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Aus: Ausgabe vom 19.05.2020, Seite 7 / Ausland
Spanien

Hasta siempre, maestro

Spanien verliert mit dem Kommunisten Julio Anguita einen seiner klügsten Politiker. Ein Nachruf
Von Carmela Negrete
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Wissen sei das wichtigste, damit Jugendliche sich vom Joch des Kapitalismus befreien können, betonte Julio Anguita immer wieder (Córdoba, 10.10.2013)

Hunderte Menschen versammelten sich am Sonntag auf dem Rathausplatz in Córdoba im Süden von Andalusien: Die Fäuste in den Himmel gestreckt und die Internationale singend, verabschiedeten sie sich von Julio Anguita, dem langjährigen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE) und Bürgermeister der Stadt. Im Rathaus war eine Trauerhalle für den am Samstag Verstorbenen eingerichtet worden.

Höflich, bescheiden, ehrlich – so beschreiben ihn alle, die ihn kannten. Die rechte und bürgerliche Presse wusste ihm an seinem Todestag nur eines vorzuwerfen: »Er blieb seiner Überzeugung treu«, so die Tageszeitung El País abwertend. Ein Mensch, der sein ganzes Leben gegen Ungerechtigkeit kämpft und sich dabei als nicht käuflich erweist – das mögen viele nicht. Spanien hat mit Anguita einen seiner klügsten Politiker verloren, sein Rat war bei den meisten Linken in Spanien sehr gefragt.

Als Lehrer hätte er es nicht nötig gehabt, 1972 mit 31 Jahren Mitglied der verbotenen PCE zu werden. Politisiert wurde er durch den Direktor der Schule, an der er lehrte. Auf dem Land, in einem Dorf Andalusiens, der Region, wo er als Kind eines Soldaten des Diktators Franco (1892–1975) geboren wurde. 1979 wurde er Bürgermeister von Córdoba. Anguita verbesserte das Leben der Ärmsten der Stadt und genoss große Popularität.

Der »Rote Kalif«, wie man ihn nannte, wurde 1988 zum Generalsekretär der PCE gewählt und blieb elf Jahre Chef der Vereinigten Linken (IU). Die Wahlkoalition, deren Kandidat er 1989 wurde und die es zur dritten Kraft jenseits des spanischen Zweiparteiensystems aus dem rechten Partido Popular (PP) und dem sozialdemokratischen Partido Socialista Obrero Español (PSOE) schaffte, war sein großes Projekt. Seine Vision war eine gemeinsame Linke ohne PSOE, die er als Verräter betrachtete. Wenn man schon etwas mit ihnen vereinbaren musste, dann nur, wenn es ein »Programm, Programm, Programm!« gebe. Julio Anguita war auch ein Pragmatiker.

Als in den vergangenen zehn Jahren in Spanien die Kritik an dem »Übergang zur Demokratie« nach der Franco-Zeit wuchs, wurde Anguita und anderen Kommunisten vorgeworfen, sie hätten sich der Monarchie angepasst. Er blieb jedoch Republikaner. Anguita, der seinen Sohn, einen Reporter, in dem schmutzigen Krieg gegen den Irak verloren hatte, rief bis zuletzt zum Klassenkampf auf.

Der Geschichtslehrer hatte immer eine Lektion parat, verfügte über eine wunderbare Rhetorik, und vor allem ließ er sich nicht von Madrid kaufen. Im Jahr 2000 kehrte Anguita als Lehrer an sein Gymnasium zurück. Wissen sei das wichtigste, damit Jugendliche sich vom Joch des Kapitalismus befreien können, betonte er immer wieder. Dass der neue Mensch jedoch allein durch Bildung geschaffen werden könnte, von dieser Idee hielt der Kommunist wenig.

Bis zu seinem Tod blieb er hellsichtig, politisch aktiv und seiner Partei treu. Anguita gab Interviews und mischte sich in aktuelle Diskussionen ein. Die Zusammenarbeit von Podemos und IU sah Anguita viel früher kommen als die Spitzen der jeweiligen Parteien selbst. Bei seinen Mitstreitern sorgte in den vergangenen Jahren allerdings für Kritik, dass er betonte, der Vorsitzende der italienischen Lega, Matteo Salvini, sei kein Faschist. Auch seine Haltung, dass Migration begrenzt werden müsse, stieß auf Unverständnis.

In seinem letzten Interview warnte er Anfang Mai im spanischen Radiosender Cadena Ser angesichts der Coronakrise: »Wir alle müssen unsere Lebensform überprüfen.« Die Regierung müsse die Lücke im Haushalt füllen, indem sie die Wohlhabenden zur Kasse bittet. Aber auch die Gesellschaft »muss eine neue Disziplin akzeptieren, weil andere Lebensformen gefunden werden müssen«, um dem Klimawandel vorzubeugen. Wo er Recht hatte, hatte er Recht.

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