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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 15 / Antifa
Widerstand in besetzten Niederlande

Würdigung ohne Scheu

Roxane van Iperen betont kommunistische Motivation für Widerstand der Brilleslijper-Schwestern
Von Christoph Horst
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Wegen Massenverhaftungen von Juden initiierten Kommunisten den Amsterdamer Februarstreik von 1941

Bürgerliche Historiker übergehen in ihrer Betrachtung des Widerstands gegen die Nazis oft genug die Leistungen von Sozialisten und Kommunisten im Kampf gegen Besatzung und Terror. Der nun ins Deutsche übersetzte Band der niederländischen Autorin Roxane van Iperen kommt da als erfrischende Ausnahme daher. Mit dem vorliegenden, sorgsam recherchierten Band über die Geschichte der Amsterdamer Geschwister Lien und Janny Brilleslijper macht sie keinen verschämten Bogen darum, dass deren Widerstand kommunistisch motiviert war. Van Iperen benennt sogar den Amsterdamer Februarstreik 1941 gegen deutsche Massenverhaftungen von Juden als von Kommunisten initiiert. In deutschsprachigen Schriften zur Geschichte der Niederlande kam jener Streik bislang meist nur als spontaner Aufstand, Protest oder unpolitischer Aufruhr gegen die Judenverfolgung vor.

Die Schwestern waren unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 im Widerstand gegen die Besatzungsmacht aktiv. Besonders eindrucksvoll ist der Mut der beiden, da sie als Mütter kleiner Kinder nicht nur ihr eigenes Leben riskierten, wenn sie beispielsweise Flugschriften gegen die Deutschen verteilten oder gefälschte Pässe organisierten.

Der vorliegende Band ordnet die Erinnerung an diese einmalige Widerstandsaktion politisch ein: »Die Rolle der CPN (Kommunistische Partei der Niederlande, jW) wird geleugnet oder totgeschwiegen (…) Während des Kalten Krieges wurde Mitgliedern der Partei sogar jahrelang der Zugang zu der öffentlichen Gedenkfeier anlässlich des Februarstreiks verwehrt.« Der Streik wurde von den Deutschen brutal niedergeschlagen. Janny hatte Mut aus der Bereitschaft der Arbeiter geschöpft, den Deutschen etwas entgegenzusetzen. Lien hingegen hatte von Anfang an Angst vor der deutschen Rache.

Die deutschen Besatzer waren anfangs vergleichsweise mild gegenüber den Besiegten, da sie hofften, sich Sympathien erwerben zu können. Doch ihr Handeln war geprägt von einer Inhumanität, mit der sie sich aus der zivilisierten Welt ausschlossen. Wenn kleine Kinder aus einem Waisenhaus an Händen und Füßen gepackt auf eine Lkw-Ladefläche geworfen werden, zeugt dies nicht nur davon, den Gegner besiegen und etwas an sich reißen zu wollen, sondern von einer Lust an der Zerstörung menschlichen Lebens.

Niederländische und in die Niederlande geflohene Juden hatten im europäischen Vergleich eine hohe Wahrscheinlichkeit, von den Nazis entdeckt zu werden. Die Opferquote – zu diesem schrecklichen Begriff hat sich noch keine Alternative durchgesetzt – lag landesweit bei etwa 75 Prozent. Einer von vielen Gründen dafür ist die hohe Besiedlungsdichte und somit das Fehlen ländlich abgeschiedener Regionen. Durch etwas Glück fanden die Brilleslijpers ein Versteck, das zwar im Wald gelegen, aber – ohne dass sie es zuvor wussten – umgeben von deutschen Besatzern und Kollaborateuren war.

Anderthalb Jahre lang lebten in der Villa t’Hooge Nest (so auch der niederländische Originaltitel von Van Iperens Buch) zwischenzeitlich bis zu 17 Personen an einem idyllischen Ort, aber immer in Angst, entdeckt zu werden. Ein Verrat führte zu ihrer Verhaftung und Deportation zuerst ins Durchgangslager Westerbork. Weiter ging es in einem von Van Iperen in seiner brutalen Grausamkeit geschilderten Zugtransport in die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. Dort begegneten die Brilleslijpers Margot und Anne Frank. Diese sahen sie elendig zugrunde gehen.

Van Iperen zeichnet die Repräsentanten des Hitlerfaschismus nicht als Befehlsempfänger, sondern als Täter – unter anderem Josef Mengele, dessen »Begutachtungen« auch die Brilleslijpers ausgesetzt waren. Dank der britischen Truppen, die im April 1945 die Insassen des KZ Bergen-Belsen befreiten, überlebten beide Schwestern den Holocaust und konnten sogar einige versteckt zurückgelassene Verwandte wiederfinden.

Im Nachwort stellt die Autorin fest: »Man verändert sich sehr, wenn man sich längere Zeit in die Details des Holocaust versenkt, aber aus der Eigensinnigkeit, dem Mut und dem Humor der Schwestern Brilleslijper kann ich ein Leben lang Kraft schöpfen.«

Roxane van Iperen: Ein Versteck unter Feinden. Die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, 400 S., 19,99 Euro

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