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Aus: Ausgabe vom 22.05.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit

Milliardengeschäft mit Medizin

Zolgensma: Investoren verdienen an lebensnotwendigem Medikament
Von Anna Henning
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Zolgensma kann spinale Muskelatrophie (SMA) heilen – betroffenes Kind aus Backnang, Baden-Württemberg am 3. Februar 2020

Die WDR- und NDR-Journalisten Markus Grill und Antonius Kempmann haben den Weg des am Mittwoch vorläufig in der EU zugelassenen Medikaments Zolgensma zurückverfolgt. Laut ihrem am Dienstag abend auf tagesschau.de veröffentlichten Artikel wurde das Arzneimittel zur Behandlung von spinaler Muskelatrophie (SMA) für Finanzinvestoren zur Goldgrube.

Die Erbkrankheit SMA verursacht Muskelschwund. Werden Betroffene nicht behandelt, sterben sie in den meisten Fällen innerhalb der ersten zwei Lebensjahre. Zwar gibt es ein wirksames Präparat, doch der Zolgensma-Hersteller Avexis (eine Tochter des Schweizer Pharmakonzerns Novartis) möchte die lebenslange Behandlung durch eine Einmalinjektion ersetzen. In den USA gibt es die Einmaldosis Zolgensma für 2,1 Millionen US-Dollar (1,9 Millionen Euro). Dem Hersteller zufolge koste eine zehnjährige Behandlung mit dem bisherigen Medikament 2,5 bis vier Millionen Euro. Wie hoch der Preis in Deutschland sein werde, stehe noch nicht fest, so eine Novartis-Sprecherin am Mittwoch zu dpa. Kostenträger werden laut Angaben des GKV-Spitzenverbands die gesetzlichen Krankenkassen sein.

Grill und Kempmann fanden heraus, dass das Elternpaar Gaynor in den USA eine Stiftung gründete, um die Medikamentenforschung an einer Kinderklinik zu unterstützen, nachdem bei ihrer Tochter SMA diagnostiziert worden war. Spenden in Höhe von mehr als zwei Millionen US-Dollar wurden gesammelt, öffentliche Gelder kamen hinzu. Nach erfolgreichen Studien verkaufte die Klinik die Rechte am Medikament an Avexis, die Gaynors als Hauptsponsor wurden irrelevant. Durch Lizenzverträge für Patente und die Markteinführung in den USA konnten die Investoren hinter Avexis (darunter die Fondsgesellschaft Blackrock) ihr Kapital verhundertfachen.

2018 wurde Avexis für 8,7 Milliarden US-Dollar an Novartis verkauft. Laut Novartis basiere der Preis von Zolgensma »auf dem hohen Nutzen für die Patienten, die Familien und die Vermeidung von Kosten für das Gesundheitssystem«. Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, äußerte sich gegenüber Grill und Kempmann kritisch: »Ich halte es grundsätzlich für sehr problematisch, wenn bei lebensnotwendigen Medikamenten die Ökonomie und auch die Frage der Investoren und ihrer Gewinne eine derartig dominierende Rolle gewinnen.«

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