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Aus: Ausgabe vom 16.05.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Tränen auf den billigen Plätzen

Von Michael Bittner
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Ich stehe am Hafen der kleinen Stadt am Ufer der Müritz. Würde ich den Landkarten glauben, dann sähe ich vor mir nur einen ungewöhnlich großen See. Aber ich rieche den Duft des Meeres, höre den Sturm brausen und sehe die Wellen ungeduldig ans Land schlagen. Kein Zweifel: Die Müritz ist ein verirrter Teil des Ozeans, der sich nach Hause sehnt. Es muss sich so zugetragen haben: Als Gott die Welt schuf und das Wasser übers Erdenrund verteilte, da rutschte ihm ein Tropfen zwischen den allmächtigen Fingern hindurch, platschte aufs flache Land und ward zum kleinen Meer Mecklenburgs. Diese Sage erzählen sich die Einheimischen nicht. Sie sollten es aber tun.

Der Wind bläst mir Nieselregen ins Gesicht, die Kälte kriecht mir durch die Kleider. Die Möwen in ihrem makellos weißen Federkleid blicken mich an mit mildem Spott. Die Kneipen und Restaurants hier an der Uferpromenade haben jetzt im November geschlossen und bieten keinen Unterschlupf. Ich laufe zurück in die Altstadt. Aber selbst durch die schmalen Gassen fegt der Sturm. Neben der großen Backsteinkirche entdecke ich ein Schild: »Deutsches Requiem« von Johannes Brahms, 17 Uhr. Das ist in einer Stunde. Soll ich vielleicht bei diesem Konzert Schutz suchen? Als eingefleischter Heide fühle ich mich in Kirchen immer ein wenig fehl am Platze. Ich gehöre da nun einmal nicht hin, so wenig wie ein Vegetarier in eine Fleischerei oder ein Nazi ins Parlament. Aber es ist scheußlich kalt an diesem Abend draußen in der profanen Welt.

Ich betrete das Gotteshaus. In einem zugigen Gang hat sich vor dem Einlass schon eine Schlange gebildet, ich reihe mich hinten ein. Als ich endlich an der Kasse stehe, überfordert mich die alte Dame hinterm Tischchen mit der Frage, für welche der drei Preiskategorien ich denn eine Karte kaufen wolle. Es herrscht also eine Dreiklassengesellschaft in dieser Kirche? Heißt es denn nicht, vor Gott seien alle Menschen gleich? Erhöhe ich etwa die Chancen auf mein Seelenheil, wenn ich ein Ticket für die erste Klasse erwerbe? Ich eröffne schließlich keine Grundsatzdiskussion, sondern kaufe einfach die billigste Karte.

»Setzen Sie sich dann bitte auf einen der Plätze, die mit einem roten Punkt markiert sind!«, sagte die alte Dame und reicht mir einen Programmzettel.

Ein älterer Herr drückt mir dazu noch einen Plan der Kirche in die Hand. Ich entscheide mich nach kurzem Studium für die Empore. Das mache ich bei Gottesdiensten, an denen ich teilnehmen muss, meistens so. Nicht weil ich oben dem Himmel näher bin, sondern weil ich mich dort im Abseits nicht so unter Beobachtung der Gläubigen fühle. Die hintersten beiden Sitzreihen auf der Empore sind mit roten Klebepunkten markiert. Die erste Klasse ganz vorn ist gelb, die zweite grün. Die Kirchenbänke füllen sich schnell, zusätzliche Stühle werden aufgestellt. Es ist ein seltsam zusammengesetztes Publikum: Da sind distinguierte Musikfreunde, die offenbar eigens zum Konzert angereist sind und sich schick gemacht haben, daneben aber auch Einheimische in Alltagskluft. Im Programmzettel finde ich die Erklärung: Während die Musiker aus einem professionellen Staatsorchester kommen, singen im Chor Menschen aus der Gegend. Vater und Sohn, die links neben mir sitzen, sind also wohl hier, um der Mutti bei ihrem bislang größten Auftritt zu lauschen.

Die Musiker und der Chor ziehen in die Kirche ein. Vom Orchester und dem Dirigenten sehe ich von meinem billigen Platz aus nichts. Aber immerhin habe ich den Chor im Blick, der ganz vorn beim Altar auf einem mehrstufigen Gerüst Stellung bezieht. Es scheint irgendeine technische Panne zu geben, die den Beginn verzögert. Ratlos schauen sich die Musiker und Sänger an. Ich blättere in der Zwischenzeit ein wenig im Programmheft und erfahre, dass Johannes Brahms viele Jahre an seinem Requiem schrieb, einer Komposition, mit der er auch den schmerzlichen Verlust geliebter Menschen verarbeitete. Ich kenne das Werk bislang nicht, erinnere mich nur, dass mein Freund Max mir einmal erzählte, er habe bei der Aufführung in der Schwarzenberger Schlosskirche geheult, als wäre er der Hund des Schlosses. Was für ein Weichei!

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Endlich beginnt das Requiem, der Chor setzt ein. »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.« O Scheiße. Das Ganze dauert noch keine Minute und ich verspüre den unbändigen Drang, auf der Stelle loszuweinen. Ich schließe erst einmal die Augen und simuliere den ekstatischen Enthusiasten, der Musik nur mit zugedrückten Gucklöchern genießen kann. Aber da ist es schon passiert: Die erste Träne hat sich aus dem rechten Augenwinkel gestohlen und kullert nun langsam die Wange herunter. Ich blinzle vorsichtig: Hat es der kleine Junge links von mir gesehen? Oder die Rentner rechts von mir? Nein, es scheint nicht so. Schnell wieder die Augen zu. Wenn man doch nur weghören könnte von dieser Musik, die einem direkt in Herz und Knochen fährt. Was ist denn das jetzt? So eine Art zweiter Teil, oder was? »Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.« Ich halt’s nicht mehr aus, es macht mich fertig. Aber ich kann jetzt doch nicht aus der Kirche rennen. Das hat man nun davon, wenn man Gott erst spottet und sich dann selbst zu einer Party bei ihm zuhause einlädt. Ich ziehe mein Taschentuch aus der Hose und tue so, als ob ich mich schneuzen müsste, damit ich mir unauffällig das Wasser aus dem Gesicht wischen kann.

Das Weinen und ich, wir haben eine ganz besondere Geschichte. Als Kind heulte ich oft. Wenn mich eine Wespe stach zum Beispiel oder ich bei der Aufführung des Kindertheaters in meiner Rolle als siebter Zwerg den Text vergessen hatte. Das letzte Mal schluchzte ich so richtig, nachdem meine Katze Miezi drei auf der Straße von einem Auto überrollt worden war. In meiner Jugend gewöhnte ich mir aber das Weinen ganz ab, weil ich das Gefühl hatte, die Mädchen fänden solche Weichheit bei Jungs nicht besonders attraktiv. Das ist natürlich sexistischer Unsinn: Alle Welt weiß, dass Frauen nichts mehr erregt als Männer, die zu ihren Gefühlen stehen und ihre Schwächen zeigen. In jungen Jahren war mir diese Einsicht aber noch verschlossen. Und einmal versiegt, wollten die Tränen partout nicht mehr strömen. Ich war ausgetrocknet wie der Aralsee. Doch mit wachsendem Alter kehrt in letzter Zeit die Sentimentalität zurück. Liegt es daran, dass einem die Endlichkeit des Daseins immer öfter persönlich auf den Leib rückt? Was singt der Chor da gerade? »Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss.« In den letzten Jahren hat mich immer öfter die Weinlust überfallen, aus heiterem Himmel und bei nichtigsten Anlässen. Der Anblick von spielenden, kleinen Kindern, ein historischer Fernsehbericht über die erzwungene Schließung der letzten Seniorendiskothek in Berlin 1996, ein Internetvideo von der Rettung eines misshandelten Pferdes aus einer Scheune in Kentucky, das langsam wieder Vertrauen zu den Menschen fasst – ganz egal: Es prickelt hinter der Stirn, der Magen krampft und die salzigen Tropfen stürzen aus den Augen. Was für ein Leichtsinn war das von mir, mich in diesem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit in so ein Requiem zu wagen!

Gibt es denn nicht irgendetwas in dieser Kirche, mit dem ich mich ablenken könnte? Ach, Gott sei Dank, der kleine Junge neben mir fängt an, unruhig auf seinem Stuhl hin- und herzurutschen und seinen Vater zu fragen, wann es denn endlich vorbei ist. Auch wenn die Mutti mitsingt, so ein Requiem ist eben fürchterlich langweilig, wenn man ein Kind ist und vom Tod noch nichts weiß. »Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr!« Das sollten sie jetzt besser nicht singen, der Kleine sehnt sich ja so nur noch mehr zurück in sein Zimmer. Jetzt fängt er schon an, mit seinem Stuhl auf der Stelle zu hüpfen. Wie lange wird das gutgehen? Der Musikgenießer im Anzug eine Reihe weiter hinten fühlt sich schon gestört. »Kannst du bitte damit aufhören!«, brüllt er von hinten auf das Kind ein, dann wendet er sich an den Vater. »Können Sie ihm bitte sagen, dass er damit aufhören soll?! Hier haben Menschen viel Geld bezahlt, um ungestört diese Musik zu hören!« Augenblicklich ist das Kind still, der Vater vor Schreck auch. Jesus im Himmel, was war denn das? Ob es irgendein anderes Volk auf der Welt gibt, das so mit seinen Kindern redet? Immerhin habe ich dank des Musikspießers jetzt meinen sentimentalen Anfall überstanden. Wenn auf eins Verlass ist, dann darauf, dass ein dummer Deutscher noch die rührendste Stunde zur Farce macht.

Auf dem Weg zurück zum Hotel komme ich an einer touristischen Landkarte am Straßenrand vorbei und bleibe stehen. Ich hätte es wissen können. Sieht die Müritz nicht aus wie eine große Träne? Es war also doch alles ganz anders: Offenbar hat Gott eben hier einmal die Traurigkeit übermannt beim Anblick seiner eigenen Schöpfung, gewiss nicht zufällig über Deutschland.

Im Hotelbett stöpsele ich mir die Kopfhörer in die Ohren und mache mir noch einmal das »Deutsche Requiem« an. Während ich lausche, heule ich einfach ein bisschen vor mich hin. Was für einen Spaß das macht! »Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?«

Michael Bittner, Jahrgang 1980, ist Schriftsteller und Satiriker. Er lebt in Berlin. Mit Maik Martschinkowsky betreibt er die satirische Presseschau »Phrase und Antwort«.

michaelbittner.info

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