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Aus: Ausgabe vom 15.05.2020, Seite 12 / Thema
Philosophie und Aufstand

Theorie der Rebellion

Wie kommt es zu sozialen Aufständen? Eine neu übersetzte Ausgabe von Thomas Hobbes’ Frühschrift »Elements of Law, Nature and Politic« gibt Aufschluss
Von Alfred J. Noll
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Wie sich Unzufriedenheit über die sozialen Verhältnisse Bahn brechen kann, zeigt das Paradebeispiel der Pariser Commune. Straßenblockade an der Ecke Place de l’Hôtel-de-Ville und Rue de Rivoli (April 1871)

Thomas Hobbes (1588–1679) ist bekannt als Theoretiker des Gesellschaftsvertrages und der Staatsentstehung. Weniger oft kommt ins Blickfeld, dass er sich auch Gedanken darüber machte, wie der bestehende Staat zerstört oder zumindest in Gefahr gebracht werden könnte. Zwar kann Hobbes nicht mit Klassikern der Aufstandsliteratur wie etwa »Instruktionen für den Aufstand« von Auguste Blanqui (1805–1881) oder der »Theorie des Aufstands« von Emilio Lussu (1890–1975) verglichen werden; und selbstverständlich ist Hobbes kein Theoretiker des Aufstandes in einem affirmativen Sinne. Vielmehr ist er ein sensibler Gefahrenerkenner im Dienste absoluter Herrschaft des Souveräns. Dennoch können wir bei diesem Materialisten des 17. Jahrhunderts Gesichtspunkte identifizieren, die für jede Form erfolgreicher sozialer Widerständigkeit bedeutungsvoll sind. Zeigt uns ausgerechnet Hobbes den Weg, wie sich Gegenwehr und Aufstand entwickeln lassen?

Zum Aufstand geneigt

Hobbes versucht bereits in seiner ersten politischen Schrift, den ab 1640 als Manuskript zirkulierenden »Elements of Law, Natural and Politic«, zu ermitteln, welche Gründe die Menschen zum Aufruhr neigen lassen.¹ Seiner Ansicht nach wirken drei Dinge zusammen: Unzufriedenheit, eine Vortäuschung von Recht und die Hoffnung auf Erfolg.

Solange sich ein Mensch wohl fühlt, und solange er nicht das Gefühl hat, dass ihm die jetzige Regierung im Weg steht, um vom guten zum besseren Leben voranzuschreiten, wird er kaum ihren Wechsel herbeizuwünschen. Mag ein Mensch auch unzufrieden sein, so wird er es dennoch niemals zeigen, wenn seiner Ansicht nach keine berechtigte Ursache besteht, sich dagegen zu regen oder sich der bestehenden Regierung zu widersetzen, und er auch keinen Vorwand findet, seinen Widerstand zu rechtfertigen oder sich nach Hilfe umzusehen. Aber auch bei einem berechtigten Anlass wäre es Wahnsinn, es ohne Hoffnung auf Erfolg zu versuchen, wenn ein Scheitern bedeuten würde, den Tod des Hochverräters zu sterben. Ohne diese drei Aspekte Unzufriedenheit, Täuschung und Hoffnung kann es Hobbes zufolge keine Rebellion, keinen Aufstand und auch keinen Widerstand gegen die bestehende Regierungsordnung geben. Kommen diese drei Dinge aber zusammen, dann braucht es nach Hobbes nur noch einen Mann von Ansehen, der die Fahne hisst und die Trompete bläst – und der Aufruhr wird zur Bedrohung der herrschenden Staatlichkeit. Werfen wir einen genaueren Blick auf die von ihm benannten Voraussetzungen.

Unzufriedenheit

Hobbes unterscheidet zweierlei Arten der Unzufriedenheit: gegenwärtiger und zu erwartender körperlicher Schmerz (eine »Schwierigkeit des Geistes«). Die Gegenwart von körperlichem Schmerz mache generell nicht zum Aufruhr geneigt; die Furcht davor aber tut es. Hobbes bringt Beispiele: Die Furcht vor einem Mangel oder, ist der Mangel schon da, die Furcht vor Verhaftung und Einkerkerung würden zur Rebellion verleiten. Große Steuereintreibungen hätten daher, auch wenn das Recht dazu grundsätzlich anerkannt war, oftmals großen Aufruhr verursacht; so die Aufstände der Walliser in Cornwall, die sich unter Heinrich VII. (1457–1509) weigerten, Hilfsgelder zu bezahlen, und unter der Leitung von Lord Audley dem König die Schlacht von Blackheath (1497) lieferten; oder die sogenannte Yorkshire Rebellion von 1489, die wegen der Forderung von Hilfsgeldern, die vom Parlament bewilligt wurden, ausbrach, und in deren Verlauf Henry Percy, der 4. Earl of Northumberland, von Aufständischen in seinem Haus ermordet wurde.

Eine ganz andere Art von Unzufriedenheit, die denjenigen Schwierigkeiten bereitet, die ansonsten ein bequemes Leben ohne Furcht vor Mangel, Gefahr oder Gewalt führen, erwachse aus einem Gefühl ihres Mangels an derjenigen Macht, Ehre und Anerkennung, von der sie vermeinen, dass sie ihnen gebühre. Hobbes Anthropologie wird hier sichtbar: Denn alles Freud und Leid des Geistes besteht nach Hobbes im Kampf der Menschen um Vorrang gegenüber denen, mit denen sie sich vergleichen; solche Menschen müssen sich notwendig beleidigt fühlen durch einen Zustand, in dem sie jenen an Ehre nachgesetzt werden, denen sie sich an Tugend und an der Fähigkeit zu regieren überlegen fühlen. Und sie denken daher, nur für Sklaven gehalten zu werden. Die erste Sache, die zur Rebellion geneigt macht, ist also Unzufriedenheit, die aus Furcht und Ehrgeiz besteht. Ohne Unzufriedenheit kein Aufruhr, ohne Ehrgeiz kein Aufstand.

Vortäuschung von Recht

Herrscht Unzufriedenheit im Land, dann muss es deswegen aber noch nicht zum Aufruhr kommen. Weiteres muss hinzutreten: Die zweite Sache, die zur Rebellion geneigt macht, ist nach Hobbes die Vortäuschung von Recht. Was versteht er darunter?

Rechtsvortäuschung liegt nach Hobbes dann vor, wenn Menschen die Ansicht vertreten, dass sie in gewissen Fällen dem Inhaber der herrschenden Gewalt gegenüber rechtmäßig Widerstand leisten oder ihn der Mittel, die Gewalt auszuüben, berauben dürften. Mit anderen Worten: Dem Souverän wird vorgehalten, dass seine Souveränität des Rechts entbehre zu herrschen: Er wird delegitimiert. Hobbes sieht sechs spezielle Fälle einer solchen den Widerstand begründenden Rechtsvortäuschung:

1. Wenn ein Befehl des Souveräns gegen das eigene Gewissen geht, glaubt man, es sei für einen Untertanen unrechtmäßig, entgegen seinem Gewissen auf Befehl zu handeln oder eine Tat zu unterlassen, deren Unterlassung man für widerrechtlich hält. 2. Wenn ein Befehl des Souveräns den Gesetzen zuwiderläuft, dann denkt man, die herrschende Gewalt sei ebenso ihren eigenen Gesetzen unterworfen, wie es der Untertan ist, und wenn der Souverän seiner Verpflichtung dem Recht gegenüber nicht nachkommt, dann dürften sie seiner Macht Widerstand entgegensetzen. 3. Wenn von jemandem ein Befehl ergeht und von einem anderen ein »Supersedeas« (Aufschub eines Urteils oder Befehls), glaubt man, ihre Autorität sei die gleiche, ganz als ob die herrschende Gewalt geteilt wäre. 4. Wenn befohlen wird, sich oder sein Geld dem öffentlichen Dienst zur Verfügung zu stellen, dann ist man überzeugt, unabhängig von der Oberherrschaft der souveränen Macht Eigentum daran zu haben und deshalb nicht daran gebunden zu sein, sein Vermögen oder seinen Dienst in größerem Maß, als es jeder Mensch für sich selbst passend findet, beizusteuern. 5. Wenn ein Befehl schmerzlich erscheint, denkt man, dass die Meinung und das Gefühl des Volkes der eigenen Ansicht entspricht, wobei man als Volk irgendeine Menge der eigenen Parteiung anführt. 6. Wenn ein Befehl grausam ist, hält man den Befehlenden für einen Tyrannen und den Tyrannenmord nicht nur für rechtmäßig, sondern auch für lobenswert.

Diese sechs Ursachen der Rechtsvortäuschung versucht Hobbes der Reihe nach zu widerlegen, um die Legitimität eines absoluten Souveräns zu begründen. Wenn freilich Teile des Volkes an diese Legitimität nicht mehr glauben und eigene Vorstellungen dessen entwickeln würden, was Recht sei, dann sei ein weiterer Baustein für Rebellion vorhanden.

Hoffnung auf Erfolg

Neben der Unzufriedenheit und der Vortäuschung von Recht, welche einen Menschen zur Rebellion geneigt machen, bedürfe es an dritter Stelle der Hoffnung auf Erfolg, die aus vier Punkten besteht: Dass die Unzufriedenen die gleiche Haltung hätten; dass sie in genügender Anzahl vorhanden seien; dass sie Waffen hätten; und dass sie sich auf ein Haupt einigten. Denn diese vier Dinge müssten zusammentreffen, um einen einheitlichen »Rebellionskörper« zu schaffen, in dem gemäß der bei Hobbes beliebten Analogie zum menschlichen Körper eine gemeinsame Haltung sein Leben, die Menge der Leute seine Glieder, die Waffen seine Stärke, und ein Kopf die Einigkeit ist, durch die sie zu ein und derselben Tat geführt werden.

Die Urheber einer Rebellion, die Menschen also, die in anderen die Geneigtheit zum Aufstand hervorrufen, müssten notwendigerweise über drei Qualitäten verfügen: Sie müssten erstens selbst unzufrieden sein; sie müssten zweitens beredt oder gute Redner sein; und sie müssten drittens – so fügt Hobbes sarkastisch und abwertend hinzu – Menschen von erbärmlichem Urteils- und Aufnahmevermögen sein.

Hobbes bringt den römischen Politiker Catilina als Beispiel und zitiert den Geschichtsschreiber Sallust, demzufolge Catilina über »Eloquentiae satis, sapientiae parum« verfügt hätte, also zwar über ausreichende Beredsamkeit, nicht aber über genug Weisheit. Eben die Verbindung dieser zwei Eigenschaften machten Catilina, der im Jahr 63 v. u. Z. versuchte, die Macht in der Römischen Republik an sich zu reißen, aufrührerisch.

Weisheit bestehe in Wissen, aber es gebe, erläutert Hobbes, zwei Arten von Wissen: einerseits die Erfahrung (die Erinnerung an solche Dinge, die wir durch unsere Sinne aufgenommen haben) und die daraus gewonnene Klugheit (die Fähigkeit, von der Gegenwart aus zu schlussfolgern, was vergangen ist und was zukünftig sein wird), woraus Hobbes schließt, dass der Urheber eines Aufruhrs, wer auch immer es sein mag, nicht klug sein dürfe. Denn würde er darüber nachdenken, müsste er darauf stoßen, dass auf einen Mann, der durch Widerstand oder gar Aufstand sich selbst zu Ehren bringt, zwanzig kommen, die schändlich enden. Es sei eben unklug, auf etwas zu setzen, was in der Geschichte erfahrungsgemäß scheitere.

Eine ganz eigene Sache sei aber die Frage der Beredsamkeit, denn diese sei nichts anderes als die Macht, Glauben dafür zu gewinnen, was wir sagen; und zu diesem Zweck bedürfen wir der Hilfe durch die Leidenschaften der Zuhörer. Um die Wahrheit zu beweisen und zu lehren, bedürfe es langer Ableitungen und intensiver Aufmerksamkeit. Dies sei den Zuhörern unbequem, weshalb diejenigen, die nicht nach Wahrheit, sondern nach Glauben suchten, einen anderen Weg einschlagen müssten; sie müssen nämlich nicht nur das, was man sie glauben machen will, von dem ableiten, was sie schon glauben, sondern auch durch Übertreibungen und Beschönigungen gut und schlecht, richtig und falsch, groß oder klein erscheinen lassen, je nachdem, wie es dienlich ist. Die Macht der Beredsamkeit sei derart groß, dass dadurch häufig ein Mensch in den Glauben versetzt werde, er empfände Schmerz und Schaden, wo er gar keinen spürt, und er in Wut und Empörung verfalle, ohne dafür eine andere Ursache zu haben, als das, was in den Worten und der Leidenschaft des Sprechers liegt. Dieser Hintergrund zusammengenommen mit dem Geschäft, das derjenige auszuführen habe, der Urheber des Aufruhrs ist, nämlich die Menschen glauben zu machen, dass ihre Rebellion gerecht sei, ihrer Unzufriedenheit große Ungerechtigkeiten zugrunde liegen und ihre Aussichten gute seien, führt zu dem Ergebnis, dass niemand der Urheber eines Aufruhrs sein kann, der nicht ein beredter und machtvoller Sprecher ist.

Materialistische Theorie

Hobbes hat diese Ansichten aus dem Jahr 1640 – also noch vor dem englischen Bürgerkrieg (1642–1649) – bis zu seinen Schriften »De Cive« (Über den Bürger, 1642/47) und »Leviathan« (1651) im wesentlichen beibehalten; und es besteht kein Zweifel darüber, dass es Hobbes zufolge die oberste Pflicht eines jeden Souveräns ist, »Aufruhr zu unterdrücken« (to suppress tumults), und dass der Souverän – wie Hobbes in »De cive« sagt – sowohl das Recht als auch die Pflicht hat, »die gehorsamen Bürger zu begünstigen und die verschwörerisch Gesinnten (factiosus) nach Möglichkeit zu unterdrücken; anderenfalls lässt sich die öffentliche Macht und mit ihr die Ruhe der Bürger nicht aufrechterhalten«. Die Geschichte lehrt uns, dass der bürgerliche Staat dies immer wieder realisiert hat.

Ganz materialistisch fasst Hobbes zunächst die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen als den Ausgangspunkt einer jeden Form von Widerstand. Politische und soziale Unzufriedenheit bilden zu allen Zeiten den Nährboden für Auflehnung, Aufruhr und Gegenwehr. Entgegen landläufiger Einschätzungen besteht bei der Mehrzahl der Gesellschaftsmitglieder eine durchaus realistische soziale Selbsteinschätzung; zwar sind die je persönlichen Anspruchsniveaus durchaus verschieden und relativ, aber regelmäßig entsteht bei abnehmender sozialer Ranglage aus der Verbindung dieser Ansprüche mit einem allgemein gleichen Sicherheitsstreben eine wachsende Unzufriedenheit. Sehr klug differenziert Hobbes bereits zwischen präsentem Leid und zu erwartendem Schmerz, den er eine »Schwierigkeit des Geistes« nennt; und sehr plausibel spricht er davon, dass die unmittelbare Gegenwart von körperlichem Schmerz generell nicht zum Aufruhr geneigt mache – die Furcht davor aber schon.² Anders und etwas überspitzt gesagt: Das bloße Elend selbst und die unmittelbar erfahrene soziale Depravierung vermindern das Aufstandsrisiko, während eine klar vor Augen stehende (oder eben auch bloß eingebildete) Verlust-, Abstiegs- und/oder Schmerzprognose die Geneigtheit zum Auflehnen erhöht.

Hobbes fährt in seiner Risikoanalyse fort: Unsicherheit allein führe kaum je zum Aufstand, wenn dieses Bewusstsein der eigenen tatsächlichen oder prospektiv schlechten Lage nicht in Verbindung tritt mit einem »gesteigerten Rechtsbewusstsein«, von dem aus die eigene Lage als »ungerecht« beurteilt wird, und mit der Hoffnung, durch eigenes Handeln die eigene Lage verbessern oder die bevorstehende schlimme Lage abwenden zu können. Wer sein Elend als gerecht empfindet, wird keine Gegenwehr entwickeln; und wer seine schlechte Lage zwar als ungerecht (unrechtmäßig) identifiziert, aber keine Hoffnung hat, durch sein Handeln etwas daran ändern zu können, wird sich dennoch mit seiner schlechten Situation abfinden.

Selbst dann aber, wenn es dem Souverän nicht gelingen sollte, alle von Hobbes als »Abwehrmaßnahmen« gegen eine Auflösung des Staates anempfohlenen Maßnahmen umzusetzen, wenn er es also nicht schaffen sollte, für die allgemeine Zufriedenheit seiner Untertanen zu sorgen und die Vorstellung der Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft im Volk zu begründen, und wenn es ihm schließlich auch nicht gelingt, die Hoffnung auf Besserung zu zerstören, auch dann muss er sich um seine Herrschaft noch nicht wirklich Sorgen machen. Letztlich mündet nämlich bei Hobbes alles in der Person eines Aufrührers oder einer Gruppe von Aufrührern, die den Unzufriedenen die Möglichkeit geben, sie anzuführen, sie zu leiten. Eben deshalb, weil der Aufstand laut Friedrich Engels »eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen (ist), deren Werte sich jeden Tag ändern können«³, bedarf die Menge einer konkreten Projektionsfigur, einer Figur, die durch Erfahrung oder situative Zurechnung eine »bestimmte Größe« darstellt, auf die man sich verlassen kann.

Fasst man die von Hobbes unmittelbar vor dem Beginn der englischen Revolution sehr konkret ins Auge gefassten Ursachen für Aufruhr und Aufstand zusammen, dann liegt damit eine durch und durch historisch-materialistische Analyse vor. Freilich darf man nicht erwarten, dass Thomas Hobbes als Theoretiker des 17. Jahrhunderts zu den Kategorien des 19./20. Jahrhunderts hätte finden können. Seine Analyse widerspricht aber nicht Lenins Bestimmungen: »Um erfolgreich zu sein, darf sich der Aufstand nicht auf eine Verschwörung, nicht auf eine Partei stützen. Dies zum ersten. Der Aufstand muss sich auf den revolutionären Aufschwung des Volkes stützen. Dies zum zweiten. Der Aufstand muss sich auf einen solchen Wendepunkt in der Geschichte der anwachsenden Revolution stützen, wo die Aktivität der vordersten Reihen des Volkes am größten ist, wo die Schwankungen in den Reihen der Feinde und in den Reihen der schwachen, halben, unentschlossenen Freunde der Revolution am stärksten sind. Dies zum dritten. Durch diese drei Bedingungen eben unterscheidet sich der Marxismus in der Behandlung der Frage des Aufstandes vom Blanquismus.«⁴

Die Unzufriedenheit mit der herrschenden Lage ist nicht (nur) eine Frage der objektiven Bedingungen und Aussichten, sondern es ist die Frage danach, wie sehr diese Bedingungen auch zum subjektiven Bewusstseinsinhalt einer Vielzahl von Menschen werden. Die »objektiven Voraussetzungen« mögen vorliegen, kommen sie den Betroffenen aber nicht zu Bewusstsein, folgt daraus nichts. Nur dann, wenn diese Lage nicht nur theoretisch ungerecht oder unrechtmäßig ist, sondern wenn diese Lage auch von einer Vielzahl von Menschen als ungerecht (unrechtmäßig) empfunden wird, entwickelt sich aus der »blanken Unzufriedenheit« ein Veränderungswille. Solange die Betroffenen das Gefühl haben, es geschehe ihnen »recht«, wird sie nichts dazu motivieren, an ihrer Situation etwas ändern zu wollen. Dieser Wille zur Veränderung kann sich aber erst dann entladen bzw. realisieren, wenn er durch die Verbindung mit der konkreten Hoffnung (Aussicht) darauf, dass sich durch das eigene Handeln auch etwas Grundlegendes sowohl an der Unzufriedenheit als auch an der Ungerechtigkeit ändern lässt, in Verbindung tritt. Zu einem gesellschaftlichen Akteur können die unter der Unzufriedenheit und dem Bewusstsein der Ungerechtigkeit Leidenden erst dann werden, wenn ihr hoffnungsvoller Veränderungswille sich in einem »Stellvertreter ihres Leidens« und andererseits »Propagandisten ihrer Hoffnungen« verkörpert.

Es hat dies nichts mit einem wie immer gearteten »Führer«-Anspruch zu tun – und es muss sich dabei nicht einmal um einen einzelnen handeln, sondern es kann auch eine politische Partei sein. Gleichwohl darf das personelle Element nicht verlorengehen. Wenn Danton, der laut Engels »größte bisher bekannte Meister revolutionärer Taktik«⁵ vom Aufstand forderte, »l’audace, de l’audace, encore de l’audace« (Kühnheit, Kühnheit, und abermals Kühnheit) zu beweisen, dann kann sich dies immer nur auf identifizierbar persönliches Handeln und Auftreten der Akteure beziehen. In revolutionären Bewegungen wird immer wieder der Versuch gemacht, die Bedeutung und den Anteil herausragender Persönlichkeiten zu eskamotieren, was aber nur schwer gelingt.⁶

Wir können von Hobbes lernen – wenn wir ihn gegen den Strich bürsten. Er hat als erster eine materialistische Theorie des Aufstands entwickelt: Es braucht Einsicht in die eigene Lage, die Gewissheit von der Ungerechtigkeit der Zustände, die Zuversicht, durch eigenes Handeln etwas ändern zu können, und es braucht schließlich eine »Führung«, auf die sich diese Haltung projizieren lässt und die sich als Zentrum des Widerstands herauskristallisiert.

Anmerkungen

1 Ohne weitere Seitenangaben beziehen sich nachfolgende Zitate und Erläuterungen auf das vorletzte Kapitel von Thomas Hobbes »Menschliche Natur und politischer Körper« (Elements of Law, Natural and Politic), herausgegeben, übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Alfred J. Noll, Felix-Meiner-Verlag, Hamburg 2020

2 Das deckt sich mit den Ergebnissen von Barrington Moore in »Ungerechtigkeit. Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Widerstand«, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984

3 Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland. MEW 8, S. 95

4 W.I. Lenin: Marxismus und Aufstand. LW 26, S. 4 f.

5 Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland. MEW 8, S. 95

6 Ein Beispiel dafür ist Subcomandante Marcos, der 2014 das Ende seiner bisherigen Rolle wie folgt erklärte: »Es ist unsere Überzeugung und unsere Praxis, dass es für die Revolte und den Kampf weder Anführer noch Heilsbringer oder Retter braucht. Um zu kämpfen, braucht man nur Schamgefühl, Würde und viel Organisation. Was alles andere betrifft, so dient es entweder dem Kollektiv oder gar nicht.« Siehe http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2014/05/27/between-light-and-shadow/. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass der Aufstand der Zapatistas ab 1994 ohne die (Kunst-)Figur des Subcomandante Marcos (bürgerlich: Rafael Sebastián Guillén) je so erfolgreich und populär hätte werden können.

Thomas Hobbes: Menschliche Natur und politischer Körper (Elements of Law, Natural and Politic). Herausgegeben, übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Alfred J. Noll. Hamburg, Felix-Meiner-Verlag, 2020 (Philosophische Bibliothek 689). 270 S., 24,90 Euro

Alfred J. Noll schrieb an dieser Stelle zuletzt am 3. März 2020 über die Ansätze einer Rechtsphilosophie im Frühwerk von Hans Heinz Holz.