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Aus: Ausgabe vom 07.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Globale Rezession

Saudis hamstern

Wirtschaft schmiert mit Ölpreis ab. Durch Auslandsinvestitionen könnte die Golfmacht dennoch von Krise profitieren
Von Gerrit Hoekman
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So sympathisch er wirken mag, man vergesse nicht seinen Krieg im Jemen und den Khashoggi-Mord: »MBS«, der geniale Kronprinz von Saudi-Arabien

Der Ölpreis ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahren, und wegen der Pandemie stehen große Teile der Wirtschaft still: Die Zeiten, in denen Saudi-Arabien das Geld mit vollen Händen verprassen konnte, sind vorbei. Finanzminister Mohammed Al-Dschadaan kündigte deshalb am Samstag im saudischen TV-Sender Al-Arabija erhebliche Sparmaßnahmen der Regierung an, wie die staatliche Nachrichtenagentur Saudi Press Agency (SPA) meldete.

Das betrifft SAP zufolge auch Projekte im Zusammenhang mit der »Vision 2030«, dem ambitionierten Wirtschaftsplan des Kronprinzen Mohammed bin Salman, der Saudi-Arabien mittelfristig unabhängig vom Erdöl machen soll. »Die Regierung wird strenge und rigorose Maßnahmen ergreifen, die vielleicht schmerzhaft sind, aber notwendig für die Stabilität der Finanzen«, sagte Al-Dschadaan. »Alle Optionen sind offen.«

Loch im Haushalt

In der Vergangenheit konnte sich Saudi-Arabien auf seine sprudelnden Ölquellen verlassen, die riesige Mengen Geld in den Staatshaushalt spülten. Mit dem Füllhorn schüttete die Regierung Wohltaten über seine Bürgerinnen und Bürger aus, die jahrzehntelang nicht einmal Steuern zahlen mussten. Nun wird dem Königreich seine Abhängigkeit vom »schwarzen Gold« schneller zum Verhängnis als gedacht – die Öleinnahmen sind seit Anfang des Jahres um die Hälfte gesunken.

»Laut dem unabhängigen Institut Saudi Jadwa Investment droht dem sunnitischen Königreich in diesem Jahr ein Rekorddefizit von 112 Milliarden Dollar«, meldete die Nachrichtenagentur AFP am Sonntag. Der Internationale Währungsfonds rechnet demnach mit einem Rückgang der saudischen Wirtschaft in diesem Jahr um 2,3 Prozent. Laut AFP kündigte Finanzminister Dschadaan an, umgerechnet 55 Milliarden Euro an neuen Schulden aufzunehmen, um das Loch im Haushalt zu schließen.

Die finanziellen Probleme sind auch der einflussreichen US-Ratingagentur Moody›s nicht entgangen: Sie korrigierte am 1. Mai die Aussichten für Saudi-Arabien von stabil auf negativ, verzichtete aber noch auf eine Abwertung des aktuellen A-1-Status. »Der negative Ausblick resultierte aus den wachsenden Risiken für Saudi-Arabiens finanzielle Stärke«, erklärte Moody‹s. Es sei unsicher, wie das Land die entgangenen Einnahmen wettmachen und die Schuldenlast mittelfristig stabilisieren wolle. Um das Defizit auszugleichen, wäre nach Berechnungen der Ratingagentur ein Ölpreis von 76,10 US-Dollar pro Barrel nötig, aber im Augenblick bewege sich der Preis um die 25 Dollar.

Die saudische Führung will die Misere mit Investitionen im Ausland wenn nicht beenden, so doch lindern. »Diese Art von Krisen schafft Investmentgelegenheiten, weil viele Unternehmen ihre Investitionen verringern und sich Chancen ergeben, in sie zu investieren«, erklärte Finanzminister Dschadaan laut SPA. Mit den zurückfließenden Erträgen könne das Haushaltsdefizit in den nächsten Jahren gedämpft werden.

Seit dem Beginn der Coronakrise ist der staatliche Public Investment Fund, dessen Chef Kronprinz Mohammed bin Salman ist, auf Einkaufstour. Am 27. April erstand er auf dem freien Aktienmarkt für 500 Millionen Dollar 5,7 Prozent der Anteile an Live Nation. Der US-amerikanische Konzertveranstalter durchlebt schwere Zeiten, weil Musikfestivals wegen der Pandemie bis auf weiteres verboten sind. Das Kaufangebot für den englischen Fußballklub Newcastle United rief unlängst sogar das britische Parlament auf den Plan.

Zwei Wochen zuvor kaufte der Public Investment Fond 8,2 Prozent an der weltgrößten Kreuzfahrtlinie Carnival aus Miami, zu der auch die deutsche Aida Cruises gehört. Die Flotte liegt aktuell komplett an den Kais, die Aktie sackte in den Keller. Anfang April berichtete das Wall Street Journal außerdem, dass sich der saudische Investment Fond auch bei den Ölgesellschaften Royal Dutch Shell, Total, Equinor und Eni eingekauft hat.

Möglicher Krisengewinner

Der US-amerikanische Energie-Experte und frühere Berater von Präsident Obama, Jason Bordoff, sieht Saudi-Arabien trotz der Probleme als einen möglichen Gewinner der Wirtschaftskrise. »Mit 474 Milliarden Dollar an Valutareserven bei der Zentralbank, bleibt Saudi-Arabien komfortabel über dem Level von ungefähr 300 Milliarden Dollar, das viele als das Minimum betrachten, um seine Währung, den Riyal, zu schützen, der am US-Dollar gebunden ist«, schrieb Bordoff am Dienstag in einem Onlinebeitrag für die Zeitschrift Foreign Policy.

Saudi-Arabien könne darauf bauen, dass der Ölpreis rasant steigen dürfte, sobald die Weltwirtschaft nach dem Ende der Pandemie wieder hochfahre. Wann das sein wird, hängt jedoch wesentlich vom medizinischen Fortschritt im Kampf gegen das Virus ab. Der saudische Finanzminister Dschadaan schwor sein Land jedenfalls am Samstag auf eine längere Phase ein: »Ich sage voraus, dass sich der wirtschaftliche Schock noch eine Zeitlang fortsetzen wird, und zwar nicht für kurze Dauer.«

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