Gegründet 1947 Montag, 13. Juli 2020, Nr. 161
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.05.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Kritik an Rheinmetall

»Die Geschäfte mit dem Töten laufen gut«

Deutsche Waffenschmiede mit Tradition: Rheinmetall produzierte für Nazis und heizt auch heute mit Rüstungsexporten Konflikte an. Ein Gespräch mit Daniel Seiffert
Interview: Gitta Düperthal
Rheinmetall_AG_Haupt_61461054.jpg
Protest vor der Rheinmetall-Hauptversammlung in Berlin (28.5.2019)

Heute vor 75 Jahren wurde Deutschland durch die Alliierten befreit. Der Rüstungskonzern Rheinmetall, der zwischen 1933 und 1945 für die Nazis produzierte, profitiert nach wie vor von Waffenverkäufen. Welche Rolle spielte Rheinmetall im vergangenen Jahrhundert?

Der Konzern ist 130 Jahre alt und hat in beiden Weltkriegen an der Aufrüstung mitgewirkt. Für den Ersten Weltkrieg stellte er Artillerie, Munition und Waffen her, und auch im Zweiten Weltkrieg war er an der Militarisierung beteiligt. Ab 1919 war die Fabrik aufgrund des Versailler Vertrags gezwungen, auf zivile Produkte umzustellen, zum Beispiel auf Schreibmaschinen. 1945 war dies ähnlich.

Aus der Zeit des deutschen Faschismus gibt es eine weitere bittere Geschichte: In der Nähe der Rheinmetall-Borsig AG in Unterlüß befand sich ein Außenlager des KZ Bergen-Belsen, genannt Tannenberg. Zwischen 1944 und ’45 mussten viele der 900 dort eingesperrten jüdischen, polnischen, jugoslawischen und ungarischen Frauen und Mädchen als Zwangsarbeiterinnen in der Munitionsfabrik schuften.

Hat der Konzern aus seiner Geschichte gelernt?

Rheinmetall hat sich nie ernsthaft mit seiner düsteren Vergangenheit auseinandergesetzt. Wir vom Bündnis »Rheinmetall entwaffnen« versuchen, das Gedenken an Tannenberg in Unterlüß wachzurufen. Als wäre all dies nie passiert, produziert der Konzern fleißig weiter Waffen, die er in alle Konflikt- und Kriegsregionen exportiert. Die Geschäfte mit dem Töten laufen gut.

Sie wollen am 19. Mai gegen die Rheinmetall-Aktionärsversammlung protestieren, die wegen der Coronapandemie ins Internet verschoben worden ist. Was planen Sie?

An diesem bundesweiten Aktionstag rufen wir dazu auf, an vielen Orten aktiv zu werden. Geplant ist etwa, den Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger in seinem Homeoffice in Hermannsburg in Niedersachsen zu besuchen. Denn während alle möglichen Branchen wegen der Pandemie stillgelegt wurden, läuft die Waffenproduktion von Rheinmetall wie gewohnt weiter. Das soziale und kulturelle Leben kam weitgehend zum Erliegen, doch die Rüstungsindustrie darf weitermachen. Dabei ist ein Rüstungsstopp unter Coronabedingungen notwendiger denn je zuvor: Wir brauchen eine bessere globale Gesundheitsversorgung, die Waffenindustrie braucht kein Mensch.

Ihre Kritik an dieser falschen Prioritätensetzung ist nicht neu. Wen sehen Sie in der Verantwortung, hier tätig zu werden?

Aus unserer Sicht verschärft die Bundesregierung gemeinsam mit den Konzernen die Probleme. Der deutsche Verteidigungshaushalt belief sich im Jahr 2019 auf knapp 45 Milliarden Euro, der Gesundheitsetat auf 15 Milliarden. Diese Prioritätensetzung beschleunigt eine globale Mehrfachkrise. Für Rheinmetall muss es heißen: Keine Dividende mit Tod und Leid. Der Konzern hat angekündigt, insgesamt 103 Millionen Euro an seine Anteilseigner auszuschütten. Das darf nicht geschehen. Der Vorstand sollte beschließen, dieses Geld in den Gesundheitssektor umzuleiten. Freilich wird dies nicht geschehen, weil man nicht an das Allgemeinwohl denkt, sondern nur an Profite.

Sie werfen Rheinmetall insbesondere vor, mit seinem Waffenhandel in das Kriegstreiben gegen die demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien in Rojava involviert zu sein.

Deutschland liefert seit Anfang 2000 ständig Leopard-2-Panzer an die Türkei. Rheinmetall baut die Kanonen dafür. Mit diesen Waffen ist die Türkei gemeinsam mit Dschihadisten in Nordostsyrien völkerrechtswidrig einmarschiert und bedroht die Menschen dort nach wie vor. Insofern beteiligt sich der Konzern an den Kriegsverbrechen der Türkei. Währenddessen fehlt es der Bevölkerung in Rojava an Nahrung und medizinischer Versorgung.

Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung?

Sie muss einen generellen Stopp von Waffenexporten erwirken. Es ist ein Armutszeugnis, dass ein SPD-geführtes Außenministerium Ausfuhrgenehmigungen für Regionen erteilt, von denen aus völkerrechtswidrige Angriffskriege geführt werden – beispielsweise für Ägypten, das Teil der Kriegskoalition gegen den Jemen ist. Und das, obwohl die SPD selbst in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, dies zu unterlassen – einfach absurd.

Daniel Seiffert ist aktiv im Bündnis »Rheinmetall entwaffnen«

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit