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Aus: Ausgabe vom 15.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Das Wesentliche herausschälen

Joan As Police Woman präsentieren kreative Coverversionen
Von Frank Schwarzberg
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Müde und weltmüde: Die Musikerin Joan Wasser

Auf der letzten Tour von Joan As Police Woman, das wunderbare Album »Damned Devotion« war frisch draußen, gab Drummer Parker Kindred in der Zugabe den Takt vor, mit dem Löffel an einem Glas. Es entfaltete sich eine Zelebration des Songs »Kiss« von Prince, die Band um Joan Wasser erfand das Lied quasi neu. Die Zeile »I just want your extra time« wurde musikalisch übersetzt und konnte in all ihrer Sinnlichkeit erfahren werden. Auf »Cover Two« – ihrem neuen, siebten Album und dem zweiten mit Coverversionen (das erste erschien vor elf Jahren) – ist diese Interpretation der erste Song. Es folgt »Spread« von Outkast, mit Sprechgesang von Meshell Ndegeocello: Wasser unterlegt Beatbox-Drums, und Kindred perkussioniert live drüber; diese Herangehensweise charakterisierte schon die rhythmusbetonten Songs von »Damned Devotion«.

Das Songmaterial für »Cover Two« kommt von so diversen Quellen wie Blur (»Out Of Time«, ganz exquisit; nach eigener Aussage deshalb gewählt, weil sie beim Hören jedes Mal weinen muss), The Strokes (»Under Control« als R&B-Song), und Talk Talk (»Life’s What You Make It«).

Auch dabei ist Neil Youngs »On The Beach« von 1974, der Titelsong eines seiner stärksten Alben. Die existentielle Verlorenheit des Protagonisten spürt man im reduzierten Piano-Arrangement. Müde und weltmüde singt sie den verhallenden Tastenanschlägen hinterher. »Er ist voller Geister«, sagt sie über diesen Track. Ebenfalls dabei und neu anverwandelt: Material von Cass McCombs, Michael Macdonald, Gil-Scott Heron (sein Sprechgesangsstück »Running« wurde von ihr um Akkorde und Melodie erweitert; praktisch ein neuer Song) und sogar etwas aus dem »Grease«-Soundtrack. »There Are Worse Things I Could Do« heißt dieser Song, der nicht spezifisch für den Schmachtschinken von 1978 geschrieben wurde. Hier klingt er eher nach den 50ern: Doo-Wop, Hall, sich überlagernde Gesangsstimmen.

Wasser spürt den Originalen nach, und dem, was sie bei ihr auslösen: Sie bewohnt diese Lieder. »Warum genau liebe ich diesen Song?« fragt sie sich, bevor ihr Gesang und die neuen Arrangements das für sie Wesentliche der Vorlagen herausschälen, Neues kreieren, neugierig auf die Originale machen. Gelebter, kreativer Respekt.

Joan singt dazu so, wie nur sie es kann: Ihre Stimme transportiert Erfahrung, sinnliche Neugier und schamfreie Nichtachtung von Grenzen. Die coronabedingt abgesagten Liveaufführungen dieser Songs im Mai und Juni hätte man sich nicht entgehen lassen dürfen, es wäre ein Ereignis geworden. Das wird es auch im Herbst oder nächstes Jahr noch sein. Das Album hingegen, auf dem Wasser ganz versunken nur für sich und uns singt und spielt, ist bis dahin mehr als ein Trostpflaster, viel mehr.

Joan As Police Woman: »Cover Two« (PIAS/Sweet Police)

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