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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bilanzfälschung

Lukrativ dank Photoshop

Krefelder Röhrenhersteller haut Warren Buffett bei Übernahme übers Ohr
Von Steffen Stierle
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Ging einem Krefelder Unternehmer auf den Leim: Warren Buffett, viertreichster Mann der Welt

Die Holdinggesellschaft des legendären US-Investors Warren Buffett, Berkshire Hathaway, hat sich ins Bockshorn jagen lassen: Als das Konsortium Anfang 2017 für 800 Millionen Euro die Krefelder Wilhelm Schulz GmbH übernahm, freute sich die Unternehmensführung zunächst Löcher in den Bauch. Investmentchef Ted Weschler sprach von einem »genialen Deal«. Doch wie sich bald rausstellte, war der Röhrenspezialist zu diesem Zeitpunkt längst pleite und nur noch einen Bruchteil der bezahlten Summe wert. Heute beschäftigen die Vorgänge die Justiz.

Dabei war Schulz schon Mitte 2016 unter enormen Druck der Gläubiger geraten, allen voran der Commerzbank, wie das Handelsblatt am Dienstag berichtete. Eine Insolvenz schien unabwendbar. Wäre da nicht ein US-Milliardär gewesen, der unbedingt auf dem deutschen Markt Fuß fassen wollte und das kriminelle Potential des deutschen Mittelstands gehörig unterschätzte: Im Hause Schulz hatte man man Wochen damit verbracht, Auftragseingänge zu fälschen. Für Scheinbestellungen wurden Scheinrechnungen ausgestellt, bis das Unternehmen zumindest auf dem (selbst bedruckten) Papier wieder solide aufgestellt war. Photoshop sei Dank.

Diese Bilanzmanipulation wurde offenbar in großer Eile vollzogen, denn die Buffett-Leute hatten zu diesem Zeitpunkt bereits angebissen. Die auf den Mittelstand spezialisierte Münchener Investmentbank Fox Corporate Finance hatte Hathaway mit der Behauptung gelockt, Schulz befände sich auf einem Wachstumsmarkt und sei im Begriff, Umsatz und Gewinn deutlich zu steigern. Da zögert einer wie Buffett nicht lange. Im Dezember 2016 wurden die Kaufverträge unterzeichnet, im Februar 2017 ging die Übernahme über die Bühne. Auch zur Freude der Commerzbank, bei der Unternehmenspatriarch Wolfgang Schulz auf einen Schlag die Schulden in Höhe von 361 Millionen Euro begleichen konnte.

Seit März 2018 ist der »geniale Deal« ein Fall für die Justiz dies- und jenseits des Atlantik. Denn in der Zwischenzeit hatten Schulz-Mitarbeiter den neuen Eigentümer auf die Manipulation hingewiesen. Es stellte sich heraus, dass man für das Pleiteunternehmen gut das Neunfache des eigentlichen Werts bezahlt hatte. Im April wurde dem Buffett-Konsortium von einem US-Schiedsgericht ein Betrag von umgerechnet 643 Millionen Euro zugesprochen, wie die New York Times berichtete. Angesichts dieser Forderung meldeten vier Unternehmen der Schulz-Gruppe am Montag Insolvenz an. In Deutschland ist seit Oktober 2018 die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen in Düsseldorf mit den Vorgängen befasst. Dort lautet der Vorwurf auf Betrug, Urkundenfälschung und Bilanzfälschung, wie Oberstaatsanwalt Ralf Möllmann im April gegenüber RP Online erläuterte.

Für einen wie Buffett sind 643 Millionen zwar Peanuts, doch angesichts der deftigen Verluste, die seine Holding im Zuge der Coronakrise zu verbuchen hat, käme dem laut Forbes viertreichsten Mann der Welt die Entschädigung nicht ungelegen. Bei der virtuellen Hauptversammlung vermeldete Hathaway einen spektakulären Quartalsverlust von knapp 50 Milliarden Dollar (45,5 Milliarden Euro). Angesichts der Schulz-Insolvenzen könnte sich der Richterspruch für Buffett letztlich jedoch als wertlos herausstellen.

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