Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 5 / Inland
Tarifpolitik in der BRD

Ziel: Deutliches Plus

Baugewerkschaft geht entschlossen in Tarifrunde – Unternehmer warten ab und verzichten auf Angebot
Von Oliver Rast
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Im Bauhauptgewerbe ist weiterhin viel los, deshalb fordert die IG Bauen, Agrar, Umwelt auch mehr Lohn (Hamburg, 26.3.2020)

Selbstbewusst sind sie, die Kollegen auf den Baustellen hierzulande. Mit allem Grund: »Das Bauhauptgewerbe läuft auf Hochtouren«, deshalb seien die 6,8 Prozent Lohnerhöhung für die seit Dienstag laufende Tarifrunde in Berlin absolut gerechtfertigt, sagte ein Sprecher der IG Bauen, Agrar, Umwelt am selben Tag gegenüber jW. Mindestens sollen aber für die rund 850.000 am Bau Beschäftigten 230 Euro monatlich mehr auf dem Lohnstreifen stehen. Für Auszubildende aller Ausbildungsjahrgänge fordert die Gewerkschaft ein Plus von 100 Euro im Monat.

Des weiteren wollen die Gewerkschafter für die Beschäftigten ein Wegegeld von der Sammelunterkunft zur Baustelle durchsetzen. »Wir wollen, dass diese Anfahrten, die immer länger werden, als Dienstreise gelten.« Und entsprechend entschädigt werden, entweder finanziell oder durch freie Tage.

Die Tarifverhandlungen sollten ursprünglich Mitte März beginnen, wurden coronabedingt seitens der »Sozialpartner« verschoben. Auswirkungen sind auch jetzt noch spürbar, denn statt einer sonst üblichen 18köpfigen Verhandlungskommission pro Seite sitzen sich jeweils nur acht Vertreter in gebührendem Abstand gegenüber, wie jW aus Teilnehmerkreisen erfuhr.

Dauer und Ausgang der Gespräche scheinen völlig offen. Die »Arbeitgeberseite« zeigt sich demonstrativ reserviert. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) und der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie haben bislang kein verhandelbares Angebot vorgelegt. Ungewöhnlich sei das in der Auftaktrunde nicht, sagte ZDB-Pressesprecherin Ilona Klein auf jW-Nachfrage. »Hier werden Positionen ausgetauscht, und dass wir bei der Gewerkschaftsvorlage nicht gleich ›Hurra‹ schreien, kann nicht überraschen.«

Immerhin musste der ZDB bereits am Montag gegenüber dpa folgendes einräumen: »Klar laufen die meisten Baustellen noch weiter«. Aber es koste die Unternehmen aus der Bauwirtschaft viel Geld, die Bestimmungen nach dem Infektionsschutzgesetz einzuhalten. Bei beinahe der Hälfte der Betriebe seien Aufträge storniert worden, es gebe Kurzarbeit, auch erste Entlassungen, so der ZDB. »Was aber wirklich Sorge bereitet, ist der Blick nach vorne, weil Folgeaufträge ausbleiben«, ergänzte der Unternehmerverband. Wirtschaft und Kommunen gehe das Geld aus, die öffentliche Hand baue derzeit weniger als sonst.

Von solchen düsteren Szenarien will sich die Baugewerkschaft nicht aus dem Konzept bringen lassen. »Das ist blauer Dunst, der da verbreitet wird«, so der Sprecher. Typische Stimmungsmache im Vorfeld von Tarifauseinandersetzungen. »Niemand kann verlässlich sagen, ob es im Bausektor konjunkturelle Einbrüche geben wird – oder eben nicht.«

Die Zahlen geben der Gewerkschaftsseite recht: Denn wegen der hochtourigen Binnenwirtschaft und niedriger Zinsen erlebte der Bau in den vergangenen Jahren einen fortwährenden Aufschwung. 2019 machten die Hoch- und Tiefbau-Unternehmen nach Branchenangaben satte 135 Milliarden Euro Umsatz und damit 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Tarifverhandlungen in der Baubranche gelten als langwierig, mitunter konfliktreich. Vor zwei Jahren konnte der Konflikt erst in einer Schlichtung beigelegt werden. Der Schlichterspruch des früheren Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement (SPD) brachte den Beschäftigten recht deutliche Lohnerhöhungen. Im Westen waren es 5,7 Prozent, im Osten insgesamt 7,4 Prozent. Außerdem enthielt die Übereinkunft Einmalzahlungen für die Lohnabhängigen von mehreren hundert Euro.

Nur: Wie stark ist die Verhandlungsposition der Gewerkschaft in der aktuellen Runde? »Unsere Linie ist klar«, sagte deren Sprecher – und der Zuspruch groß: »Wir erhalten für unsere konkreten Forderungen viele positive Rückmeldungen von Betriebsräten.« Nicht nur das: »Unsere Kollegen haben eine hohe Erwartungshaltung an uns als Gewerkschaft.«

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