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Aus: Ausgabe vom 12.05.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gewerkschaften in Frankreich

Malochen im »Lockdown«

Frankreich: CGT-Gewerkschaft UCICT legt Studie zur prekären Arbeitssituation in Betrieben und Homeoffice vor
Von Georges Hallermayer
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Coronakrise: Belegschaften in der Produktion beklagen oft mangelnden Infektionsschutz (Paris, 6.5.2020)

Am 5. Mai legte die CGT-Gewerkschaft UCICT, in der Ingenieure, Manager und Chefs des öffentlichen Dienstes organisiert sind, Ergebnisse einer umfassenden statistischen Erhebung vor. Gewerkschaftlich organisierte Statistiker unter anderem des dem Arbeitsministerium unterstellten Instituts DARES hatten mehr als 34.000 Kolleginnen und Kollegen einhundert Fragen gestellt. Mit den Ergebnissen wollen die CGT und weitere 17 Organisationen, unter ihnen ATTAC, einen Forderungskatalog aufstellen.

Zur Studie: Danach lassen sich die Beschäftigten in Frankreich derzeit in annähernd vier gleich große Gruppen einteilen: 27 Prozent von ihnen arbeiten in »systemrelevanten Berufen« vor Ort, 25 Prozent im Homeoffice. In Kurzarbeit befinden sich 25 Prozent, und im Urlaub bzw. im Krankenstand sind 23 Prozent der Beschäftigten. Die Zahlen entsprechen etwa jenen, die die Zeitschrift Progressiste am 1. Mai veröffentlicht hatte. Eine Infografik von »France Strategie« zeigte dort ein sehr ähnliches Bild von der coronabedingten Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die CGT-Studie geht jedoch tiefer, dokumentiert die Erfahrungen der Beschäftigten.

Eine Mehrheit der Angestellten und Arbeiter (61 Prozent) in den »systemrelevanten Berufen« befand, dass sie dem Ansteckungsrisiko besonders stark ausgesetzt sei, insbesondere Frauen. Die Sicherheitsmaßnahmen der Unternehmen (Abstand, Masken, Handschuhe) kritisierten die Beschäftigten als weitgehend unzureichend. Durch Covid-19 verursachte Todesfälle verurteilten die Beschäftigten als »Verbrechen des Managements und der Regierung«. Deshalb hatte die CGT im Mai zum Streik unter dem Motto »Gesundheit vor Profit« aufgerufen.

Kollegen im Homeffice haben in der Regel nicht nur schlechte Arbeitsbedingungen, sondern auch eine viel höhere Arbeitsbelastung, so dass 35 Prozent unter »ungewöhnlichen Ängsten« leiden. Gut ein Drittel der Betroffenen erhielt vom »Arbeitgeber« nicht die notwendige Ausstattung mit Arbeitsmitteln und fast alle (97 Prozent) verfügten nicht über einen ergonomischen Arbeitsplatz, wofür die Unternehmen zu sorgen hätten. Körperliche Schmerzen und Schädigungen seien eine Folge. Zudem betreffe die Mehrfachbelastung vor allem Frauen, die aufgrund der Schulschließung zusätzlich oft die Hausarbeit und die Kinderversorgung erledigen müssten.

Die starke Zunahme der Arbeitsbelastung traf zum Teil (40 Prozent) auch Beschäftigte in Führungspositionen. Die Mehrheit der befragten Manager (55 Prozent) ist außerdem der Meinung, dass die Fortführung des Geschäftsbetriebs ein Infektionsrisiko für die Beschäftigten und die Bevölkerung darstelle.

Die Umfrage belegt, dass die Produktionsfortsetzung in den Betrieben und im Homeoffice zu Lasten der Gesundheit der Belegschaften geht. In einigen Arbeitsbereichen waren Erwerbstätige unentbehrlich, in anderen wurden sie ausschließlich aus Rentabilitätsgründen – ohne ausreichende Schutzmaßnahmen – weiterbeschäftigt.

Die Krisenlasten werden mehr und mehr auf die Beschäftigten abgewälzt. Selbst privilegierte Manager klagen, weil ihnen zusätzliche freie Tage als Ausgleich für sonst übliche Überstunden fehlen. 57 Prozent der Mitarbeiter in Kurzarbeit verloren an Einkommen. Ein Drittel der Beschäftigten in der Privatwirtschaft sieht ihre Arbeitsplätze bedroht.

Der Druck auf die Belegschaften wird seitens des Unternehmerverbandes Medef noch erhöht. Dieser forderte jüngst, die Arbeitszeit während des »Lockdowns« zu erhöhen und die Zahl der Urlaubstage zu reduzieren. Von bis zu 43 Stunden Wochenarbeitszeit ist die Rede.

Die von den Befragten aufgestellten Forderungen dürften künftig zu Konfrontationen mit den öffentlichen wie privaten »Arbeitgebern« führen. So verlangten Mitarbeiter im Homeoffice Verhandlungen, um sicherzustellen, dass die Kosten für die benötigten Arbeitsmittel von den Unternehmen getragen werden. Es müsse auch ein Recht auf Abschalten der Rechner geben. Eltern von Kindern unter 16 Jahren müssten die Möglichkeit zu Arbeitsunterbrechung erhalten.

Die Kapitalseite hat sich in der Coronakrise als unfähig erwiesen, eine ausreichende Produktion medizinischer Geräte und von benötigten Medikamente zu organisieren. Daraus leitet die CGT die Notwendigkeit ab, einen großen demokratisch geführten öffentlichen Sektor zu bilden, der keinen Rentabilitätskriterien unterworfen werden darf. Mit dem Konzept der demokratischen Überführung der Unternehmen und des Managements in öffentliche Verantwortung, will die CGT langfristig ein neues Wirtschafts- und Sozialmodell jenseits des Kapitalismus populär zu machen.

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