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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 12 / Thema
Fememord

»Wieder einer«

Vor 100 Jahren wurde der pazifistische Offizier und Schriftsteller Hans Paasche ermordet
Von Geert Platner
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Hans Paasche, geboren am 3. April 1881, ermordet am 21. Mai 1920 von Angehörigen des Reichswehr-Schutzregimentes 4 auf seinem Gut in der preußischen Provinz Grenzmark ­Posen-Westpreußen

»Wieder einer: Das ist nun im Reich

Gewohnheit schon.

Es gilt ihnen gleich.

So geht das alle, alle Tage.«

Aus: Tucholsky: Paasche

Am 21. Mai 1920 überfallen 60 Reichswehr-Soldaten das Gut Waldfrieden (Provinz Posen). Auf ihren Lastwagen sind Maschinengewehre montiert. Dieser Einsatz gilt einem einzelnen Mann – dem Besitzer Hans Paasche, der schutz- und hilflos in Badebekleidung vom See kommt. Vor den Augen seiner Kinder wird er erschossen.

»Das Opfer im Badeanzug … Schuss. In den Dreck.

Wieder son Bolschewiste weg!

Verbeugung. Kommandos. Hart und knapp.

Dann rückt die Heldengarde ab.«

Nach dieser Heldentat wird gefeiert und das Lied der Brigade Ehrhardt angestimmt: »Hakenkreuz am Stahlhelm«. Diese Brigade war die mobile Einsatzgruppe des Weißen Terrors, am 17. Februar 1919 nach einem Aufruf sozialdemokratischer Zeitungen in Wilhelmshaven gegründet. Sie stand an der Spitze der Truppen, die unter der Führung Gustav Noskes die Münchner Räterepublik buchstäblich in ihrem Blut erstickten. Sie hatte die »Lizenz zum Morden« (Klaus Gietinger), ihr fielen in München Gustav Landauer und Eugen Leviné zum Opfer.

Die Liquidierung politischer Gegner wurde noch professioneller, nachdem die Brigade Ehrhardt im April 1920 zum Schein aufgelöst worden war und als »Organisation Consul« gleich danach ein großes Büro eröffnete – wohlwollend registriert vom Münchner Polizeipräsidenten und der Reichsregierung, die hoffte, mit solchen »Geheimbünden« die Bestimmungen des Versailler Vertrags unterlaufen zu können. Die Mörder-GmbH verfügte über 5.000 Verbindungsleute im ganzen Reich, lebte vom illegalen Waffenhandel und organisierte Morde an unliebsamen Politikern wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau. Allein im Zeitraum von 1919 bis 1922 gab es in Deutschland 354 Tötungsdelikte von »rechtsstehenden« Personen, bestraft wurden 24 Täter mit einer Durchschnittsstrafe von vier Monaten.

Dieses Bündnis der Justiz mit deutschen Mörderbanden machte der noch heute berühmte Statistiker Emil J. Gumbel (»Vom Fememord zur Reichskanzlei«) öffentlich, dem damals gerade noch die Flucht ins Ausland gelang. Die Mitgliederliste des »Consuls« (nach einem Scheinverbot als Bund Wiking weitergeführt) liest sich wie ein »Who is who« späterer SS- und Einsatzgruppen.

Misthaufen »Hindenburg«

Wie geriet Hans Paasche 1920 ins Fadenkreuz der frühfaschistischen Soldateska? Bereits Anfang 1916 hatte der ehemalige Kapitänleutnant gefordert, dass die »Verbrecher«, die den Krieg »herbeigeführt und gewollt haben«, nicht davon befreit werden, sich verantworten zu müssen. »Für alle, die vom Durchhalten sprechen, trifft der Verdacht zu, dass der Krieg für sie in irgendeiner Form ein Geschäft ist.«

Im April 1917 begann Paasche, Flugblätter mit Antikriegstexten zu versenden; besondere Zielgruppen waren Matrosen und Soldaten, dann auch die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die er öffentlich zum Generalstreik aufrief: »Militärisch steht es hoffnungslos. An einen Sieg, wie ihn die Generäle brauchen, um die Siegestrinkgelder einzustreichen, die sie erwarten, ist nicht zu denken (Moltke nahm 1870 neunhunderttausend Mark!). Deshalb wollen sie wenigstens die Hochkonjunktur des Krieges noch lange genießen. Nur das klassenbewusste Proletariat kann den Krieg beenden.«¹ Dieses Flugblatt brachte der Kriegsminister sogar vors Parlament, um die Tätigkeit feindlicher Agenten zu beweisen.

Ein anderes Flugblatt trug den Titel »Sah schon jemand einen General, der nur ein Bein hat?« Mit seinem Bekenntnis, er habe den Misthaufen auf seinem Hof »Hindenburg« getauft, hätte sich Paasche allerdings auch in der Bundesrepublik unbeliebt gemacht, die gar nicht genug Hindenburg-Straßen, -kasernen und -dämme taufen konnte.

Die treffsichere, aber lebensgefährliche Agitation Paasches flog im Spätsommer 1917 auf, und ihm wurde der Prozess wegen Hoch- und Landesverrats gemacht. Konnte man gegen den Sohn des Reichstagsvizepräsidenten Hermann Paasche und Schwiegersohn des Aufsichtsratsvorsitzenden der Nationalbank Richard Witting ein Todesurteil erwirken? Das war selbst den Militärbehörden zu heiß. Da bot sich an, auf »geistige Verwirrung« zu plädieren, ein Vorwurf, der dann mit deutscher Gründlichkeit untersucht wurde. Werner Lange berichtet in seiner Paasche-Biographie (»Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland«), dass die Akten der Oberreichsanwaltschaft zwölf Bände füllten. Bei den langen Vernehmungen Paasches wurde auch die Frage aufgeworfen, warum er seinen Misthaufen »Hindenburg« nannte. Paasche antwortete mutig, dass er damit eine »Gehirnkrankheit des deutschen Volkes« bezeichne, »das auf das eigene Nachdenken verzichtet, wenn es einen großen Namen ausrufen kann«.² Die qualvolle Gefängniszeit nutzte er für eingehende Studien deutscher Aufklärer und Humanisten, die gegen den »Knechtssinn« (ein Schlüsselbegriff bei Paasche) ankämpften, der durch »Reserveoffiziere auf dem Katheder« im Kaiserreich oberste Tugend wurde.

Rosa Luxemburg schrieb an Clara Zetkin: »Nun ist Paasche verhaftet worden, wie es hieß, wegen eines Flugblatts, worin er die Frauen der Munitionsbranche zum Massenstreik aufgerufen haben soll! Ist es nicht wunderbar, dass man plötzlich noch Menschen, Männer entdeckt, und zwar in Kreisen, wo man sie am wenigsten vermutet?«³

Die Akte Paasche kursierte zwischen Militärbehörden, Kriegsgerichten und Polizeipräsidien, und man war sich in zwei Punkten einig: Die prominente »Verwandtschaft« verbietet ein Todesurteil, und der eloquente ehemalige Offizier darf auf keinen Fall öffentlich vor einem Gericht auftreten. Im Februar 1918 verkündet der 1. Strafsenat des Reichsgerichts, dass der »Angeschuldete« in eine öffentliche Irrenanstalt verbracht und dort beobachtet werden solle. In einer Charlottenburger Nervenheilanstalt kümmert sich ein »Geheimer Medizinalrat« um ihn und stellt in einem 113seitigen Gutachten fest, dass ein Offizier, der so heftig gegen den Krieg agiert, wirklich verrückt sein müsse.

»Er mochte nicht mehr.

Er hasste dieses höllische Heer.

Er liebte die Menschen. Er hasste Sergeanten

(das taten alle, die beide kannten).

Am 9. November 1918 befreiten ihn die Revolutionäre, fuhren ihn im offenen Wagen zum Reichstag; unterwegs hielt der Wagen mehrfach, Paasche sprach zur begeisterten Menge – der kurze Herbst der Freiheit! Noch am gleichen Tag finden wir Paasche im Vorsitz eines Soldatenrats mit Hans-Georg von Beerfelde, Max Cohen und Emil Barth. Beerfelde hatte im Juli 1918 als erster Deutscher nachgewiesen, dass die kaiserliche Regierung am 4. August 1914 mit einer gefälschten Dokumentensammlung die Zustimmung des Reichstags zu den Kriegskrediten erlogen hatte. Als 2. Vorsitzender des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte forderte er dann Aufklärung des Volkes über die verbrecherische Politik des deutschen Militärs und die völlige Entmachtung der Herrschaftseliten. Doch diese hatten einen treuen Verbündeten: Friedrich Ebert, der über eine geheime Telefonleitung fast täglich mit General Wilhelm Groener telefonierte, der sich mit der Obersten Heeresleitung im Schloss Wilhelmshöhe verkrochen hatte.

Als Aufklärer

Anfang November aber war die Hoffnung noch nicht gestorben, die Noskischen Mörderbanden noch nicht von der Leine gelassen. Paasche wurde ebenfalls in den Vollzugsrat delegiert und forderte, endlich mit dem Militarismus »aufzuräumen«: »Der 9. November hat uns die Freiheit gegeben, zu sagen, dass wir über die Verbrechen des Krieges wie Menschen denken und fühlen. Die Brüder jenseits des Rheins können, wenn wir ohne Brandfackel und Handgranaten, ohne Giftgas zu ihnen kommen, trotz allem Leid, das wir ihnen brachten, nicht mehr sagen: ce sont les mêmes, souvenez-vous.«⁴

Dann trafen in Berlin zwei Waggons aus Brüssel ein, vormals geheime Akten, die detailliert die Kriegsverbrechen in Belgien belegten. Der Rat der Volksbeauftragten, der als Übergangsregierung schnellstens von der Ebert-Kamarilla usurpiert wurde, verhinderte den Zugriff Paasches, obwohl der Vollzugsrat ihn ausdrücklich damit beauftragt hatte. Es ist kaum zu überschätzen, was die Enthüllungen über Belgien und die Reichstagslügen ausgelöst hätten. Das Lebenswerk Eberts, die Rettung des deutschen Militarismus, wäre akut gefährdet worden. Natürlich verweigerten Ebert und Philipp Scheidemann auch die Haftbefehle gegen die Kriegsverbrecher, die der Vollzugsrat ausgestellt hatte: »Alle Versuche, alle Beschwörungen, die Unterschriften von Ebert und Philipp Scheidemann zu bekommen, waren erfolglos.«⁵ Aber diese brisanten Aktionen mit eventuell dramatischen Folgen für das Fortbestehen des Militärstaates, ließen Paasche auf der Schwarzen Liste von Reichswehr und Freikorps ganz nach oben rücken: »Gehasst von den deutschen Militärs, also verehrt von anständigen Menschen.« (Tucholsky, »Der Pinscher am Grab«)

Heutigen Linken ins Stammbuch geschrieben gehören auch die Äußerungen Paasches zur Frage »Räteregierung oder Nationalversammlung«; er hielt die Entscheidung für die Nationalversammlung für gefährlich, weil dadurch das Volk »wieder einmal, trotz aller schlechten Erfahrungen, verleitet wird, die lebendige Teilnahme an der Politik aufzugeben« und sich »des Verantwortungsgefühls durch einmalige Abgabe eines Stimmzettels zu entledigen«.⁶

Diese Alibihandlungen trafen auf ein Umfeld, in dem nicht einmal die Neugier da war, den »Machtgötzen enthüllt zu sehen«.

»Nach diesem Preußen, diesem Morden,

dem Tod, den noch Hans Paasche fand,

nach bunten Soldateska-Horden:

Der Bürger denkt an seinen Barbestand.«

Schon im Januar 1919 lässt Ebert endgültig die Maske fallen und stellt die Freikorps auf. Die gezielten Ermordungen linker »Symbolfiguren« – im Bündnis mit der Justiz – unterhöhlten von Anfang an die Weimarer Republik.

»Leitartikel. Dementi. Geschrei.

Und in 14 Tagen ist alles vorbei.«

Anmerkungen

1 Bundesarchiv Potsdam C 153/17, Bd.10/5

2 Werner Lange: Hans Paasches Forschungsreise ins innerste Deutschland – Eine Biographie. Donat-Verlag, Bremen 1994, S. 190

3 zit. n. ebd., S. 193

4 »Erinnert euch, es sind die Gleichen.« Zit. n. Lothar Wieland: Vom kaiserlichen Offizier zum deutschen Revolutionär – Stationen der Wandlung des Kapitänleutnants Hans Paasche (1881–1920). In: Wolfram Wette, Helmut Donat (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland, 1871–1933. Donat-Verlag, Bremen 1999, S. 190

5 Lange, a. a. O., S. 202

6 zit. n. ebd., S. 205

Geert Platner untersuchte in seinem Buch »­Erziehung zum Tod« auch die Kriegserziehung im Kaiserreich.

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