Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.05.2020, Seite 1 / Titel
Tag der Pflege

Profite machen krank

Coronapandemie offenbart Missstände im deutschen Gesundheitssystem. Beschäftigte protestieren am »Tag der Pflege«
Von Jan Greve
1 Kopie.jpg
»Pflege schnappt nach Luft«: Protest vor dem Bundesgesund­heitsministerium (Berlin, 12. Mai)

Sozialdemokraten bemühen große Worte, Beschäftigte gehen auf die Straße und viele beginnen zu verstehen, was der Begriff »systemrelevant« eigentlich bedeutet: Am gestrigen Dienstag, dem Internationalen Tag der Pflege, gingen in mehreren deutschen Städten viele derjenigen auf die Straßen, die im Zuge der Coronakrise mit Titeln wie »Helden des Alltags« bedacht worden sind. Die Pandemie lässt die schon lange bestehenden Probleme im Gesundheitssystem sichtbarer werden als je zuvor: die schlechte Bezahlung, der Personalmangel, daraus folgende Überstunden und körperliche wie psychische Belastungen – auf Kosten der Beschäftigten und letzten Endes auch der Patienten.

Vor dem Bundesgesundheitsministerium in Berlin versammelten sich am Dienstag Pflegekräfte im gebotenen Sicherheitsabstand, um unter der Überschrift »Pflege schnappt nach Luft« auf ihr Arbeitspensum hinzuweisen. Diskussionen über vereinzelte »Coronaprämien« seien zwar »schön und gut«, sagte Silvia Habekost, Krankenpflegerin in einer Berliner Klinik, bei der Aktion des Bündnisses »Gesundheit ohne Profite« gegenüber jW. Bei den Forderungen nach tariflich vereinbarter besserer Bezahlung bewege sich aber nichts. Hier müsse weiter gekämpft werden – ganz aktuell etwa auch dafür, ausreichend Testkapazitäten und genügend Schutzmaterial für die Beschäftigten zu bekommen.

So einfach und klar die Forderungen auch sind: Die politisch Verantwortlichen bleiben sich in ihrer Strategie treu, die Lohnabhängigen mit warmen Worten abspeisen und Diskussionen über das dahinterstehende Problem kapitalistischer Profitlogik unterbinden zu wollen. Sozialdemokraten zeigen hier nicht erst seit der Coronakrise besonderes »Geschick«. Bereits am Montag hatte sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil zu Wort gemeldet: Pflegekräfte verdienten »gesunde Arbeitsbedingungen, faire Löhne und echte Anerkennung für ihr anspruchsvolles Tun«. Dafür werde er weiter »kämpfen«, so Heil. Aus der gleichen Rhetorikschublade bediente sich am Dienstag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die Arbeit von Pflegenden – auch jenen, die kranke Angehörige zu Hause versorgen – als »gelebte Solidarität« bezeichnete. Er danke ihnen dafür »aus tiefstem Herzen« und wünsche sich, »dass wir alle uns auch nach der Krise daran erinnern, was Sie für diese Gesellschaft tun«.

Dass sich die Pflegekräfte von solchen Aussagen ebensowenig kaufen können wie vom Applaus mitfühlender Balkonbesitzer, ist derweil keine neue Erkenntnis. »Die Bundesregierung versucht, diese Krise auf dem Rücken der Pflegekräfte zu meistern und das geht so nicht«, stellte Pia Zimmermann, pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Die Linke, am Dienstag gegenüber jW klar. Nur das verantwortungsvolle Handeln der Beschäftigten in der Coronakrise habe das Gesundheitssystem vor dem bisherigen Zusammenbruch bewahrt. Ähnlich argumentierte Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. »Die Wertschätzung von Berufen muss in unserer Gesellschaft vom Kopf auf die Füße gestellt werden«, forderte er am Dienstag gegenüber jW. Ein Investmentbanker könne mit seinem überflüssigen Job extrem viel Geld verdienen, eine Pflegekraft indes nicht. Wohlfahrtsverbände kämpften seit Jahren dafür, dass Worten auch Taten folgten. Vieles spricht dafür, dass dieser Kampf auch nach der Coronakrise weitergeführt werden muss.

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Ähnliche:

  • Rückkehr in den Konzern: Charité-Mitarbeiter von Tochtergesellsc...
    28.04.2020

    Nicht so gemeint

    Berliner Gesundheitssenatorin spricht von Rückführung der Tochtergesellschaften in Klinikkonzerne und schürt damit falsche Hoffnungen
  • Permanent überfordert: Medizinerin auf Intensivstation eines Mad...
    27.04.2020

    Falsche Medizin

    Pflege am Limit. Der Kampf um das Gesundheitswesen. Teil 2: Klinikpersonal und Patienten tragen Konsequenzen von Bettenabbau und Krankenhausschließungen

Regio: