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Aus: Ausgabe vom 12.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Alubischofshüte des Tages: Viganò und Co.

Von Arnold Schölzel
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Im CIA-Hauptquartier steht’s an der Wand: »Die Wahrheit wird euch frei machen.« (Johannes-Evangelium 8, 32). Die Agency sieht darin eine Lizenz für Folter und Mord. Bevorzugte Methode der seit 2018 amtierenden Chefin Gina Haspel war z. B. das Waterboarding. Es gibt in der Trump-Administration Beständiges.

Seit dem 7. Mai existiert nun eine Internetseite mit der lateinischen Version des Jesus-Zitats als Webadresse: veritasliberabitvos.info, und einem Aufruf »Für die Kirche und die Welt«. Initiator ist Erzbischof Carlo Maria Viganò, bis 2016 Nuntius in Washington. Bislang foltert er, soweit bekannt, nur seinen eigenen Kopf, spürt aber den Teufel immer und überall. Gegen die Pandemie riet er zu dessen Austreibung und verlangte z. B. die Wiedereröffnung der Bäder des französischen Marienwallfahrtsortes Lourdes. Im heiligen Heilwasser könne sich niemand anstecken. Aber Satan ist ihm voraus: Laut Viganò verfolgen Jesuiten seit 60 Jahren einen marxistischen Plan, um die Papstkirche weg von Liturgie und Moral hin zu sozialem Klimbim umzugestalten. Beweis: der Jesuit Franziskus auf dem Vatikanthron.

Zweiter Beweis: die Pandemie. Hinter der stehen, so der Aufruf, die »Mächte der Finsternis«, die eine »Weltregierung« anstreben und eine »Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung« verfolgen. Unterschrieben haben das u. a. drei Kardinäle, ausgewiesene Franziskus-Feinde. Die Deutsche Bischofskonferenz ist entsetzt, die Laienbewegung »Wir sind Kirche« spricht von »Mietlingen« (Johannes 10, 12).

Waren das noch Zeiten, als die Kirche bei Pandemien einfach foltern und verbrennen konnte, zumeist Juden. Aber noch teilen Viganò und Co., CIA und Freiheitsdemonstranten auf »Hygienedemos« den Glauben an den Teufel. Den spüre das Völkchen nie, »auch wenn er sie beim Kragen hätte«, meinte einst Mephisto bei Goethe. Dank Viganò ändert sich das endlich.

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (12. Mai 2020 um 09:47 Uhr)
    Nun, Verwirrung stiften ist doch viel, viel, viel zu leicht.

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