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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 12 / Thema
Psychische Probleme im Kapitalismus

Arbeit und Depression

In den Sozialwissenschaften findet eine intensive Debatte zu psychosozialen Risiken in der Arbeitswelt statt. Mittlerweile ist sie auch in der Politik angekommen
Von Christina Meyn
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Monotonie, die krank macht. Ob Leistungsdruck oder zu hohe subjektive Ansprüche, die Zunahme psychischer Erkrankungen hängt eng mit den Verhältnissen in der Arbeitswelt zusammen

In diesen Tagen erscheint im Hamburger VSA-Verlag der Sammelband »Humanisierung der Arbeit 4.0. Prävention und Demokratie in der digitalisierten Arbeitsgesellschaft«. Wir veröffentlichen daraus in redaktionell gekürzter Fassung den Aufsatz von Christina Meyn »Psychosoziale Risiken in der Arbeitswelt«. Wir danken Verlag und Autorin für die Genehmigung zum Abdruck.

Angesichts der sich seit Jahrzehnten vollziehenden globalen Umbrüche und der weltweiten Zunahme (diagnostizierter) psychischer Störungen stehen arbeitsbedingte psychosoziale Belastungen bereits seit geraumer Zeit auf der Agenda institutioneller Akteure, die sich für menschenwürdige Arbeit sowie Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz einsetzen. Dabei stehen insbesondere arbeitsbedingter Stress sowie weitere psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz, die langfristig zu psychischen Störungen (u. a. Depressionen) führen können, im Fokus des Interesses.

Die sozialwissenschaftliche Debatte

Weltweit ist eine Zunahme psychischer Störungen, insbesondere von Depressionen, zu beobachten. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden derzeit mehr als 300 Millionen Menschen unter einer depressiven Störung, dicht gefolgt von Angststörungen. Diese Schätzungen beziehen sich nicht nur auf die erwerbstätige Weltbevölkerung. Die WHO geht in ihrem Bericht zudem nicht spezifisch auf arbeitsbedingte Risikofaktoren ein, die zu einer Depression führen können, sondern benennt an erster Stelle Armut, Arbeitslosigkeit sowie Lebenskrisen (Tod eines Angehörigen, Trennung, körperliche Krankheit oder Probleme, verursacht durch Alkohol- und Drogenmissbrauch). Bemerkenswert ist dabei, dass fast ausschließlich psychosoziale Faktoren als Ursache einer Depression angeführt werden. Dies ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund erstaunlich, dass gegenwärtig in deutschen Fachkreisen – trotz der Debatte um das Burnout-Phänomen – psychosoziale Faktoren als Ursache von Depression weniger anerkannt zu sein scheinen bzw. wenn überhaupt im selben Atemzug mit biologischen bzw. biochemischen Deutungsmustern (Stoffwechselstörung im Gehirn) genannt werden.

Einige sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze – insbesondere in den Gesellschaften des globalen Nordens – deuten wiederum psychische Störungen, die vorwiegend mit dem Arbeitsleben in Verbindung gebracht werden, als Erschöpfungsphänomene, als »Leiterkrankungen des subjektivierten Kapitalismus«¹, als Folge des Aufbrechens traditioneller Familien- und Arbeitsmarktstrukturen, der Subjektivierung, Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit, als Folge von wachsender Autonomie, des technologischen Wandels sowie von (verinnerlichten) Vermarktungsprozessen. Sie liefern damit Erklärungsansätze für eine »spätmoderne Version eines Unbehagens an der Kultur«². Die eher gesundheits- bzw. medizinsoziologische Perspektive auf diese Phänomene konzentriert sich vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen verstärkt auf Fragen nach Pathologisierungs- und Medikalisierungsprozessen von sozialen Problemen. Beiden Strömungen ist gemein, dass Krankheit auch als soziale Repräsentation verstanden werden kann, in der gesellschaftliche Missstände ihren Ausdruck finden können. Fast ausnahmslos alle sozialwissenschaftlichen Beiträge nehmen dabei (zum Teil kritischen) Bezug auf die Studie »Das erschöpfte Selbst« des Soziologen Alain Ehrenberg.³ Am Beispiel von Frankreich entwarf der Autor eine Sozialstudie der westlichen (Leistungs-)Gesellschaft und brachte die Zunahme von (Erschöpfungs-)Depressionen mit den gesellschaftlichen Umbrüchen im letzten Jahrhundert, insbesondere seit den 1960er Jahren (dem Übergang von der Disziplinar- zur Kon­trollgesellschaft, vgl. u. a. Foucaults »Die Geburt der Biopolitik«), zusammen. Die Erschöpfung wird dabei als »Krankheit der Verantwortlichkeit und Unzulänglichkeit«, als Erschöpfung, »man selbst zu sein«, deklariert. Die Vorgaben wurden aufgelöst, die den Individuen früher ihren Platz und ihre Aufgaben in der Gesellschaft relativ klar zugewiesen haben. In seiner Fortsetzung, »Das Unbehagen in der Gesellschaft«⁴ veranschaulicht Ehrenberg dies dadurch, dass die alte Frage »Was darf ich tun?« abgelöst worden sei von der neuen Frage »Besitze ich die Fähigkeit, es zu tun?« und sieht dies als grundlegende Ursache für die hohe Prävalenz von psychischen Verhaltensstörungen. Ehrenberg bezeichnet die Depression daher auch als »Krankheit der Veränderung«. Die Gesellschaft suggeriert, dass im Grunde nichts mehr verboten und alles möglich sei – im Umkehrschluss ist die Verantwortung (insbesondere für das Scheitern) selbst zu tragen. Die Anforderungen für die Lebensbewältigung werden somit subjektiviert. Nach Ehrenbergs These wird demnach der Konflikt, den gesellschaftlichen Anforderungen nicht zu genügen, nach innen gerichtet. Dem vorangestellt sei jedoch eine »Dekonfliktualisierung« der Gesellschaft. An die Stelle der Kämpfe zwischen sozialen Gruppen trete die individuelle Konkurrenz und Ausbalancierung von Konflikten. Die Depression als klinische Erscheinung bringe somit Probleme, Konflikte und Widersprüche zum Ausdruck, die mit dem Prozess einer generalisierten Aufwertung von Autonomie einhergehen, der das gesamte soziale Leben durchziehe. Die »globale Veränderung des menschlichen Selbstbildes« führte zu dem medizinischen wie auch sozialen »Erfolg« der Depression.⁵

Bei dem Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft stehe die Depression als klinischer Gegenstand zwischen der alten Welt mit dem dazugehörigen Krankheitsparadigma, dem Fokus der Psychiatrie auf »Geisteskrankheiten«, und der neuen Welt mit neuem Psychiatrieparadigma, dem Fokus auf (geistige) Gesundheit und Autonomie.

Der Philosoph Byung-Chul Han bringt die Erschöpfungsphänomene konkret mit dem »Imperativ der Leistung als neues Gebot« in Verbindung und bezeichnet dies sogar als Form von »systemischer Gewalt«.⁶ Im Gegensatz zu Ehrenberg mache nicht das Übermaß an Verantwortung und Initiative krank, sondern der Leistungsimperativ. »Das Leistungssubjekt, das sich frei wähnt, ist in Wirklichkeit ein Knecht.«⁷ Han begreift Erkrankungen wie Depression oder Burnout als »neuronal«. »Sie sind keine Infektionen, sondern Infarkte, die nicht durch die Negativität des immunologisch Anderen, sondern durch ein Übermaß an Positivität bedingt sind.«⁸ Diese neuronale Gewalt sei eine systemische, »d. h. dem System immanente Gewalt«. Han deutet die Depression somit weniger als Krankheit der Freiheit, sondern vielmehr als »Krankheit der Krise der Freiheit«. Diese Krise zeichne sich dadurch aus, dass die Freiheit nur eine kleine Episode ausmache beim Übergang von einer Ordnung in die andere, der Befreiung folge nämlich eine neue Unterwerfung. Wie auch bereits bei Ehrenberg geschildert, treten an die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz Projekt, Initiative und Motivation. Die Disziplinargesellschaft sei noch vom »Nein« beherrscht, deren Negativität »Verbrecher« und »Verrückte« erzeuge. Die Leistungsgesellschaft bringe dagegen »Depressive« und »Versager« hervor. Die Positivität des Könnens sei somit viel effizienter als die Negativität des Sollens, weil der Fokus auf Dynamik und Initiative gelegt werde.

Eine Gegenposition zur »Leistungssteigerungsthese« und den »Überforderungstheorien« nimmt beispielsweise Martin Dornes ein und bezieht sich dabei auf epidemiologische Studien, die gegen eine tatsächliche Zunahme von psychischen Störungen sprechen. Zudem müssten bei einer wirklichen Leistungssteigerung die Individuen gleichzeitig über die Kompetenz verfügen, entsprechend mit ihren Ressourcen umzugehen. Josua Handerer u. a. erheben darüber hinaus den Einwand, dass die epidemiologische Datenlage vielmehr davon spräche, dass besonders Erwerbslose, Einsame und chronisch Kranke von Depressionen betroffen seien, diese Statistiken also auch ein »notwendiges Korrektiv« bildeten im hegemonialen Diskurs, bei dem »Hochleister« im Fokus stünden und die »anderen Opfer des modernen Kapitalismus« in den Hintergrund rückten.⁹ Die angebliche »Unterkomplexität« der den sozialwissenschaftlichen Beiträgen zugrunde liegenden Krankheitsmodelle (insbesondere die [Nicht-]Unterscheidung von Auslöser und Ursache) ist ebenfalls Gegenstand der Kritik.

Dieser Kritik steht die Argumentation gegenüber, dass sozialwissenschaftliche Untersuchungen von sozialen Pathologien, gesellschaftlichen Leit- bzw. Zeitkrankheiten schwerlich medizinische Details im Fokus haben können. Da die Sozialforschung in dem hier behandelten Kontext Erschöpfung als ein (mehr oder weniger) zeittypisches Phänomen begreife, sei beispielsweise die Frage, ob Burnout nun eine eigenständige Krankheit ist, die sich eindeutig von körperlichen Erschöpfungszuständen, vom chronischen Müdigkeitssyndrom oder von Depressionen unterscheidet, von geringerer Relevanz. Sozialforschung brauche sich zwischen »krank« oder »gesund«, »normal« oder »pathologisch« nicht zu entscheiden.¹⁰ Gleichwohl stelle psychisches Leiden eine soziale Erfahrung dar, die von den Begrifflichkeiten und Kategorien, mit denen es diagnostiziert und interpretiert wird, nicht getrennt werden könne. Bereits das Sprechen über Stress und Burnout ermögliche, einem »Unbehagen« auf kollektiver wie subjektiver Ebene Ausdruck zu verleihen.

Arbeitsbedingte Ursachen

Vor dem Hintergrund der dargestellten Erklärungsansätze ist die Frage, welchen Anteil die Arbeitswelt tatsächlich an der Zunahme von (diagnostizierten) psychischen Störungen hat bzw. haben kann, Inhalt (nicht nur) arbeitspolitischer Diskurse weltweit. Es gibt Studien, die Zusammenhänge nachweisen konnten, insbesondere zwischen objektiv bestehender Arbeitsintensität und dem Risiko für das Auftreten einer depressiven Störung. Beispielsweise ergab ein systematisches Review von 54 internationalen Metaanalysen und Reviews, dass hohe Arbeitsintensität, geringer Handlungsspielraum, Job Strain (psychosoziale Belastung im Beruf, jW), Effort-Reward-Imbalance (Unausgeglichenheit zwischen Arbeitsaufwand und Belohnung, jW), Überstunden, lange Arbeitszeiten, bestimmte Formen von Schichtarbeit, geringe soziale Unterstützung, Rollenstress, Mobbing und Arbeitsplatzunsicherheit als potentiell gesundheitsgefährdend einzuschätzen sind und daher bei Gefährdungsbeurteilungen berücksichtigt werden sollten.¹¹

Hans-Ulrich Wittchen u. a. führten ein systematisches Review über die Prävalenz von psychischen Störungen in den 27 Mitgliedsländern der EU durch und berücksichtigten dabei auch die Schweiz, Island und Norwegen. Sie stellten fest, dass jedes Jahr etwa 38,2 Prozent der EU-Bevölkerung an einer psychischen Störung leiden. Die häufigsten Störungen seien dabei Angststörungen (14,0 %), Schlaflosigkeit (7,0 %) sowie schwere Depressionen (6,9 %). Wesentliche Unterschiede zwischen den Ländern konnten dabei nicht festgestellt werden.¹² Die digitale Transformation intensiviert diese Tendenzen nicht nur und erzeugt spezifische neuartige Belastungen, sie verleiht der »alten« Debatte zudem ein neues Etikett.

Allen kontroversen Debatten um allgemeine Ursachen und konkrete Zusammenhänge zum Trotz bilden Depressionen weltweit die häufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit. Die Schätzung der mit diesen Entwicklungen verbundenen Kosten liegen allein in Europa bei 600 Milliarden Euro. Schon allein diese hohen Kosten erzeugen einen erheblichen Handlungsdruck für Politik, Sozialversicherungsträger, Unternehmen sowie für die Institutionen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Aktuelle Entwicklungen in der BRD

Auch in Deutschland bilden psychische Störungen seit einigen Jahren die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Arbeitsunfähigkeit und sind seit Jahren führende Bewilligungsdiagnosen für Erwerbsminderungsrenten.

Vor diesem Hintergrund wurde – insbesondere unter dem Stichwort »Burnout« – eine breite gesamtgesellschaftliche Debatte zum arbeitsbedingten Stress angestoßen, die u. a. im Jahr 2013 zu einer Konkretisierung in Paragraph 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) »Beurteilung der Arbeitsbedingungen« führte, der nun explizit benennt, dass auch psychische Faktoren in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden müssen. Mit angestoßen wurde dies von der Initiative der DGB-Gewerkschaft IG Metall zu einer Antistressverordnung, die den Gesamtprozess der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung verbindlicher regeln sollte. Eine konkrete Verordnung bleibt jedoch bis heute aus. Die Bundesregierung setzte vorerst auf eine wissenschaftliche Standortbestimmung, die gleichzeitig eine fundierte Übersicht über psychische Belastungsfaktoren in der Arbeitswelt geben sowie Handlungsoptionen für notwendige Regelungen aufzeigen sollte. Im Lichte dieser Erkenntnisse wurde laut Regierung »eine verbindliche Regelung in der Form einer Verordnung gegen psychische Erkrankungen nicht ausgeschlossen«.¹³ Auf die kleine Anfrage »Arbeitsbezogene psychische Belastungen in Deutschland«¹⁴ der Fraktion Die Linke vom 11. März 2019 antwortete die Bundesregierung jedoch am 22. März, sie ziehe aus den Ergebnissen der wissenschaftlichen Standortbestimmung die Schlussfolgerung, dass sich keine hinreichend konkreten Gestaltungsanforderungen ableiten ließen, die in einer Arbeitsschutzverordnung geregelt werden könnten. Dennoch bestehe weiterhin Prüfbedarf hinsichtlich der Notwendigkeit einer Antistressverordnung.

Einige Erfolge konnten dennoch verzeichnet werden. Die Bundesregierung hielt ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag (Legislaturperiode 2013–2017) ein und integrierte das Thema »psychische Belastungen« in bereits bestehende Verordnungen, wie in die Novellierung der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) im Jahr 2016.

Zukünftige Handlungsfelder

In Anbetracht der Komplexität der Thematik und der dargestellten europa- und weltweiten Aktivitäten seit den 1980er Jahren kann an dieser Stelle nicht das Ziel sein, ein umfassendes Resümee zu ziehen. Vielmehr bilden die folgenden Ausführungen einen Versuch der Identifizierung von einigen Handlungsfeldern und weiteren wichtigen Schritten.

Die bisherigen (Evaluations-)Studien in bezug auf die Reichweite von Initiativen und die Umsetzung von Richtlinien lassen darauf schließen, dass die Thematik zumindest ansprechbar geworden ist, auf gesellschaftlicher Ebene sowie in Betrieben, zumindest in Großunternehmen. Zum Teil konnten gute Instrumente entwickelt werden. Rechtliche Regelungsansätze, die zumindest festschreiben, welche Risikobereiche für die Gefährdungsermittlung (die an die jeweiligen spezifischen betrieblichen Bedingungen anzupassen sind) und Maßnahmenableitung einbezogen werden müssen sowie eine Beteiligung der Beschäftigten als Experten ihrer Arbeitsplätze vorsehen, bilden eine wichtige Grundlage. Neben ihrer Funktion als Handlungsgrundlage verleihen die Regelungsansätze aber auch einer (gesellschaftlichen) Prioritätensetzung in diese Richtung mehr Gewicht. Dazu bedarf es jedoch – neben den betrieblichen Interessenvertretungen als Treiber – eines effektiveren Aufsichtshandelns, nicht nur zur Überwachung/Sanktionierung, sondern auch – mit genügend Ressourcen ausgestattet – zur Unterstützung des Gesamtprozesses in den Betrieben. Dass es bisher trotz der Vielzahl Erfolg versprechender Aktivitäten zu keiner flächendeckenden Umsetzung gekommen ist, lässt sich möglicherweise zum einen dadurch erklären, dass sich Erschöpfungsphänomene nicht (zumindest nicht langfristig) mit weiteren Selbstoptimierungsmechanismen lösen lassen, die neue Normen und Verhaltenserwartungen etablieren und letztlich sogar als eine neuartige Form sozialer Kontrolle begriffen werden können. Dies könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass das Stigma »psychische Störung« gerade in den Ländern des globalen Nordens teilweise noch tief verankert ist. Die Diskurse um Erschöpfung könnten dieses Stigma zum Teil verstärkt, wenn nicht gar zu neuen Stigmatisierungen geführt haben. Beispielsweise könnten diejenigen als »schwach« gelten, die es nach dem Präventionsdispositiv nicht vermögen, sich den gesellschaftlichen Anforderungen nach »gesundem Maß« anzupassen.

Die mangelnde Umsetzung liegt in vielen Fällen auch darin begründet, dass ständige Restrukturierungs- und nun auch Digitalisierungsprozesse in den Betrieben dazu führen, Themen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes über Bord fallen zu lassen. Dabei gibt es Ansätze, Veränderungsprozesse »vorausschauend« mit Arbeits- und Gesundheitsschutz zu verbinden, aber auch dies bedeutet für viele Akteure in Anbetracht der Komplexität Überforderung, insbesondere für Interessenvertretungen, die »alles« im Blick haben und bestenfalls in Betriebsvereinbarungen festhalten müssen. Letztlich wirken nach wie vor die »einfachen« Machtlogiken zwischen Arbeit und Kapital, die durch den entfesselten Neoliberalismus und zum Teil auch durch die »Kehrseite« der Digitalisierung weiter verstärkt werden und sich logischerweise nicht (allein) durch Instrumente und gesetzliche Regelungen bändigen lassen.

Wie dargestellt wurde, ist bei der Betrachtung einiger Evaluationsstudien und -veranstaltungen zur Umsetzung von Initiativen in bezug auf psychosoziale Risiken auffallend, dass häufig von einem erforderlichen Kulturwandel die Rede ist. Das ist zwar alles andere als neu, doch scheint der Begriff gegenwärtig eine andere Konnotation zu haben. Es geht mehr denn je um die grundsätzliche Frage, wie wir leben wollen, und um die (auch öffentlich thematisierte) Feststellung, dass die westlichen Gesellschafts- und Wirtschafts(un)ordnungen schon lange außer Kontrolle geraten sind (siehe u. a. die öffentlichen Diskurse zu Klimawandel, Geflüchtetenkrise, bezahlbaren Wohnraum). Bei der gegenwärtigen Debatte um Arbeit 4.0, in der alte (physische wie psychosoziale) Belastungen unter neuen Vorzeichen ausgehandelt werden, steht weniger der Kontext (psychische) Gesundheit im Vordergrund, sondern der digital-ökonomische Fortschritt. Doch es besteht das dringliche Erfordnis, wirtschaftliche Fragen mit Humanisierungs- und Nachhaltigkeitsfragen zu verknüpfen, denen die Akzeptanz von einem Ende des grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstums inhärent ist. Sollte es mit der Zeit gelingen, eine selbstverständliche Verknüpfung dieser Fragen kulturell in der Gesellschaft, in Institutionen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie in der betrieblichen Mitbestimmung zu verankern, könnte dies als eine der erfolgversprechendsten transnationalen Initiativen zum Schutz vor psychosozialen Risiken in der Arbeitswelt gelten.

1 Günther Voß/Cornelia Weiß: Burnout und Depression – Leiterkrankungen des subjektivierten Kapitalismus oder: Woran leidet der Arbeitskraftunternehmer? In: Sighard Neckel/Greta Wagner (Hrsg): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Berlin 2013, Suhrkamp-Verlag, S. 29–57, hier: S. 29

2 Ingar Abels: Die Sorge um die Depression. Elemente einer Genealogie. Weinheim 2015, Beltz Juventa, S. 282

3 Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. 7. Auflage, Berlin 2013, Suhrkamp-Verlag

4 Alain Ehrenberg: Das Unbehagen in der Gesellschaft. Berlin 2011, Suhrkamp-Verlag

5 Alain Ehrenberg: Depression: Unbehagen in der Kultur oder neue Formen der Sozialität. In: Christoph Menke/Juliane Rebentisch (Hrsg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. 3. Auflage, Berlin 2016, Kadmos-Verlag. S. 52–62

6 Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. 8. Auflage, Berlin 2013, Matthes & Seitz, S. 5

7 Byung-Chul Han: Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. 5. Auflage, Frankfurt am Main 2014, Fischer-Verlag, S. 9

8 Ebd. S. 7

9 Josua Handerer/Julia Thom/Frank Jacobi: Die vermeintliche Zunahme der Depression auf dem Prüfstand. Epistemologische Prämissen, epidemiologische Daten, transdisziplinäre Implikationen. In: Thomas Fuchs/ Lukas Iwer/ Stefano Micali (Hrsg.): Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft. Berlin 2018, Suhrkamp-Verlag, S. 159–209, hier: S. 199

10 Sighard Neckel/Greta Wagner: Burnout. Soziales Leiden an Wachstum und Wettbewerb. In: WSI-Mitteilungen, Jahrgang 7, 2014, S. 536–542, hier: S. 537

11 Renate Rau/Dajana Buyken: Der aktuelle Kenntnisstand über Erkrankungsrisiken durch psychische Arbeitsbelastungen. Ein systematisches Review über Metaanalysen und Reviews. In: Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, Jahrgang 59, 2015, S. 113–129

12 Hans-Ulrich Wittchen u.a.: The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. In: European Neuropsychopharmacology, Jahrgang 21, 2011, Nr. 9, S. 655–679

13 Bundesregierung: Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 18. Legislaturperiode. Berlin 2013

14 Vgl. https://www.linksfraktion.de/ (6.5.2020)

Christina Meyn ist Sozialwissenschaftlerin, Mitglied des Promotionskollegs »Die Arbeit und ihre Subjekte« und Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung.Arno Georg/Kerstin Guhlemann/Gerd Peter (Hrsg.): Humanisierung der Arbeit 4.0. ­Prävention und Demokratie in der digitalisierten Arbeitsgesellschaft. VSA-Verlag Hamburg 2020, 240 Seiten, 19,80 Euro

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