Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 18.05.2020, Seite 16 / Sport

Die Wahrheit über den 26. Spieltag

Von Jakob Hayner
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Alles nicht einmal halb so schön: Dortmund rasiert Schalke vor leeren Rängen

Beginnen wir für den 26. Spieltag, dem ersten nach der Zwangspause, mit den erfreulichen Dingen: Der BVB hat das Fußballspielen und Toreschießen nicht verlernt. Gladbach kann es auch noch. Und selbst die Hertha lernt es wieder.

Doch gehörte die erste halbe Stunde des Spieltags zum Schlechtesten, was man in den letzten Jahren hierzulande im hochklassigen Vereinsfußball ertragen musste. Und es wurde nicht besser dadurch, dass man in der ausnahmsweise kostenfreien Konferenzübertragung eines bekannten Bezahlsenders fast ausschließlich die Partie Düsseldorf gegen Paderborn gezeigt bekam. Wohl eine Maßnahme, um das Publikum doch noch zum Vertragsabschluss zu bewegen. Dem Graus machten die Dortmunder immerhin ein Ende, indem sie den Schalkern, freundlichst unterstützt vom Ersatz-Nübel Markus Schubert, vier Tore einschenkten. Was freilich alles nicht einmal halb so schön ist, wenn die Südkurve nicht tobt, sondern nur ein paar dürre Jubelschreie durchs leere Stadion hallen, während der Tüfteltrainer Lucien Favre am Spielfeldrand kurz die Fäuste reckt. Man mag sich vorstellen, dass er als einer der wenigen die Zwangspause als willkommenen Anlass für das ungestörte Studium Tausender Stunden Videomaterial genießen konnte. Während im Vorjahr die letzten Meisterschaftsträume der Dortmunder Borussia im Revierderby verpufften, konnte man am Samstag vorlegen, zumal Leipzig zeitgleich gegen Freiburg nur Unentschieden spielte.

Doch wichtiger als das Sportliche war das Geschäftliche. Eine Branche verteidigt ihr Profitmodell, und der Spieltag musste den Beweis liefern, dass es klappen könnte. Mancher disqualifizierte sich im Vorfeld. Herthas Salomon Kalou zeigte Kabinenschäkereien und Gehaltsdiskussionen per Videostream. Und der neue Augsburger Trainer Heiko Herrlich plauderte auf einer Pressekonferenz aus, dass er das Wort Quarantäne nicht verstanden hatte. Hätte er nur geschwiegen. Trotzdem: Von den Arbeitsschutzbedingungen der Fußballmillionäre können viele Arbeiter oder auch Spieler der unteren Ligen nur träumen. Und wenn der Schalker Vorstandsboss, der Schweinebaron und Hobbyvölkerkundler Clemens Tönnies, sich über das disziplinierte Einhalten der Vorgaben freut, wüsste man zu gerne, wie es damit in seinen Fleischfabriken ausschaut. Doch die Liga muss weitergehen. Es geht um zu viel Geld. Es nicht zu akkumulieren, können sich viele Klubs nicht leisten, und manche könnten es zwar, wollen es aber nicht. Die Spieler selbst verdienen zwar gut, doch mitbestimmen können sie nicht. Geld ist eben nicht gleich Kapital. Und dort liegt die Macht. Also weiter wie immer. Nur keine Pause, keine Änderungen.

Auf die Fans nahm man keine Rücksicht. Nichts Neues von DFL und DFB. Man hätte wohl sowieso lieber Konsumenten, die sich widerspruchslos nach den Fernsehzeiten richten. Doch ohne Fans im Stadion ist auch die Übertragung öde, das lehrte der Spieltag. Die spektakulärste Rettungsaktion gelang nebenher dem Frankfurter Martin Hinteregger. Allein gegen drei Gladbacher Angreifer konnte der Verteidiger das Tor noch verhindern. »Ehrenmann Hinteregger«, tönte der Fernsehkommentator. Überhaupt haben die Kommentatoren eine wahre Freude, nicht nur wie üblich sinnlose Statistiken, Phrasen und schiefe Bilder aneinanderzureihen, sondern zudem ihre Urteile über Abstandregelungen beim Jubeln bekanntzugeben. »Das sah alles politisch korrekt aus«, hörte man. Nur über die wirklichen politischen und ökonomischen Fundamente des Fußballs redet dann wieder niemand. Hauptsache, der Ball rollt.

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