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Aus: Ausgabe vom 08.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Klassenpolitik

Der Weg zum kleinen Mann

Ohne Angeberjargon: Robert Misiks nützliche Streitschrift »Die falschen Freunde der einfachen Leute«
Von Michael Bittner
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Hat der Kampf gegen Diskriminierung marxistische Klassenpolitik verdrängt? Proteste gegen Polizeigewalt in den USA 2016

Seit Jahrzehnten wird unter Linken ein Streit ausgetragen. Es geht um die Frage: Ist eine marxistisch fundierte Klassenpolitik noch zeitgemäß, oder muss sie durch eine Politik ersetzt werden, die verschiedene Gruppen von Subalternen im Kampf gegen Diskriminierung zusammenführt? Sollte es vor allem darum gehen, die Eigentums- und Produktionsverhältnisse zu ändern? Oder überschätzt eine solche Strategie die Bedeutung der Umverteilung im Vergleich zur gesellschaftlichen Anerkennung? Die Wahlsiege von »Rechtspopulisten« wie Donald Trump haben den Ton in der Debatte noch einmal verschärft: Oft war in den vergangenen Jahren die These zu hören, eine Identitätspolitik, die beständig nur um sexuelle und kulturelle Fragen kreise, sei schuld daran, dass traditionelle Linkswähler aus der Arbeiterschicht zu den Rechten überlaufen.

»Disparates Kuddelmuddel«

Der Wiener Publizist Robert Misik unternimmt in seinem Buch »Die falschen Freunde der einfachen Leute« den Versuch, die Debatte von Vereinfachungen und falschen Entgegensetzungen zu befreien. Zunächst erschüttert er durch einen historischen Vergleich die Annahme, eine früher geschlossene, unbeirrt dem Fortschritt zugewandte Arbeiterklasse habe sich erst in postmodernen Zeiten hoffnungslos zersplittert. Schon die Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts sei tatsächlich eher »ein disparates Kuddelmuddel« gewesen, vom elenden Tagelöhner bis zum stolzen Facharbeiter. Auch war die Arbeiterklasse nie in jeder Hinsicht fortschrittlich, sondern vielfach traditionalistisch. Die Arbeiter neigten oft zum »Antiintellektualismus«, pflegten ein klassisches »Männlichkeitsideal« und akzeptierten durchaus »Hierarchien«, sofern diese durch Leistung legitimiert waren: »Nirgends wurde der ›Arbeitsscheue‹ mehr verachtet als in der Arbeiterklasse.« An diesen »Konservativismus der Arbeiterklassenkultur« appellieren heute mit einigem Erfolg die Rechten, wenn sie sich als die wahren Vertreter des hart arbeitenden Mannes inszenieren. Doch auch solche rechten Versuchungen sind im Grunde nichts Neues. Misik zitiert Marx, der angesichts der Feindschaft zwischen irischen und englischen Arbeitern in Großbritannien schon wahrnahm, wie leicht sich die Solidarität der Arbeiterklasse durch nationalistische Spaltung zersetzen lässt.

Misik betont, dass es der Arbeiterklasse in ihrem Kampf nie nur um ökonomische Fragen, sondern stets auch um Anerkennung ging. Die Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse war dabei allerdings stets die Voraussetzung für jede kulturelle und politische Emanzipation. Angesichts dieser historischen Erfahrungen plädiert Misik dafür, den falschen Gegensatz von Klassen- und Identitätspolitik zu überwinden. Der Rechtsruck in Teilen der Arbeiterschaft habe tatsächlich zunächst ökonomische Gründe, sei zurückzuführen auf die neoliberale Politik der vergangenen Jahrzehnte. Die Lage vieler Arbeiter habe sich verschlechtert, ihr Vertrauen in ihre früheren politischen Vertreter sei zerstört. Doch spiele auch das Gefühl kultureller Missachtung eine große Rolle. Weder eine Politik, die sich nur auf die »weiße Arbeiterklasse« konzentriere, noch eine, die sich allein um diskriminierte Minoritäten kümmere, könne ein ausreichend großes Bündnis gegen die neoliberale Politik zusammenführen.

In diesem Zusammenhang übt Misik saftige Kritik an einigen Auswüchsen der Identitätspolitik. So berechtigt der Kampf gegen Diskriminierung sei, so schädlich wirke die Arroganz von Besserwissern und Sprachwächtern, »die zwar keine Ideen haben, wie man die Verhältnisse für die einfachen Leute verbessern könnte, dafür aber um so mehr Ideen zur Verbesserung der einfachen Leute.« Für alle Formen von »Verwundungserfahrungen« habe die »akademische Mittelschichtjugend« einen Sinn, nur nicht für die der Arbeiterklasse, die es sich gefallen lassen müsse, stereotyp als »ignorant, rassistisch und intolerant« denunziert zu werden. Besonders energisch wendet sich Misik gegen Forderungen, alle von Rassismus oder Sexismus nicht »Betroffenen« müssten in der öffentlichen Debatte »die Klappe halten«. Ein solches Redeverbot leugne die menschliche Fähigkeit zur Einfühlung, gefährde die Solidarität, setze den Kult der Empfindsamkeit an die Stelle des Verstandes und zerstöre damit letztlich die Voraussetzungen für ein »sinnvolles gesellschaftliches Gespräch«. Nicht die Anliegen der Identitätspolitik seien falsch, bloß eine »Rhetorik, die spaltet«, müsse überwunden werden. Man kann sich fragen, ob Misiks recht optimistische Sichtweise nicht die objektiven Interessengegensätze und eingefleischten Feindschaften unterschätzt, die es zwischen verschiedenen Gruppen von Unterdrückten nun einmal auch gibt.

Denkanstöße

Robert Misiks Buch ist gewiss kein origineller Beitrag zur linken Theorie. Die Stärke des Autors liegt in der geistvollen Kombination von historischen, empirischen und theoretischen Einsichten, die längst vorhanden sind. So ist ihm ein lebendiger Essay gelungen, der gut in die Debatte einführt und einige hilfreiche Denkanstöße enthält. Misik verzichtet dabei erfreulicherweise auf akademischen Angeberjargon, so dass sein Buch auch für die Menschen verständlich ist, um die es geht: Arbeiterinnen und Arbeiter.

Robert Misik: Die falschen Freunde der einfachen Leute. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2019, 138 Seiten, 14 Euro

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 8. Mai 2020 um 10:27 Uhr)
    Der Arbeiterklasse werden die Techniken des Selbst – Tantrasex, Yoga, Spinozas Philosophie, Psychologie und kirchenkritische geophilosophische Religionsphilosophie, wissenschaftsinaugurierend (Einstein) zumeist unter Enlightment zusammengefasst (»unvollendete Aufklärung«) – vorenthalten. Statt dessen wird sie im Griff der Psychiatrie, Kirche oder der Drückerkolonnenmoral besonders der Massenmedien überlassen.

    Das führt zur Überbevölkerungsproblematik, die ein konservativ-rechter – Loose-loose-Gesamtsituation – Selbstläufer ist.