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Aus: Ausgabe vom 15.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Wiglaf Droste

So gehts weiter, sagte er

Die ganze Wahrheit über Wiglaf Droste. Ausgepackt zum ersten Todestag
Von Franz Dobler
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Er hatte ein paar Schwächen, aber zum Beispiel auch ein »Zeichnerhandbuch« – Skizze von Wiglaf Droste für F. W. Bernstein, 1993

Für unsere Kinder

Der Autor, Journalist, Sänger und langjährige junge Welt-Kolumnist Wiglaf Droste starb am 15. Mai vor einem Jahr, wenige Wochen vor seinem 58. Geburtstag. Ich sage zuerst das, was jetzt wohl viele seiner Freunde und Fans sagen: Ich muss oft an ihn denken, ich würde mich besser fühlen, wenn er noch unter uns wäre, und ich kann nicht glauben, dass er schon ein Jahr tot sein soll.

Dabei waren wir nicht immer einer Meinung. Wir konnten auch über scheinbar unwichtige Sachen heftig diskutieren. Eine Anekdote, an die ich mich in diesen Tagen oft erinnere: Als er sich einmal zu der Ansicht verstieg, die Jogginghose wäre »die Kapitulation der Zivilisation«, und, als er in eine reingestiegen war, sogar behauptete, »der letzte Eisbär auf einer schmelzenden Eisscholle hätte sich nicht einsamer und unglücklicher fühlen können«, wollte ich das nicht unterschreiben. Was mir Wiglaf allerdings nicht übel nahm. Ja, er war großzügig und nicht immer nachtragend.

Invektive Querdenker

Auch ein etwas weniger harmloser Twist trieb nur kurz einen Keil zwischen uns. Für seinen kleinen Roman »Schalldämpfer«, den er selbst als »Eine Revue« sah, erfand er das »Kommando Leise Welt«, eine mit ihm siebenköpfige Männertruppe, die mit nicht immer feinen Methoden gegen die laute Welt kämpft, natürlich mit Schalldämpfern. Schon am Anfang charakterisierte er mich äußerst verzerrend: »Franz, unserem besten Schützen, gefiel das gar nicht. Franz fand Schalldämpfer scheiße und maximal den halben Spaß. Er arbeitete lieber mit einer Abgesägten.« Meinen Protest, dass ich Schalldämpfer keineswegs prinzipiell »scheiße« finde, glaubte Wiglaf mit dem abgenutzten Begriff von der künstlerischen Freiheit wegwischen zu können. Da war ich eine Weile doch etwas sauer auf ihn. Ja, er hatte auch ein paar Schwächen.

Es machte mich zuerst nicht nachdenklich, dass mir jetzt ständig solche Erinnerungen durch den Kopf schießen – bis mir auffiel, dass es doch außergewöhnlich viele und präzise Erinnerungen sind, von denen ich, und da bin ich sicher nicht allein damit, den Eindruck habe, dass sie ganz direkt und heute zu mir sprechen.

So schrieb Wiglaf Droste schon 2015 den Besinnungsaufsatz »Nie mehr Frieden mit Xavier Naidoo«. Übrigens mit einer Zurückhaltung, die ihm viele immer wieder absprechen wollten: »Dass Dumme und/oder Gemeine sich mit Xavier Naidoo gemein machen, wundert nicht; nur muss man eben kein Recht auf Meinungs- und Auftrittsfreiheit für ihn erstreiten; beide stehen ihm wie jedem zu, und er kann seinen Quark auch bei den kaiserreichstreuen Irrsinnigen von den ›Reichsbürgern‹ breittreten.«

Ebenfalls im letzten Buch, das zu seinen Lebzeiten erschien, »Kalte Duschen, warmer Regen«, konnte ich den Beleg finden, dass Droste längst vor diesen »Querdenkern« gewarnt hatte, die nun seit Wochen von allen politischen Seiten angreifen. Als er für eine vorweihnachtliche »Querdenker gesucht«-Kampagne von den ihm »nicht gänzlich unsympathischen Greenpeace-Aktivisten« angegangen wurde, notierte er: »›Querdenker‹ ist eine Bezeichnung für Menschen, die daran gewöhnt sind, mit ihrem eigenen Kopf zu denken und nicht konformistisch mit den anderen Kindern herumzublöken, und die für diese Selbstverständlichkeit aber bitte nicht mit der Invektive Querdenker belegt werden wollen.« Er blieb selten so ruhig wie in diesem Fall, wenn er mit dieser »mündlichen oder schriftlichen Äußerung von absichtlich beleidigendem Charakter« in diesem Topf landen sollte. Ja, er konnte auch über seinen Schatten springen.

Genau dieser Song

Ich bin kein besonders schreckhafter Mensch, finde es aber fast erschreckend, dass der Mann aus Westfalen in der Vergangenheit häufig etwas beschrieb, das in unserer Gegenwart sozusagen aus dem Lautsprecher kommt. Mir wäre wohler, wenn ich behaupten könnte, das liege nur an den Drogen, die wir viel zu oft im Übermaß genommen haben bzw. nehmen.

Als im Januar 2017 der Begriff »Volksverräter« zum »Unwort des Jahres« gekürt wurde, schrieb er im Artikel »Volksverräter? Aber ja doch« dies: Wenn eine AfD-Politikerin »›das Völkische‹ als ›wertfreie‹ Kategorie re-etablieren will, obwohl es dem Wesen nach aggressiv antisemitisch, brandsatzgefährlich nationalistisch und vielfaltsfeindselig ist, bin ich mit allen Freuden der Vernunft und der Empathie gerne das, was als ›Verräter‹ stigmatisiert wird«, und »so verhält es sich auch mit dem ›Wir-sind-das-Volk!‹-Volk« – das offensichtlich nur Atem geholt hat, als wir bis vor kurzem noch dachten, es würde jetzt die Klappe vielleicht mal etwas weniger weit aufreißen. Ja, er schlug zu, wenn es sein musste.

Als er mir dann vor wenigen Nächten im Traum erschien, erschrak ich nicht, sondern hatte unbewusst damit gerechnet. Ich träume so viel und heftig, dass ich das Interpretieren aufgegeben habe. Dieser Traum war klarer als die Realität. Wir sahen uns, auf einem roten Sofa sitzend, vollkommen allein auf einem leeren Platz vor einer Kirche, vor der eine große Leinwand aufgebaut war, den neuen Song von Danny Dziuk an, »Der strahlend blaue Himmel dieser Tage«, den er in echt soeben auf Youtube veröffentlicht hat. Danny selbst hat dazu die Befürchtung geäußert, es handle sich dabei um »noch’n Coronasong«, den »die Welt jetzt ganz sicher braucht«. Wiglaf und ich waren uns sofort einig, dass der Song von viel mehr als nur diesem Virus erzählt und Danny ein großer Poet und Songster ist, der aus allem alles machen kann. Die beiden haben einige Songs zusammen geschrieben und gesungen. »So geht’s weiter«, sagte Wiglaf. Stand auf, ging davon. Als ich ihm nachrief, er solle doch mal kurz warten, winkte er, ohne sich umzudrehen. Erst später erkannte ich, was er beim Weggehen gesummt hatte: »I won’t back down«.

Und dass es genau dieser Song war, passte zu einigen Spuren, die ich zwar schon lange kannte, aber erst jetzt verstand. So lauten die Zeilen, die seinem letzten Gedichtband »Tisch und Bett«, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte, vorangestellt sind: »Das Leben macht immer, was es will. Manchmal scheint es bereit, sich zum Guten zu fügen. Aber auch damit kann man sich immer betrügen. Ich will nicht maulen und bin jetzt mal still.« Und noch deutlicher, obwohl ich nicht weiß, was genau es bedeutet, scheint mir das Gedicht »An einen alten Freund«, das in dieser Zeitung am Tag nach seinem Tod erschien: »You are the Joker / I am the Joke«. Ja, er hat nicht immer alles erklärt.

Das sind die nackten Fakten: Da waren viele Männer, die weniger sagten und weniger über die Zeit, die nach ihnen kam. Und doch werden sie Propheten genannt.

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