Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.05.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Zentrales Denkmal

Zu jW vom 14.5.: »Neubeginn in Trümmern«

Die Radiogeschichte über den Neubeginn des Berliner Rundfunks am 19. Mai 1945 bedarf einer Ergänzung. Es blieb nämlich nicht bei den erwähnten zeitweiligen Blockaden des damals sowjetisch kontrollierten Funkhauses an der Masurenallee durch die Westalliierten. Das waren Peanuts im Vergleich zu einer aufsehenerregenden Gewaltaktion: Ich meine die Sprengung eines alten hölzernen und eines noch im Bau befindlichen zweiten Sendeturms in Berlin-Tegel, über die das deutsch-russische Programm des ersten deutschen Rundfunksenders nach dem Krieg ausgestrahlt wurde. Die von dem zuständigen französischen Garnisonschef General Jean Ganeval befohlene Sprengung erschien den Westalliierten als Mittel, die Russen endgültig aus der Rundfunkhausenklave im britischen Sektor zu vertreiben. Objektiv gesehen, war die (…) Militäraktion am 16. Dezember 1948 auf einem der Höhepunkte des Kalten Kriegs ein riskanter Gewaltakt. Angeblich standen die Funkmasten Flugzeugen im Wege. Dass die Sendetürme auf dem Gelände des in Rekordzeit errichteten dritten Berliner Luftbrückenairports den Luftverkehr gefährdeten, wollten aber schon damals selbst der Sympathie mit den Russen unverdächtige Chronisten kaum glauben. (…) So notierte der aus der US-Emigration (…) nach Deutschland zurückgekehrte Journalist Curt Riess in seinem Reportageband »Berlin, Berlin«: »Jetzt war dieser Flugplatz fertig, aber die Sendetürme störten die einfliegenden Flugzeuge. Vielleicht störten sie auch nicht, das war Ansichtssache. General Ganeval war jedenfalls der Ansicht, dass sie störten.« Doch der Berliner Rundfunk war weiter im Äther. Mitarbeitern der östlichen Deutschen Post gelang es binnen Stunden, einen kleineren Sender in Potsdam-Golm auf die genutzte Mittelwellenfrequenz umzustimmen. Mit voller 100-Kilowatt-Leistung und über einen 240 Meter hohen Funkmast ging dann der alte Tegeler Sender (…) im März 1949 am neuen, aber rundfunkgeschichtlich traditionsreichen Standort Königs Wusterhausen wieder in Betrieb. Er wurde später als technisches Denkmal in die Zentrale Denkmalliste der DDR aufgenommen.

Thomas Knauf-Lapatzki, Berlin

Sicherheit verloren

Zu jW vom 6.5.: »Eine neue Heimat«

Mein Großvater mütterlicherseits hieß Paul Süßmilch und war bis 1942 Brennstoffhändler in Chemnitz. Mit dem »gelben Stern« versehen, wurde er mit seinen drei Brüdern nach Buchenwald deportiert und verschwand schließlich im KZ Theresienstadt auf Nimmerwiedersehen. (…) Der Großvater väterlicherseits stammte aus Lugknitz (heute Leknica) in Niederschlesien. Sein Name war Paul Fetzko. Er war Sorbe und musste mit meinem späteren Vater die Heimat verlassen, um sich in Chemnitz anzusiedeln. Vor der Hitler-Ära war Großvater bereits organisierter Kommunist. Dafür büßte er in nazistischen Zuchthäusern und später sogar in Auschwitz. 1944 brauchten die Faschisten neues »Kanonenfutter«. Es ging per Strafbataillon an die Ostfront zum Minenräumen. Die erste Gelegenheit zur Desertion wurde genutzt. Im Hinterland der Roten Armee trat man dem »Nationalkomitee Freies Deutschland« bei und übernahm nach dem Sieg der Antihitlerkoalition Funktionen in den bewaffneten Organen. Die DDR, unser friedfertiges Heimatland, wurde gegründet. Was dann nach der Konterrevolution so alles passiert ist, haben wir täglich in den Medien gesehen. Dieses Deutschland gehört zu den Kriegstreibern (…)! Die Sicherheit der Einwohner ist nicht mehr gewährleistet! Gegenüber Russland wird ein paranoider Hass aufgebaut, während man sich an »Schurkenstaaten« anlehnt. In dieser Bundesrepublik darf ich ungestraft als »Judenschwein« und »Drecksjude« bezeichnet werden. (…) Ich war der letzte DDR-Staatsförster von Karl-Marx-Stadt und jahrzehntelang Kreisnaturschutzbeauftragter. Meine Naturschutzstation wurde angezündet und ich selbst als Brandstifter verleumdet! (…) Herr Dr. Felix Klein ist der Antisemitismusbeauftragte unserer Regierung. Ihn schrieb ich zweimal an und bat um Hilfe. Er hielt eine Antwort nicht für nötig. (…) Kameradschaftliche Unterstützung erhielt ich vom Leitungsgremium der GRH e. V. und dem Verband zur Pflege der Traditionen der NVA und GT der DDR e. V.

Karl-Peter Füßlein, Böhmerheide

Verpasste Kritik

Zu jW vom 12.5.: »Tesla drängt auf Baustart«

Warum übernimmt jW diese tendenziöse Agenturmeldung? Warum keine Fakten über die Auswirkungen des Baustarts auf das Ökosystem (…)? Darüber, dass eine Industrielandschaft (…) auf einem Trinkwasserschutzgebiet mitten im Wald errichtet werden soll (…)? Interessieren jW keine Fakten zum Zustandekommen des Deals zwischen Politik und Tesla? Warum hinterfragt jW nicht das Ergebnis der Umweltverträglichkeitsprüfung (…)? Wie nennt man es, wenn geltendes Recht umgangen wird, um unumkehrbare Tatsachen zu schaffen? Unverständlich das Desinteresse, wo sich doch am Beispiel Tesla Grünheide die unrechtmäßige Aneignung von Natur und ihre klimapolitische Kontraproduktivität als ein Schulbeispiel für Kapitalismuskritik darstellen ließen.

Hans-Joachim Boerner, per E-Mail

Wohnraum zurückerwerben

Zu jW vom 15.5.: »Deutsche Wohnen steigert Profite«

Es sei daran erinnert, dass das seinerzeitige Verschleudern riesiger kommunaler Wohnungsbestände durch den damaligen SPD-PDS-Senat das heutige Wohnungsdesaster in Berlin erst verursacht hat. Die Korrektur dieser bürgerfeindlichen Politik müsste daher darin bestehen, die Gewinne aus privaten und kommerziellen Wohnungsbeständen nach zunehmender Größe progressiv zu besteuern, um so die weitere Bildung von Oligopolen bzw. Monopolen auf dem Immobilienmarkt zu unterbinden, die Spekulationen mit Immobilien unattraktiver zu machen, dadurch eine degressive Aktienkursentwicklung zu beschleunigen, um dann schließlich die Wohnungsbestände zurückzuerwerben (…). Die unersättliche Gier von Gangstersyndikaten lässt sich nicht stoppen mit Appellen und Selbstverpflichtungen, sondern nur dadurch, dass man sie monetär trockenlegt.

Reinhard Hopp, per E-Mail

Die unersättliche Gier von Gangstersyndikaten lässt sich nicht stoppen mit Appellen und Selbstverpflichtungen, sondern nur dadurch, dass man sie monetär trockenlegt.

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.