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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Südamerika

Leben wie das Volk

Uruguays früherer Präsident José »Pepe« Mujica feiert seinen 85. Geburtstag
Von Santiago Baez
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Keine roten Socken, aber bodenständig: Das Schuhwerk von Uruguays Expräsident Mujica bei einer Pressekonferenz

Wenn von José »Pepe« Mujica die Rede ist, sind die Klischees nicht weit: Der »ärmste Präsident der Welt«, der noch immer seinen alten, roten Volkswagen den Staatskarossen vorzieht und seinen Bauernhof auch im höchsten Staatsamt Uruguays nicht aufgeben wollte. Das wird auch an seinem 85. Geburtstag am heutigen Mittwoch nicht anders sein.

Mujica wurde am 20. Mai 1935 in Paso de la Arena im äußersten Westen der uruguayischen Hauptstadt Montevideo geboren. Seine Vorfahren väterlicherseits waren Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Baskenland nach Südamerika ausgewandert, mütterlicherseits hat seine Familie italienische Wurzeln.

Seine Mutter Lucy Cordano Giorello und deren Bruder Ángel Cordano beeinflussten den jungen Pepe in den 1950er Jahren politisch. Beide waren Mitglieder der Nationalen Partei, die 1958 zum ersten Mal die Regierung Uruguays übernahm, und auch Pepe schloss sich den »Weißen« an und stieg bis zum Generalsekretär des Jugendverbandes auf. Doch nach vier Jahren Regierungszeit gehörte Mujica zu den Unzufriedenen, die sich von der Nationalen Partei abspalteten und gemeinsam mit den Sozialisten das Linksbündnis »Unión Popular« (Volksunion) gründeten. Es errang bei den Wahlen 1962 zwei Parlamentssitze, zerstritt sich aber bald und zerfiel.

Verhaftung und Folter

Mujica zog aus diesen Erfahrungen die Konsequenz, sich der Anfang der 1960er Jahre entstandenen Stadtguerillabewegung Tupamaros anzuschließen. Dabei arbeitete er weiter als Bauer auf seiner Farm, bis er vor der drohenden Verhaftung in den Untergrund floh. Insgesamt wurde er bei Gefechten mit der Polizei von sechs Kugeln getroffen, viermal wurde er verhaftet. Zweimal gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis, doch von 1972 bis 1985 wurde er zusammen mit anderen Anführern der Tupamaros von der Militärdiktatur gefangengehalten und gefoltert. Das Regime drohte damit, die als Geiseln betrachteten Gefangenen hinzurichten, sollte die Stadtguerilla weitere Aktionen durchführen.

Erst mit der Amnestie 1985 kam »El Pepe« frei und nahm seine politische Tätigkeit wieder auf. Zusammen mit anderen Mitstreitern aus der Zeit der Stadtguerilla gründete er die »Bewegung für Volksbeteiligung« (MPP), die sich dem bereits 1971 gegründeten und bis heute bestehenden Linksbündnis »Frente Amplio« (FA, Breite Front) anschloss. 1994 wurde er erstmals zum Parlamentsabgeordneten gewählt, fünf Jahre später zum Senator.

Als 2005 mit Tabaré Vázquez erstmals ein Kandidat der Frente Amplio zum Präsidenten Uruguays gewählt wurde, trat Mujica als Minister für Viehzucht, Landwirtschaft und Fischerei in dessen Kabinett ein. Der eigentliche Minister sei aber sein Stellvertreter gewesen, der Agraringenieur Ernesto Agazzi, sagte Mujica später über diese Zeit. Er selbst profilierte sich durch seine Fähigkeit zum Dialog mit der Bevölkerung. Nach drei Jahren trat er zugunsten Agazzis vom Ministeramt zurück und widmete sich seinem Amt als Senator.

2009 wählten ihn die Mitglieder der Frente Amplio in Vorwahlen zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. Bei den Wahlen am 25. Oktober 2009 verfehlte er dann nur knapp die absolute Mehrheit, setzte sich in der zweiten Runde aber klar gegen den konservativen Expräsidenten Luis Alberto Lacalle durch.

Mit der Übernahme des höchsten Staatsamtes hätte Mujica Anspruch darauf gehabt, in die offizielle Präsidentenresidenz »Suárez y Reyes« einzuziehen, doch ebenso wie sein Vorgänger Tabaré Vázquez verzichtete er darauf und wohnte weiter mit seiner Frau auf dem Bauernhof im Stadtviertel Rincón del Cerro unweit seines Geburtsortes. Das Gehöft musste dazu allerdings umfangreich ausgebaut werden, um die Sicherheit des Politikerpaares und ihre ständige Erreichbarkeit zu gewährleisten. Den an den Botanischen Garten der uruguayischen Hauptstadt angrenzenden Palast nutzte Mujica ausschließlich zu protokollarischen Anlässen. Wer nicht mit wenig zufrieden sein könne, werde auch nicht mit viel zufrieden sein, sagte er damals. Das habe er im Gefängnis gelernt. »Wenn ich Deutschland besuche, stellt man mir einen Mercedes-Benz, um mich von hier bis an die Ecke zu bringen, mit einer drei Tonnen schweren Tür, fünfzig Motorräder davor und fünfzig dahinter. Ich bin mit so was nicht einverstanden. Die Regierungen, die Präsidenten, müssen in ihrem ganzen Lebensstil, in ihrer Sprache, in ihrer Art sich zu kleiden, in ihrem öffentlichen Umgang ausdrücken, wie das Volk lebt.«

Armut halbieren

Als Hauptziel seiner Regierungszeit hatte Mujica ausgegeben, die Armut in dem südamerikanischen Land zu halbieren. So stiegen die Sozialausgaben bis 2013 auf 75,5 Prozent des Staatshaushaltes, neun Jahre zuvor hatte ihr Anteil noch 60,9 Prozent betragen. Die Arbeitslosigkeit ging im gleichen Zeitraum spürbar zurück, während der Mindestlohn um 250 Prozent stieg. Der Internationale Gewerkschaftsbund lobte Uruguay in dieser Zeit als das hinsichtlich des Schutzes der Arbeiterrechte und der Gewerkschaftsfreiheit fortgeschrittenste Land auf dem amerikanischen Kontinent, und auch der uruguayische Gewerkschaftsbund PIT-CNT konnte in Mujicas Amtszeit damit rechnen, auf offene Ohren zu stoßen, auch wenn es in Einzelfragen immer wieder zu Konflikten kam. 2012 wurde der Schwangerschaftsabbruch legalisiert, ein Jahr später ermöglichte das Land gleichgeschlechtliche Ehen.

Unerfüllte Hoffnungen

Schlagzeilen in Europa machten vor allem der einfache Lebensstil des Präsidenten und Entscheidungen wie die Legalisierung des Anbaus und Konsums von Marihuana im Jahr 2013. Andere Hoffnungen blieben unerfüllt. So schloss sich Uruguay nicht dem progressiven Staatenbündnis ALBA an, dafür wurde die »Sicherheitskooperation« mit den USA praktisch uneingeschränkt fortgesetzt. Das setzte sich auch nach dem Ende von Mujicas Amtszeit 2015 fort, als sein Vorgänger Tabaré Vázquez auch sein Nachfolger wurde. Und davon profitiert nun die Rechte: Am 1. März dieses Jahres trat der Konservative Luis Alberto Lacalle Pou das Präsidentenamt an und beendete damit 15 Jahre Linksregierung in Uruguay.

Mujica bleibt sich derweil treu. In einem Fernsehinterview kritisierte er am 7. Mai den neuen Präsidenten, weil dessen Regierung zur Eindämmung der Coronaviruspandemie zu wenig Geld für die ärmsten Schichten bereitgestellt habe. Er selbst verzichtet auf sein Gehalt als Senator: »Ich hätte mich entscheiden können, als Senator zu verdienen und damit mehr zu bekommen, aber ich begnüge mich mit den 70.000 Pesos (etwa 1.460 Euro, jW), die ich als Rente bekomme, denn ich bin mir meiner gesundheitlichen Schwächen bewusst und habe gemerkt, dass ich oft bei den Sitzungen fehlen werde. Das zu bekommen, was ein Senator bekommt, hätte bedeutet, meinem Land Geld zu stehlen.«

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