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Aus: Ausgabe vom 12.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Covid-19

Corona unter Tage

Unter Bergarbeitern in Polen breitet sich Pandemie besonders stark aus. Region Oberschlesien könnte komplett abgesperrt werden
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Kohlekumpel sind in der Krise besonders gefährdet (Katowice, 26.11.2018)

Die Coronakrise hat in Polen ihren Schwerpunkt verlagert. Waren es anfangs Warschau und Umland, wo die meisten Erkrankungen festgestellt wurden, so liegt der Hotspot seit einigen Tagen im oberschlesischen Industriegebiet. Wie das Gesundheitsministerium am Montag bekanntgab, waren von den 210 landesweit neu gemeldeten Coronafällen seit Sonntag 142 in Oberschlesien zu verzeichnen, also zwei Drittel. Der Anteil steigt offenbar rasant: Am Samstag wurden dort erst 63 von 170 neuen Fällen registriert, also 37 Prozent. Insgesamt sind in der Wojewodschaft 3.700 Patienten erkrankt, ein Fünftel aller Fälle in Polen kommt von hier.

Die Behörden ahnten schon länger, dass in der dichtbesiedelten Region eine kritische Entwicklung bevorstehen könnte. Bereits im März gab es dazu eine Krisensitzung im Gesundheitsministerium, bei der Vertreter der Grubenkonzerne allerdings abwiegelten. Es reiche, die Schichtpläne umzustellen, um das Infektionsrisiko der Bergleute zu minimieren. Der Regierung war es recht. Erst als in der vergangenen Woche die Fallzahlen in die Höhe schossen, begannen die Behörden in größerem Umfang zu testen. Aktuell werden täglich bei etwa 5.000 Personen Abstriche vorgenommen. Eine Stichprobe Ende letzter Woche in fünf Gruben ergab eine Infektionsrate von fast zehn Prozent: 108 Infizierte bei 1.000 Getesteten.

Dass eine Industrie wie der Kohlebergbau ein besonderes Infektionsrisiko mit sich bringt, geben Branchenvertreter offen zu. Beim Ein- und Ausfahren stünden die Bergleute zwangsläufig eng gedrängt in den Aufzügen, auch unter Tage sei »soziale Distanz« aus »technischen Gründen« ein Fremdwort, ebenso nach Schicht­ende in den Waschkauen. Inzwischen werden die Folgen aber geschäftsschädigend. Beim größten Bergwerksbetreiber der Region, der staatlichen Holding »Polska Grupa Gornicza«, sind derzeit mehr als 2.000 Beschäftigte an Covid-19 erkrankt oder in Quarantäne. Mit der Folge, dass das Unternehmen in drei Bergwerken die Förderung einstellen musste. Dies bedeutet freilich nicht, dass niemand mehr einfährt: Unter Tage seien ständige Ausbaumaßnahmen nötig, damit die Fördergänge nicht einstürzen. Würde man die Gruben vorübergehend schließen, bedeute dies praktisch den dauerhaften Verzicht auf ihre Nutzung, erläutern Gewerkschaftsvertreter. Das erklärt in Verbindung mit der chronischen Überproduktion der Branche auch, warum die Gewerkschaften mit Forderungen nach besserem Arbeitsschutz zurückhaltend sind und den Betriebsleitungen auch sonst entgegenkommen. Letzte Woche vereinbarte die regierungsnahe »Solidarnosc« mit den Grubenbetreibern ohne viel Aufheben die Einführung der Vier-Tage-Woche bei entsprechendem Lohnverlust.

Ärzte in der Region befürchten derweil, dass der Gipfel der Pandemie in Oberschlesien erst noch bevorsteht. Die nächsten zwei bis drei Wochen seien kritisch, beklagte der Direktor des größten Krankenhauses der Stadt Bytom, Wladyslaw Perchaluk, gegenüber dem Portal Onet.pl. Vor allem werde immer noch viel zu wenig getestet. Wenn die Kurve der Erkrankungen weiter so ansteige wie in den vergangenen Tagen, könne das Gesundheitswesen der Region zusammenbrechen. Perchaluk appellierte an die Regierung, den Sanitätsdienst der Armee zur Unterstützung der zivilen Ärzte abzukommandieren. Einstweilen sind nur die Teilzeitfreiwilligen der »Territorialverteidigungstruppen« als Assistenten im Einsatz.

Das Gesundheitswesen ist von dem Aufflammen der Pandemie in Oberschlesien ohnehin in besonderem Maße betroffen. In vielen Fällen läuft der Infektionsweg offenbar über die Familien. Da Ehen von Bergleuten und Krankenpflegerinnen in der Region nicht selten sind, droht sich so die Infektionswelle aus dem Bergbau ins Gesundheitswesen zu verlängern. Wenn sie nicht überhaupt ursprünglich aus umgekehrter Richtung verlaufen ist. Auch in den Krankenhäusern wurde anfangs oft nur zurückhaltend getestet, um nicht Beschäftigte an die Pflichtquarantäne zu verlieren. So hätten, schrieb letzte Woche die Gazeta Wyborcza, womöglich auch Krankenpflegerinnen das Virus in ihre Familien getragen.

Wenn die Behörden den Anstieg der Infektionen nicht schnell in den Griff bekommen, schließt die Regierung inzwischen offenbar auch die Abriegelung der ganzen Region oder einzelner Städte nicht mehr aus. Es gebe noch keine Entscheidung, zitierte die regionale Zeitung Dziennik Zachodni am Montag einen Politiker des Regierungslagers. Aber als Option liege die Absperrung auf dem Tisch. Allerdings wäre sie schwierig durchzusetzen. Oberschlesien hat eine ähnliche Siedlungsstruktur wie das Ruhrgebiet. Eine Stadt geht nahtlos in die nächste über, es gibt zahllose »Schleichwege« in die Region und aus ihr heraus. Wird das abzuriegelnde Gebiet zu klein gewählt, bleibt die Maßnahme wirkungslos, wird der Lockdown allzu großflächig verkündet, entstehen wirtschaftliche Einbußen, die die ohnehin einsetzende Krise weiter zu verschärfen drohen.

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