Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Heavy Metal

Das Beste kommt noch

Metalapokryphen: Eine Neuauflage der späten Dio-Alben
Von Frank Schäfer
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Erfinder der Pommesgabel: Ronnie James Dio (2007)

Ronnie James Dio hat mit Rainbow, Black Sabbath und seiner eigenen Band Dio ein paar mächtige Haufen gemacht auf dem Acker der Rockgeschichte. Nicht nur als Sänger, dessen grollende Knurrhahnvocals mindestens so oft imitiert wurden wie Rob Halfords Eierschneiderstyle und trotzdem unverwechselbar blieben, hat er Eindruck hinterlassen, sondern auch als Grundsympath und Integrationsfigur. Sein Markenzeichen, die gehörnte Hand, »Mano Cornuta«, die Pommesgabel, die man schon bei den alten Etruskern, also in der allerersten Eisenzeit machte, avancierte zum Erkennungssymbol der Szene. Zehn Jahre nach seinem Krebstod wird nun der Dio-Katalog in splendiden Einzeleditionen nach und nach wiederaufgelegt. Das Beste kommt noch, muss man leider sagen, denn die Serie beginnt mit den Apokryphen, den letzten vier Alben.

Dio war von Anfang an kein Soloprojekt, sondern eine richtige Band. Jimmy Bain und Vivian Campbell hatten große Anteile am Songwriting, und nicht zuletzt Campbells energisches, technisch anspruchsvolles, aber auch nicht verkopftes Gitarrenspiel prägte die Musik. Dios Frau Wendy soll ihn ja 1986 rausgeekelt haben, wollen einige wie immer bestens informierte Marktschreier wissen. So schön wie mit ihm wurde es jedenfalls nie wieder.

So schlimm wie mit Tracy G aber auch nicht. »Angry Machines« (1996) ist das schwächste Album der Band. Mitte der 90er ist mit traditionellem Metal kein Blumentopf mehr zu gewinnen, alle 80er-Größen versuchen sich neu zu erfinden, wissen aber nicht wie. Diese Unsicherheit spürt man auch hier. Der Sound wird struppiger, Dio schreibt auf einmal über die harte Realität und keine Regenbogenmärchen mehr. Vor allem ist Tracy G als Songwriter ein Totalausfall. Kein einziger Riff, der wirklich zündet. Die Band ist tight, Ronnie natürlich wieder gut bei Stimme, aber wofür das alles, wenn das Fundament fehlt? Um die Neuausgabe interessant zu machen, hat man sie um ein vollständiges Livealbum ergänzt, das im direkten Vergleich noch einmal die Schwächen der neuen Songs entlarvt. Den Kanon, also Songs wie »Holy Diver«, »Rainbow In The Dark«, »The Last In Line« oder »We Rock«, kriegt nicht mal Tracy G kaputt.

Der Mann wurde zu Recht bald ausgemustert. Für das anschließende Konzeptalbum »Magica« (2000) kommt der Traditionalist Craig Goldy zurück, der bereits bei »Dream Evil« (1987) ein ganz solides Ritchie-Blackmore-Plagiat abgeliefert hat und dem Album die erwartbare Seventies-Schlagseite verpasst. Die Retronummer mit fetten Orgeln passt zum Science-Fiction-Fantasy-Nonsens, den Dio hier auspackt. Goldy ist auch noch am Songwriting des Nachfolgers »Killing the Dragon« (2002) beteiligt, zieht sich dann aber wieder zurück. Der unstete Doug Aldrich (Whitesnake, Dead Daisies, Revolution Saints etc.) kommt zu spät, um als Komponist erheblich eingreifen zu können, vielleicht zum Glück, aber sein agiles Spiel drückt dem Album seinen Stempel auf und bringt die Band in der Gegenwart. Mit »Push« hat man sogar mal wieder einen Hit. Aber dass so ein Gitarren-Ahasver nicht bleiben würde, war allen klar, also muss Craig Goldy wieder ran. »Master of the Moon« (2004) ist das konservative Hard-Rock-Album, das alle erwartet haben, behäbig, pathetisch, mit viel Platz für Dios singuläres Shouting. Absolut unverächtlich, aber wer Dio singen hören will, nimmt sich »Holy Diver« und »The Last in Line« oder gleich »Heaven and Hell« und »Mob Rules« vor. Das weiß auch das Label und hat deshalb alle Neuausgaben mit ziemlich umfangreichem Live-Bonus-Material ausgestattet, damit wenigstens die Sammler ihr Sabberlätzchen umbinden können.

Dio: »Angry Machines«; »Magica«; »Killing the Dragon«; »Master of the Moon« (alle BMG)