Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 09.05.2020, Seite 12 / Thema
Prächtig aufgetischt

Lügen des Lügners aller Lügner

Jeder weiß von ihm, aber niemand kennt ihn. Vor 300 Jahren wurde der Baron von Münchhausen geboren
Von Arnd Beise
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Tischte nicht nur Lügengeschichten auf, sondern spann auch Seemannsgarn. Doch erst die veröffentlichte Schwanksammlung, die im Gewand autobiographischer Erinnerungen daherkommt, machte aus dem »Lügenstrafer« den »Lügenbaron« Münchhausen (»Der Baron im Meer«, Illustration von Gottfried Franz, 1896)

»Man weiß von seinem Ritt auf der Kanonenkugel; von dem Gaul, der am Kirchturm hing; von dem halbierten Pferd am Brunnen; und so weiter (…) Jeder weiß von ihm, aber niemand kennt ihn.« So leitet Hans Albers als Münchhausen in dem gleichnamigen UFA-Film die Erzählung seiner Abenteuer ein. Der Film schildert die Geschichte eines ruhelosen Menschen, der sich als jovialer Verschnitt von Don Juan und Faust durchs Leben schlägt. Seine Geschichte ist garniert mit einigen Episoden aus dem Buch »Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche im Cirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt«, das der Dichter Gottfried August Bürger 1786 in erster Auflage bei dem Göttinger Verleger Johann Christian Dieterich erscheinen ließ. 1788 folgte eine zweite, erweiterte Ausgabe. In diesem Buch erzählt der Baron von Münchhausen eine Menge fantastischer Geschichten, die seither in 55 Sprachen der Welt variiert oder weitergesponnen werden.

»Wunderbare Reisen«

Einer aber regte sich über das Erscheinen der »Wunderbaren Reisen« furchtbar auf: Der 80 Kilometer von Göttingen entfernt im Gutshaus zu Bodenwerder residierende Baron oder Freiherr Hieronymus von Münchhausen. Dieser fühlte sich durch diese Sammlung von Lügengeschichten persönlich verspottet. Obwohl das Buch anonym erschienen war, glaubte er sehr genau zu wissen, wer dafür verantwortlich war, nämlich die beiden Göttinger Hochschullehrer Gottfried August Bürger und Georg Christoph Lichtenberg, deren »Bosheit« ihn »vor aller Welt prostituirt« habe. Nur mühsam konnten ihn Verwandte und Freunde davon abhalten, gegen die beiden einen Prozess anzustrengen.

Dass Lichtenberg an dem Buch in irgendeiner Form mitgewirkt hat, ist durch nichts belegt. Bürger allerdings ist tatsächlich der »Verfasser« dieses Buchs; oder genauer gesagt, einer der Verfasser, denn eigentlich ist die erste Ausgabe von 1786 überwiegend eine Übersetzung »aus dem Englischen«, wie es das Titelblatt korrekt ausweist, was der Freiherr in Bodenwerder allerdings für eine Fiktion hielt. Bürgers Vorlage war eine in zweiter Auflage 1786 in London unter dem Titel »The singular Travels, Campaigns, Voyages and Sporting Adventures of Baron Munnikhouson, commonly pronounced Munchausen: As he relates them over a Bottle, when surrounded by his Friends« erschienene Sammlung von Lügengeschichten, die Rudolf Erich Raspe verfasst hatte. Oder, abermals genauer gesagt: zum Teil übersetzt und zum Teil sich ausgedacht hatte.

Der übersetzte Teil geht zurück auf die anonyme Publikation von einigen »M–h–s–nschen Geschichten« in einem Periodikum namens »Vade Mecum für lustige Leute enthaltend eine Sammlung angenehmer Scherze, witziger Einfälle und spaßhafter kurzer Historien aus den besten Schriftstellern zusammengetragen« in den Jahren 1781 und 1783. Hier wird in einer kurzen Vorbemerkung davon gesprochen, dass ein »sehr witziger Kopf« namens »M–h–s–n im H–schen« lebe, »der eine eigne Art sinnreicher Geschichten aufgebracht hat, die nach seinem Namen benannt wird, obgleich nicht alle einzelne Geschichten von ihm seyn mögen. Es sind Erzählungen voll der unglaublichsten Uebertreibungen, dabey aber so komisch und launigt, daß man, ohne sich um die Wahrheit zu bekümmern, von ganzem Herzen lachen muß (…). Unsere Leser, denen aber vielleicht schon manche davon durch mündliche Ueberlieferung bekannt sind, sollen hier einige der vorzüglichsten davon finden.«

Der anonyme Autor ging offensichtlich davon aus, dass das Publikum des »Vade Mecums« diese Art sinnreicher »Lügen«, weil sie mündlich weit verbreitet waren, als Münchhausiaden identifizieren würde, welche nach dem Herrn von Münchhausen im Hannoverschen benannt worden waren.

Und in der Tat gibt es einige Zeugnisse, die belegen, dass Münchhausiaden schon früher in Norddeutschland umliefen. So zitierte der Diplomat Rochus Friedrich Graf zu Lynar in einem Buch über »Sonderlinge« aus dem Jahr 1761 mit Missbilligung drei dieser Geschichten als Produkte eines Erfinders von wenig Verstand oder eines, der den Zuhörern wenig Verstand zutraue. »Mit solchen fabelhaften Erzählungen verletzt einer die Achtung, so er der menschlichen Gesellschaft schuldig ist.« Lynar nannte keinen Namen, doch andere Zeugnisse zeigen, dass man wusste, wer der erste Erfinder solcher Art Geschichten war. In einem Brief aus dem Jahr 1771 vergleicht Elisa von der Recke die Lügengeschichten eines Bekannten mit denen des »bekannten Münchhausen«; und Friederike Münter notiert 1781 in einem bald darauf publizierten Reisetagebuch, dass in ihrer Gesellschaft »Lügen des Lügners aller Lügner«, nämlich von Münchhausen, erzählt worden seien, die so grotesk waren, dass sich alle »halb krank lachten«.

Eine dieser Geschichten war die von den sieben Rebhühnern (oder anderem Geflügel), die in einer gerade Reihe auf einem Ast (oder in einer Ackerfurche) saßen und die der Ich-Erzähler auf einen Streich erlegte, indem er statt mit Schrot nach ihnen zu schießen, den Ladestock seines Gewehrs abfeuerte, und zwar »so haargenau«, dass sie »wie an einem Bratspieße angepflöckt worden wären. Das sei ihm so drollig vorgekommen, daß er die Rebhühner nicht abgenommen, sondern sie rupfen und an dem nämlichen Ladestocke habe braten lassen«. Heinrich August Ottokar Reichard erinnerte sich später, diese Geschichte als Student aus dem Mund des Freiherrn von Münchhausen höchstpersönlich gehört zu haben, und zwar 1768 in dem gleichen Gasthaus, wo sich der Professorenstammtisch der Universität Göttingen befand. Gleichzeitig hätte sie dort auch der Student Gottfried August Bürger hören können, der diese Geschichte in die zweite Auflage seiner »Wunderbaren Reisen« einmontierte, wenn er sie nicht im »Sonderling« des Grafen zu Lynar gefunden hat.

Der Freiherr in Bodenwerder musste gewusst haben, dass unter seinem zur Gattungsbezeichnung gewordenen Namen Lügenschichten erzählt wurden. Warum konnte er dann »den tiefen Verdruß« über die »Wunderbaren Reisen« von Raspe und Bürger bis zu seinem Tod nicht verwinden?

Vermutlich weil das Ich der Lügengeschichten bei Raspe und Bürger mit der historischen Person des Hieronymus Freiherrn vom Münchhausen identifiziert und diese Identität im Druck fixiert wurde. Anders als im »Vade Mecum«, wo Münchhausen zwar als Erfinder dieser »Art« zu erzählen namhaft gemacht wird, seine Geschichten aber als einzelne »Märchen« einer seit der Antike gepflegten Gattung, eben der Lügengeschichte, daherkommen, verwoben Raspe und Bürger die Geschichten zu einem fortlaufenden Bericht und mit der tatsächlichen Biographie des Hieronymus von Münchhausen, gleichsam als verkaufe der Freiherr diese Geschichten als »authentische« – diesen Begriff legen Raspe und Bürger ihrem Münchhausen tatsächlich in den Mund – Episoden seines Lebens.

Anmaßend und selbstgefällig

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 in Bodenwerder an der Weser als viertes von sieben Kindern des Abkömmlings einer bis ins 12. Jahrhundert zurück verfolgbaren Familie niederen Adels geboren. Der Vater starb allerdings schon gut vier Jahre später, so dass die Mutter die Kinder mühselig allein durchbringen musste. So war sie wohl froh, den 13jährigen als Pagen bei dem Herzog Ernst Ferdinand von Braunschweig-Bevern unterbringen zu können; nicht zuletzt, weil dies der übliche Beginn einer standesgemäßen Karriere war. Zwei Jahre später wechselte er an den Braunschweig-Wolfenbütteler Hof. Der in russischen Diensten stehende jüngere Bruder des Wolfenbütteler Herzogs – der von der Zarin Anna Iwanowna als Ehemann ihrer Nichte und Thronfolgerin ausersehen war – hatte 1737 im Krieg gegen das Osmanische Reich seine beiden Pagen verloren und bat den Herzog um Ersatz aus der Heimat. Münchhausen meldete sich freiwillig. Januar 1738 kam er in St. Petersburg an. Im Dienst Anton Ulrichs von Braunschweig machte er den Feldzug dieses Jahres gegen die Türken mit. Nach der Hochzeit seines Herrn mit der russischen Thronfolgerin 1739 und dessen Eintritt in die Zarenfamilie wurde der deutsche Page überflüssig. Daraufhin wurde er Fähnrich in einem Kürassierregiment in Riga, wo er rasch aufstieg. Schon 1740 war er Leutnant. »All hier in Riga geschihet mir von den Herr Ehdell Lieuthen und damens sehr viele oblischancen«, schrieb er an seine Mutter in Bodenwerder.

Der Staatstreich von Elisabeth Petrowna 1741 beendete jedoch die Aussicht auf eine steile Karriere. Anna Leopoldowna und Anton Ulrich, die für ihren kleinen Sohn regierten, wurden gestürzt und inhaftiert. Münchhausen war gerade so weit entfernt, dass er nicht in den Sog des Sturzes seines ehemaligen Dienstherrn geriet. Als letzter seines Jahrgangs wird er aber erst 1750 zum Rittmeister befördert werden. Immerhin hat er inzwischen unter dem livländischen Landadel eine Braut gefunden und 1744 Jacobine von Dunten geheiratet. Ende 1750 erbat Münchhausen einen Urlaub, um die Frage der Aufteilung des Familienerbes mit seinem letzten noch lebenden Bruder zu klären. Hieronymus bekam Bodenwerder, wo er seit 1750 mit seiner Frau lebte. Nach Russland kehrten sie nicht mehr zurück.

Als Gutsherr in Bodenwerder gab sich Münchhausen selbstgefällig und anmaßend. Immer wieder geriet er wegen seines Standesdünkels in Konflikte mit der Stadt und ihrer Bürgerschaft. Er gebärde sich wie ein »über uns gebietender Junker« und nicht wie ein »privat Einwohner«, beschwerte sich der Bürgermeister. Münchhausen und seine Frau drohten ihm Prügel an. Eine eigenmächtig erbaute Brücke auf städtischem Gelände rissen die Bürger der Stadt wieder ein. Man prozessierte häufig miteinander oder vielmehr gegeneinander. Offenbar konnte sich der Freiherr, der in Russland am Zarenhof verkehrt hatte und dort eine intakte adelige Prädominanz erlebt hatte, mit den selbstbewussten Bürgern der niedersächsischen Kleinstadt nur schwer arrangieren.

Geistreicher Plauderer

Einen Ausgleich mochte den Münchhausens das gesellige Leben unter ihresgleichen gewähren. Und hier erzählte Münchhausen seine Geschichten, »ganz cavalièrement, zwar mit militärischem Nachdruck, doch ohne alles Pathos mit der leichten Laune eines Weltmanns und als Sachen, die sich von selbst verstehen«, wie es der Pfarrer des Ortes beschrieb. Der Baron betätigte sich also als geistreicher Plauderer in einem aristokratischen Salon. Er nahm die Rolle eines galanten Saloniers an, der mit phantastischen Geschichten seine »Freunde und Bekannte« unterhielt. Dabei muss er ein temperamentvoller Erzähler gewesen sein: »Fing das Gespräch an, lebhafter zu werden, so wirbelten auch die Wolken aus seiner Pfeife immer dicker empor; seine Arme wurden immer unruhiger; – das kleine Stutzerperrückchen fing an, durch die Hände auf dem Kopf herum zu tanzen, das Gesicht ward lebhafter und rother und der sonst sehr wahrhafte Mann wußte dann bei seiner lebhaften Imagination alles so bildlich vorzumalen.«

Außer zu Unterhaltungszwecken im aristokratischen Salon setzte er sein »improvisatorisches Talent« aber auch pädagogisch ein. Seine unwahrscheinlichen Jagdgeschichten sollten das Jägerlatein karikieren; mit seinen unglaublichen Abenteuern wollte er »die Aufschneidereien der Reisebeschreiber« verspotten, wobei er »hiezu in Person ihre Rolle zu spielen unternahm«, wie Karl August Varnhagen von Ense formulierte; bramarbasierenden Jungoffizieren bot er »Paroli«, indem er es noch ärger trieb: »Bei einem Festessen in Hannover hatten mehrere junge Fähndriche in ihrer angewärmten Stimmung sehr über ihr Glück bei den Damen rodomontiert, besonders bei einer Schlittenfahrt und, (mit wenig Discretion,) über die herumgefahrenen Schönen. Münchhausen, – bis dahin wenig bemerkt, – hatte ganz trocken eingeworfen: Dergleichen sei kaum des Erzählens werth, im Vergleich zu einer Hofschlittenfahrt, der, auf Einladung I. M. der Kaiserin, er in Petersburg beizuwohnen die Ehre gehabt. Beschrieb dann den riesigen Hofschlitten mit Audienzzimmer und Ballsaal und – (mit Anklängen auf jene Rodomontaden,) – wie auf dessen Plattform der frisch gefallene Schnee von den Hofjunkern benutzt sei, um in Handschlitten die schönen Hoffräulein herum zu ziehen. – Dies in gedrängten Worten vorgetragene Paroli hat schallendes Gelächter erregt. M. aß ruhig weiter, aber die Rodomontaden gingen nicht weiter.«

Raspe hatte diese Funktion der Lügengeschichten nicht unterschlagen, sondern behauptete, die Sammlung zum Nutzen derer herauszugeben, die (in Bürgers Übersetzung) »etwa unter berüchtigte Prahlhänse gerathen«, damit sie »sich bey jeder schicklichen Gelegenheit« dieser Geschichten bedienen könnten, um diese zu blamieren. Man hätte das Buch auch »The Lyar’s Monitor« (»Lügenstrafer«) nennen können.

Doch wird dies leicht vergessen, weil die Schwanksammlung im Gewand autobiographischer Erinnerungen daherkommt, welche explizit dem »Freyherrn von Münchhausen zu Bodenwerder« zugeschrieben werden. Aus dem Rollenspieler und Erzieher wird ein Angeber und Lügner, aus dem Aristokraten mit Esprit die »windige« Figur eines Bestsellers, aus dem »Lügenstrafer« der »Lügenbaron«.

Außerdem wird dem Erzähler, der situationsabhängig und mündlich fabuliert, durch die Drucklegung der Boden unter den Füßen weggezogen, wie schon ein Rezensent im 18. Jahrhundert erkannte: »Wer kennt nicht unter uns die scherzhaften Erzählungen eines unsrer Landsleute, die mit einer so monströsen Phantasie zusammengesetzt sind, daß man sie comische Arabesken nennen könnte! (…) Geschichten, die ehemals unsre guten Gesellschafter so gern nacherzählten, und die so von Haus zu Haus und von Stadt zu Stadt verbreitet wurden. Diesen Herrn ist nun schon seit langer Zeit der Markt verdorben, da Herr Nicolai sie im ›Vademecum für lustige Leute‹ hat drucken lassen.« Um wieviel mehr erst, nachdem Bürger Raspes Bearbeitung zu einem populären Besteller gemacht hat! Jetzt brauchte es keine begnadeten Erzähler mehr, um sich unterhalten zu lassen. Jede und Jeder konnte die Geschichten selbst lesen und sich »halb krank lachen«.

Gottfried August Bürger hat seine relativ freie Übersetzung etwas humoristischer angelegt als Raspe seine stärker satirische Bearbeitung. Und er hat einige der wirkungsvollsten Episoden neu erfunden: zum Beispiel den bekannten Ritt auf der Kanonenkugel. Oder diese: »Ein andres Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweytenmale noch zu kurz, und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich ohnfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Kniee schloß, wieder herausgezogen hätte.«

Gelegentlich hat Raspe aber auch die (ursprüngliche?) Erzählung entschärft und um ihre groteske Pointe gebracht, so etwa am Ende jener bekannten Episode, wo Münchhausen als Imkersklave des Sultans eine Biene des Stocks dadurch vor zwei Bären rettete, dass er seine silberne Axt nach ihnen warf; leider mit zu viel Schwung, so dass sie bis auf den Mond flog. In der Verlegenheit, sie zurückholen zu müssen, besann er sich der »sehr geschwind und zu einer ganz erstaunlichen Höhe empor« wachsenden türkischen Bohne. Kaum gepflanzt rankte sie sich schon um eines der Mondhörner, Münchhausen kletterte hinauf, fand seine Axt; zugleich aber hatte die Sonne die Bohne versengt. Darauf flocht er aus Mond-Häckerling einen Strick, der aber nicht ganz bis zur Erde reichte. Immer wenn er am unteren Ende ankam, hackte er das »überflüßige Stück über« sich »ab, und knüpfte dasselbe unten wieder an«. Auf diese Art kam er »ziemlich weit herunter«, aber er war noch in den Wolken, als der so oft geflickte Strick riss. Durch das Gewicht des »von einer solchen Höhe herabfallenden Cörpers« schlug er ein Loch, »wenigstens neun Klafter tief, in die Erde hinein«. Wie wieder herauskommen? »Ich grub mir mit meinen Nägeln, deren Wuchs damals vierzigjährig war, eine Art Treppe, und förderte mich dadurch glücklich zu Tage.« – Hier hätte Bürger besser auf das groteske Ende der Geschichte im »Vade Mecum« zurückgehen sollen. Auch hier schlägt M–h–s–n ein neun Klafter tiefes Loch in die Erde, worin er aber fest »stecken blieb. Nun war kein andrer Rath, als zu Hause zu gehn, einen Spaten zu holen, und mich herauszugraben. Auch gings recht gut damit.«

Ver- und vorgeführt

Der vor 300 Jahren geborene Hieronymus von Münchhausen fand das alles, wie gesagt, gar nicht lustig. Er wollte sich von diesen bürgerlichen Schmierfinken nicht derartig vorführen lassen. Doch ließ er sich gegen Ende seines Lebens von einem adeligen Fräulein ver- und vorführen.

Einige Zeit, nachdem seine Frau Jacobine nach 46 Jahren zwar kinderloser, aber »übrigens sehr glücklicher Ehe«, wie die Familienchronik meldet, 1790 verstorben war, fiel Münchhausen auf, »daß er bei seiner zunehmenden Altersschwäche größerer Pflege bedürfe und nicht mehr allein die Wirtschaft zu übersehen im Stande sei«. Dies nutzten ein entfernter Jagdbekannter, der verarmte ehemalige Major Justus Hartwig Brunsich von Brun, und seine jüngste Tochter aus. Sie suchten 1793 die Nähe des über 70jährigen Freiherrn. Besonders zeigte sich die Tochter »sehr liebreich und gefällig«, wie es heißt. Kurz und gut: Im Januar 1794 heirateten Hieronymus von Münchhausen und die erst 20jährige Bernhardine Friederica Lowisa Brunsich von Brun. Im Juli desselben Jahres allerdings schon trennte sich Münchhausen von seiner Gattin wegen »angeschuldigter Liederlichkeit« und reichte eine Scheidungsklage ein. Sie habe ihn durch »Schmeichelley und Verstellung« zur Hochzeit verleitet, seine Mittel verschwendet und mit andern Männern Verhältnisse unterhalten, während er ihr Zeit des »ganzen Ehestandes noch nie ehelich beygewohnet weil sie sich dagegen sträubte«.

Die Verteidigungsstrategie Bernhardines von Münchhausen ist bemerkenswert. Sie nutzt den öffentlichen Ruf ihres Gatten und wirft ihm im September 1794 seine »noch immer lebhafte und rege Einbildungskraft« und »seine übertriebene Phantasie« vor, um alle seine Vorwürfe als haltlose Erfindungen hinzustellen. Spätestens nach der Geburt ihrer sicher nicht von Hieronymus gezeugten Tochter im Februar 1795 brach diese Verteidigungsstrategie allerdings zusammen.

Am 22. Februar 1797 starb Hieronymus von Münchhausen, »abgestumpft«, »wortkarg« und »sehr mistrauisch«, wie es heißt. Der Scheidungsprozess war noch nicht abgeschlossen. Seine Verwandlung in eine Kunstfigur hatte er als Unglück empfunden.

Arnd Beise ist Professor für Germanistische ­Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte an der Université de Fribourg. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24.10.2018 über zeitgenössische Literatur zum Dreißigjährigen Krieg.

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