenten. Aber auch hier werden Merz zufolge »Konsolidierungslösungen« angepeilt. »Im Grunde steht Stahl zur Disposition«, sagte Lieske. Fusion, Verkauf oder Fortführung des Stahlgeschäfts ohne »strategischen Partner« – alles Optionen, alles denkbar.

Erst Ende März hatte die IG Metall verkündet, dass eine Beschäftigungssicherung bis 2026 und eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf 80 Prozent des Nettolohns mit dem Konzern tarifvertraglich ausverhandelt werden konnte. Des weiteren wurde ein »sozialverträglicher Abbau« von 3.000 Arbeitsplätzen beschlossen. »Wir sind in Vorleistung gegangen«, betonte Lieske. Der Gesamtbetriebsrat der Stahlsparte, Tekin Nasikkol, sprach sich am Dienstag in einer Stellungnahme gegen weitere Stellenstreichungen aus. Lieske bekräftigte vorgestern: »Einem Ausverkauf werden wir nicht zustimmen, wir wollen keine Resterampe sein«.

Die Unruhe in der Belegschaft ist spürbar, eine Konzernsprecherin sagte am Mittwoch auf jW-Anfrage: »Wie es bei Thyssen-Krupp gute Tradition ist, werden wir die Mitbestimmung in adäquater Weise einbeziehen«. Oliver Burkhard, Arbeitsdirektor des Konzerns, erklärte beim »Pressecall« am Dienstag: »Im Moment ist es uns wichtig, dass wir alle in Arbeit halten, auch wenn uns die Arbeit ausgeht.« Aber wenn die Instrumente wie Kurzarbeit nicht mehr greifen sollten, »werden wir sicherlich noch mal neu diskutieren müssen«, so Burkhard.

Betriebsrat Nasikkol lehnt einen mehrheitlichen Verkauf der Stahlsparte ab, entschieden: »Damit überschreitet man rote Linien«, sagte er der WAZ (Mittwochausgabe). Falls es dennoch dazu kommen sollte, dann, weiß Metaller Lieske, »steuern wir auf einen großen Konflikt zu«.

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